Relativismus

Festhalten an der Existenz Gottes

Wahrheit: der christliche Glaube lebt aus ihr, die moderne Wissenschaft sucht nicht mehr nach ihr. Die Aufgabe der Wahrheitssuche hat Folgen, nicht nur im akademischen Elfenbeinturm. Sie wirkt auf die Ethik und leistet dem Relativismus Vorschub.

Treffen sich ein Relativist und ein Universalist und unterhalten sich über Wahrheit. Meint der Relativist: „Wahrheit ist das, womit mich meine Zeitgenossen davonkommen lassen.“ Entgegnet der Universalist: „Damit lasse ich dich nicht davonkommen.“ Dieser unter Philosophen recht beliebte Scherz zeigt den wunden Punkt des Relativismus: Die Wahrheit wird beliebig, weil sie abhängig wird vom Menschen, der sie einer Sache zubilligt oder auch nicht.

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Diese Position entfaltet sich, mit Vorläufern in der Antike (Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“), in der Reaktion auf die religiös grundierten Herrschaftssysteme des europäischen Mittelalters, die in der Frühen Neuzeit dazu übergingen, ihren jeweiligen Universalitätsanspruch auch gewaltsam umzusetzen, um zu einer kulturellen Uniformierung zu gelangen.

Gesellschaftliche Klammer

Die Auseinandersetzungen zwischen christlichem Kaiserreich und dem muslimischen Reich der Osmanen zu Beginn des 16. und zum Ende des 17. Jahrhunderts, die als Konfessions- und Konstitutionskriege in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zutage tretenden Spannungen zwischen den Nationen Europas, aber auch die Kolonisation Afrikas und Amerikas durch die Europäer ab dem 15. Jahrhundert hatten gezeigt, wie problematisch die Verbindung einer Religion mit universalistischem Anspruch auf Wahrheit mit einem infolgedessen absolut verstandenen Regime ist, das daraus weltliche Ansprüche ableitet. Die auf weltliche Vollzüge gewendete Gnade Gottes erstreckte sich auf Politik und Wirtschaft, Kunst und Kultur. Sie sorgte damit für eine Klammer, die die Gesellschaft zusammenhielt, die aber zunehmend als einengend empfunden wurde. Universalitätsskepsis zieht ein ins europäische Ideengebäude.

Großprojekt der Aufklärung: Universalitätsskepsis

Diese Universalitätsskepsis kommt daher, dass Begriffe wie Absolutheit, Objektivität und Wahrheit mit ihr verbunden werden, Begriffe der christlichen Religion, die Europas Politik und Kultur lange geprägt hatten, gegen die sich nun aber das Programm der Aufklärung zunehmend wandte, die eigene Geschichte vergessend. Denn: Die Wurzel der Aufklärung ist das christliche Menschenbild, die daraus erwachsende Befähigung zu vernünftigem, gewissenhaftem Denken und Handeln in Freiheit. Das musste zu Beginn der Aufklärung als wahr angenommen werden, sonst hätte es die Aufklärung nie gegeben.

Am Anfang steht damit die Annahme, dass es Wahrheit geben können muss und dass sie in Gott gegründet ist. Am Anfang der Aufklärung steht also eben jene Absolutheit, Objektivität und Wahrheit, gegen die man skeptisch geworden war und derer man sich im Subjektivismus zu entledigen suchte: Wahrheit gebe es nur als Ergebnis menschlicher Wahrnehmungs- und Deutungsleistung, nicht mehr „an sich“, wie Immanuel Kant es auf den Punkt bringt. Die Moderne ist fortan nicht nur skeptisch gegenüber der Universalitätsbehauptung, sondern reagiert geradezu allergisch, wenn sie erhoben wird. In ihrem Denken kommt Wahrheit nur noch in An- und Abführung vor, als sogenannte, als deine Wahrheit und meine Wahrheit.

Kinderkrankheiten der Zivilisationsgeschichte

Die sich durch die Aufklärung rasant und wirkmächtig entwickelnden Naturwissenschaften versuchen entsprechend, diese Kinderkrankheiten der Zivilisationsgeschichte loszuwerden. Sie versuchen sie abzuschütteln, um metaphysikfrei und neutral forschen zu können und damit ganz ohne auszukommen: ohne Gott, daher ohne Wahrheit, ohne Wahrheit, weil ohne Gott. Objektive Wahrheit gibt es dann nicht, es gibt nur intersubjektive Bestätigungsfähigkeit.

Also: Alles muss bestätigungsfähig sein. Dazu muss die Beschreibung des Sachverhalts in einer empiristischen Sprache geschehen (oder zumindest in diese übertragbar sein), das heißt, es müssen Formulierungen gewählt werden, die Bedingungen enthalten oder festlegen, unter denen die Aussage falsch wird. Der Sachverhalt muss sich „zeigen“ lassen können – empirisch, das heißt durch die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Ganz ohne Wahrheitsanspruch.

