Fernsehkritik

Von Ingo Langner

Das Leitmotiv des Films „Der Mauerschütze“ ist ein Lied. Es heißt „A Whiter Shade of Pale“ und erklingt immer dann, wenn Menschen ihrem Schicksal begegnen. Zum erstenmal gleich zu Beginn, wenn es zeitgleich ein Grenzsoldat und ein fluchtbereites junges Paar an der deutsch-deutschen Willkürgrenze im Radio hören. Der Song vom noch blasser als blassen Gesicht wurde 1967 von der Band „Procol Harum“ kreiert und ist einer der berühmtesten der Rockgeschichte.

Auch das Drehbuch ist blasser als blass. Es ist realitätsfern und dramaturgisch überladen. Möglicherweise ist es noch vorstellbar, dass ein vom schlechten Gewissen Geplagter als Bittsteller die Witwe des Mannes aufsucht, dessen Mörder er ist. Doch ist es realistisch, dass ein im Jahr 2005 erfolgreicher Onkologe genau das tut, der 1988 als zwanzigjähriger NVA-Grenzer jenen Mann auf der Flucht erschoss und dessen Frau schwer verletzt hat? Ist es nicht geradezu aberwitzig, dass er sich freiwillig auf die Konfrontation mit einer Frau einlässt, die überdies bei dem gescheiterten Fluchtversuch im fünften Monat schwanger war und das ihr von den kommunistischen Machthabern bald nach der Geburt entrissene Kind erst nach dem Mauerfall im November 1989 als freier Mensch wiederbekam und nun als Fischerin an der Ostseeküste mit ihrer zur Renitenz neigenden Teenagertochter lebt?

Kann man es glauben, dass sich der Arzt bei alledem auch noch von seinem moribunden halbwüchsigen Patienten begleiten lässt, der sich dann prompt in die Tochter verliebt und sie in ihn? Wer wollte leugnen, dass das eine extrem krude Story ist? Das also ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass Regisseur Jan Ruzicka zeigt, was einen Film vom Skript unterscheidet und ihm dafür Schauspieler zur Verfügung gestanden haben, die in jeder Einstellung überzeugen. Vor allem Benno Führmann als Mauerschütze, aber auch Annika Kuhl als Witwe und Max Hegewald als Krebskranker spielen so, als sei die ihnen aufgebürdete dramaturgische Last die natürlichste Sache der Welt.

Ein katholischer Zuschauer ahnt bald: was dem Mauerschützen in seiner verzweifelten Hilflosigkeit fehlt, ist ein Priester, der dem glaubwürdig reumütigen Pönitenten im Beichtstuhl die Absolution erteilt. Doch Trost, erst recht kein Himmlischer, ist in der durch und durch säkularen Welt des Films, in dem es ein Krankenhaus, aber keine Kirche gibt, nicht vorgesehen. Subtil kaschiert steckt Erlösung allein im leitmotivischen Lied. Allerdings auch nur für den, der weiß, dass „A Whiter Shade of Pale“ von der Grundmelodie von Johann Sebastian Bachs „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ inspiriert worden ist. Bach hat in seinem Choral das biblische Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen vertont. Die Törichten verpassen die Hochzeit des himmlischen Bräutigams, die Klugen nicht. Sie jubilieren „Hosianna“ und folgen „Jesu, Gottes Sohn zum Freudensaal“.

Wie bei einem Themenabend von „arte“ üblich, kommt nach dem Spielfilm das Filmdokument. In diesem Fall war es „Geheimsache Mauer“. Aus der kaum zu übersehenden Menge an Fernsehdokumentationen, die über den deutschen Todesstreifen seit dem Tag des Mauerbaus am 13. August 1961 produziert worden sind, ragt der Beitrag von Jürgen Ast und Christoph Weinert deshalb heraus, weil es ihnen gelingt, einen eigentlich allseits bekannten Geschichtsabschnitt aus dem Kalten Krieg frisch und wie neu zu erzählen. Das ist nicht allein dem erstklassigen Schnitt und Design zu verdanken, sondern vor allem einem Konzept, das keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass die DDR ein von Verbrechern regiertes Menschengefängnis gewesen ist. „Geheimsache Mauer“ wird von der ARD heute um 22.45 Uhr gezeigt, „Der Mauerschütze“ morgen um 20.15 Uhr. Wer die Filme beim Themenabend auf „arte“ am Freitag verpasst hat, sollte sie in der ARD anschauen. Es lohnt sich.

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