Familienzusammenhalt unter widrigen Umständen

Eine epische Erzählung von Flucht und Neuanfang mit einer gehörigen Portion Humor: „Nur wir drei gemeinsam“. Von José García
Foto: NFP | Nach dem Zusammenbruch des Schah-Regimes heiratet der Aktivist Hibat (Kheiron, Mitte links) die Krankenschwester Fereshteh (Leila Bekhti, Mitte rechts). Bald werden sie sich gezwungen sehen, ins Exil zu gehen.

Der Anfang des Spielfilms „Nur wir drei gemeinsam“ („Nous trois ou rien“) gibt einen komödiantischen Ton vor, der den Spielfilm selbst in den bedrohlichsten Augenblicken nicht mehr verlassen wird: Eine Off-Stimme erzählt zu einer lustigen Sequenz in der Ich-Form von einer 14-köpfigen Familie, die in einer 10 000 Einwohner zählenden Kleinstadt im Süden von Iran lebt. Der Ich-Erzähler ist der junge Hibat, der mit seinen sechs Schwestern und fünf Brüdern unter der liebevollen Fürsorge seiner Eltern aufwächst. Bereits in der Schule – wie eine wiederum humorvolle Szene verdeutlicht – stellt sich heraus, dass Hibat nicht nur klug, sondern auch besonders wissbegierig ist. Als Erwachsener wird Hibat von dessen Sohn Kheiron (bürgerlicher Name: Nouchi Tabib) dargestellt, der auch das Drehbuch verfasst hat und Regie führt. Dass ein Komiker, Fernsehstar und Schauspieler für sein Regiedebüt die Verfilmung seiner eigenen Familiengeschichte wählt, ist eine heikle Angelegenheit. Doch dies gelingt Kheiron ebenso wie die Mischung aus komödiantischen und erschreckenden Szenen.

Die Qualen beginnen für Hibat, als er gegen das autoritäre Regime des Schah von Persien (Alexandre Astier) aufbegehrt und sich als Student der Politik und Rechtswissenschaften heimlich einer kommunistischen Oppositionsgruppe anschließt. Nach etlichen Protesten wird er Anfang der 1970er Jahre zusammen mit politisch Gleichgesinnten festgenommen. Sein Bruder Aziz (Khereddine Ennasri), der die manische Angewohnheit hat, Socken und andere Kleidungsstücke zu entwenden und der Hibat überall hin begleitet, wandert ebenso ins Gefängnis. Als sich Hibat als einziger Häftling weigert, den vom Schah zu dessen Geburtstag gespendeten Kuchen zu essen, wird er in Isolationshaft genommen und gefoltert. Doch er bleibt standhaft. Selbst diese Szenen würzt Kheiron mit einer Prise Humor, um dann einen ersten emotionalen Höhepunkt zu bieten, als Hibat aus der Einzelhaft kommt und die Anerkennung der anderen Häftlinge erfährt.

Inzwischen haben die Proteste Wirkung gezeitigt: Im Januar 1979 verlässt der Schah den Iran. Die anfängliche Begeisterung macht bald Ernüchterung Platz: Ajatollah Khomeini sei „ein noch schlimmerer Diktator“ als der Schah. Hibat nimmt den Kampf gegen die Ajatollahs auf, und lernt dabei die selbstbewusste Krankenschwester Fereshteh (Leila Bekhti) kennen und lieben. Bald hält Hibat bei Fereshtehs Vater (Gérard Darmon) und Mutter (Zabou Breitman) um die Hand ihrer Tochter an. Nach der Hochzeit geht der Kampf gegen ein immer brutaler auftretendes islamistisches Regime weiter. Während sich Hibat bei einem Treffen mit den Kurden aufhält, bringt Fereshteh ihren gemeinsamen Sohn Nouchi zur Welt. Die Gefahr wird so groß, dass Hibat ins Exil muss. Für Fereshteh steht aber fest: Nur wir Drei gemeinsam! Ihnen gelingt die Flucht über die Berge. Über die Türkei kommt die Familie nach Frankreich. Nun beginnt der zweite Teil des Filmes, in dem Hibat und Fereshteh in einem Pariser Vorort Bürgermeister Daniel Bioton (Michel Vuillermoz) bei der Integration von Flüchtlingen und Migranten unterstützen.

Drehbuchautor und Regisseur Kheiron gelingt das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Tonarten seines Filmes, denn die komödiantische Grundierung verharmlost in keinster Weise die tragischen Umstände in Hibats Leben, weder die grausamen Methoden der Gefängniswärter noch das Sterben etlicher Gesinnungsgenossen. Die humorvollen Einlagen machen vielmehr die Schrecknisse von Haft und Folter erst erträglich. Allerdings schlägt die Schah-Darstellung als trotteliger Ignorant eine Spur zu sehr über die Stränge. Demgegenüber scheinen die Umstände in der Sozialstation in Pierrefitte-sur-Seine im Norden von Paris teilweise etwas zu abgemildert zu sein. Außerdem trägt der Regisseur auch in Sachen „Integration“ arg dick auf. Dennoch: Dramaturgisch fügt sich die zweite Filmhälfte jedoch wunderbar in die epische Erzählung ein. Es entsteht kaum der Eindruck, dass es sich eigentlich um zwei verschiedene Erzählstränge handelt: Politischer Kampf und Flucht aus dem Iran, Bemühen um Integration in Frankreich. Was beide Handlungen eint, ist die Inszenierung, die Atmosphäre.

Kheiron verkörpert seinen Vater Hibat als mutigen, manchmal unbekümmert und naiv agierenden Kämpfer zunächst gegen das Schah-Regime, danach gegen die islamistische Regierung des Ajatollah Khomeini. Genauso entschlossen setzt er sich später in Frankreich für die Integration der Menschen verschiedener Herkunft inmitten einer zerstrittenen Gemeinde ein. Wiederum augenzwinkernd verdeutlicht der Film, dass dieser Mann, der sich furchtlos den autoritären Regimen entgegenstellt, vor seiner Frau Fereshteh einen mächtigen Respekt hat. Leila Bekhti spielt sie mit feurigem Temperament. Auch Fereshtehs Eltern werden liebevoll gezeichnet: Der Vater gibt sich zwar als streng aus, aber im Grunde liebt er seine Tochter über alles und somit schließt er auch Hibat in sein Herz. Außerdem macht Kheiron deutlich, dass im Haus Fereshtehs Mutter das Sagen hat, von der offensichtlich die Tochter das Temperament geerbt hat.

„Nur wir drei gemeinsam“ erzählt eine Geschichte vom Zusammenhalt einer Familie unter allen widrigen Umständen, eine Geschichte voller Hoffnung und Menschlichkeit. Und wenn am Ende die Fotografien der echten Familie mit den Bildern aus dem Film zusammengeschnitten werden, wird die Verehrung deutlich, die Kheiron seinen Eltern gegenüber empfindet. Mit seinem Regiedebüt hat er ihnen ein filmisches Denkmal gesetzt.

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