Wahrheit ist gebunden an Gott

Es zeigt sich hier – der Mensch entscheidet! – ganz deutlich, dass im Verlust der Wahrheit zugleich die Ablehnung Gottes mitschwingt und umgekehrt. Das heißt: Wahrheit ist und bleibt unbedingt gebunden an Gott. „Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott“, meint Edith Stein und Robert Spaemann sagt mit Blick auf die aufgeklärte Moderne: „Wenn es Gott nicht gibt, sagte Nietzsche, dann gibt es keine Wahrheit, dann gibt es nur die individuellen Perspektiven jedes Menschen auf die Welt, und die Frage nach einer wahren Perspektive stellt sich nicht, denn das wäre die Perspektive Gottes.“ So spricht die wissenschaftlich-technische Moderne von Beobachterperspektive, Intersubjektivität und Bestätigungsfähigkeit, aber nicht von Wahrheit. Weil sie nicht mehr von Gott spricht. Konsequent, aber tragisch, weil damit das Fundament der Gesellschaft verloren geht.

Vom epistemologischen zum ethischen Relativismus

Denn dieser Verlust bleibt nicht in den Mauern des Elfenbeinturms, er hält Weiterungen bereit, die in den Alltag hineinwirken: Der epistemologische Relativismus, der aus dem szientistischen Projekt einer wissenschaftlichen Weltsicht folgt, stößt die Tür zum ethischen Relativismus weit auf, weiter als je zuvor, weil die Moderne Werte an Argumente und Wissen und nicht an Autorität und Tradition bindet, also ganz auf eine erkenntnistheoretische Einigung angewiesen ist, nachdem sie eine kulturell-historische Bezugnahme auf eine Wert- und Normbasis im Christentum selbst unter der Bedingung abgelehnt hat, dass diese als rein funktionalistische Klammer erscheint.

Die vom Wiener Kreis angestrebte „Einheitswissenschaft“ ist in weiter Ferne, die tradierte Klammer nicht mehr verfügbar – man hatte sie in einem unhinterfragten Fortschrittsoptimismus über Bord geworfen, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass man keinen adäquaten Ersatz parat hat. Auch Kants Rettungsversuch mit der Figur des Kategorischen Imperativ, der allgemeinen Anerkennung des moralischen Gesetzes, ist allenfalls ein theoretisch gebliebenes Substitut des Glaubens an Gott, der im Christentum Wahrheit und Liebe ist. Mehr nicht.

Ethische Wahrheit

Zugespitzt: So wie wir in der Epistemologie „Bestätigungsfähigkeit“ für „Wahrheit“ eingesetzt haben, setzen wir in der Ethik „Mehrheit“ für „Wahrheit“ ein. Das ist unbefriedigend und zudem konfliktträchtig, denn unter der Oberfläche des „Anything goes“ brodelt es weiter. Dabei ist ethische Wahrheit ähnlich denkbar wie epistemische – einen Unschuldigen zu bestrafen ist genauso falsch, wie zu meinen, Paris sei die Hauptstadt von Dänemark.

Dennoch wird es still um den ethischen Universalismus, dessen vielleicht bekanntester Vertreter Vittorio Hösle ist. „Mich beunruhigt, dass wir den Glauben an Wahrheit und Rationalität weitgehend aufgelöst haben“, meinte Hösle kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift für Ethik und Moralphilosophie (3/2020). Als kritischer Metaphysiker vertritt er eine ethische Universalität, die sich gegen die Beliebigkeit erzeugende Moderne wendet. Hösle ist überzeugt: Nur allgemein geltende Werte können den Herausforderungen gerecht werden, die sich mit globalen Gegenwartsphänomen wie dem Klimawandel, aber auch mit dem um sich greifenden anti-demokratischen Populismus stellen. Dazu erschien 2019 sein Buch „Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart“. So hoch geschätzt Vittorio Hösle in der Fachwelt auch wird, seine Thesen dringen kaum durch.

Festhalten an der Existenz Gottes

Was bleibt uns als Christen angesichts des ernüchternden Befundes zu tun? Wir müssen die Intervention der wissenschaftsgetriebenen Moderne gegen die Metaphysik und insbesondere gegen die Religion insoweit ernst nehmen, als wir immer nach Bestätigung in der Wirklichkeit suchen sollten, wenn wir wollen, dass in den zu prüfenden Aussagen beschriebene Sachverhalte wirklichkeitswirksam (etwa normativ) werden; rein fideistische Geltungsbehauptungen ziehen nicht mehr. Zugleich sollten wir uns die Bedeutung des Wahrheitsbegriffs für Epistemologie und Ethik nicht zerreden lassen, indem wir zum einen daran festhalten, dass sich Wahrheit nicht in Bestätigungsfähigkeit erschöpft, und zum anderen anerkennen, dass es diese Wahrheit auch im Hinblick auf moralische Haltungen und Handlungen gibt, es also lohnt, sie zu suchen. Daran festzuhalten bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als an der Existenz Gottes festzuhalten.

 

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