Familiengeschichten fernab von Genderfragen

Bei den Kinderbüchern gibt es wieder herausragende Neuerscheinungen. Von Katrin Krips-Schmidt

Beim Wandeln durch die Gänge der Buchmesse beschleicht den Besucher das Gefühl, trotz des immensen Angebotes an Kinder- und Jugendbüchern könnte die Originalität auf der Strecke geblieben sein. Nicht wenige Verlagshäuser setzen bei ihrem Programm auf kommerziell Bewährtes und haben Masse statt Klasse zu bieten. Die grellbunten Einbände, die dem potenziellen Käufer da von den Regalen entgegen blinken, können mitunter gar nicht schrill genug sein, während andere Titel beispielsweise als sogenannte „Comic-Romane“ zum „Kurzstreckenlesen“ einladen. Deren Kennzeichen sind variierende, meist sehr große Schriftarten – zusätzlich aufgelockert noch durch sich kreuz und quer über die Buchseite tummelnde Strichmännchen. Sie vermitteln den Eindruck, es handele sich hier gar nicht um so etwas wie „Lektüre“, sondern nur um die unmittelbare Fortsetzung visueller Medien auf Papier. Die hier in einer Umgangssprache erzählten banalen Alltagserlebnisse von Jugendlichen spiegeln die geistige Leere der Gesellschaft und bieten damit nicht viel mehr als flache Unterhaltung.

Doch auch in diesem Jahr lässt sich die eine oder andere Leseperle unter den Neuerscheinungen zutage fördern. Auffällig viele Klassiker, die von der heutigen Eltern- und sogar noch Großelterngeneration bereits mit Genuss „verschlungen“ wurden, wie „Die kleine Raupe Nimmersatt“ oder die „Häschenschule“, werden neu aufgelegt. Und der Thienemann Verlag bringt das Oeuvre (Der kleine Wassermann, Die kleine Hexe, Das kleine Gespenst, Der Räuber Hotzenplotz, Krabat u.v.m.) seines im Februar verstorbenen Hausautors Otfried Preußler in Wiederauflagen heraus. Derselbe Verlag verspricht mit seiner Reihe „Das Geheimnis von Ashton Place“, in der soeben der dritte Band mit dem Titel „Die Wölfe sind los“ veröffentlicht wurde, ein fesselndes und zugleich intelligentes Lesevergnügen, das den Leser ab etwa zehn Jahren sofort in seinen Bann schlägt. Die im viktorianischen Zeitalter spielende Geschichte handelt von drei angeblichen „Wolfskindern“, die der Erziehung einer jungen Gouvernante überlassen werden.

Das Vorlesebuch „Ben.“ für Fünf- bis Siebenjährige ist ein Debüt. Der junge Autor Oliver Scherz, selbst Vater von zwei Kindern, versammelt zehn von Annette Swoboda liebevoll illustrierte Geschichten eines kleinen Jungen und seines besten Freundes – einer Schildkröte. Was das Buch so liebenswert macht, sind seine äußerst warmherzigen und humorvollen, mit Lebensweisheiten versetzten Alltagsschilderungen. Es berichtet von Geschwisterliebe, von einer Familie, die noch intakt ist, fernab von Genderklischees. In diesem Buch gibt es sie noch: Mädchen, die sich die Haare kämmen, Jungen, die sich auf Abenteuer begeben und Indianer spielen. Und so, als sei das alles ganz natürlich und normal. Ist es ja auch.

24 Bücher standen auf der diesjährigen Nominierungsliste für den Jugendliteraturpreis. Ziel der Ausschreibung zu dieser Auszeichnung ist es, „die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur zu fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachzuhalten und zur Diskussion herauszufordern“. In die Sparte „Kinderbuch“ wurde eine Übersetzung aus dem Lettischen aufgenommen: „Die wilden Piratenpiroggen – Ein tollkühnes Abenteuer um eine entführte Mohnschnecke und ihre furchtlosen Retter“. Die Akteure in diesem Piratenroman für Kinder – eine Mohnschnecke, ein Eclair und ein Croissant – hangeln sich von einer komischen Szene zur nächsten. Phantasie, Sprachwitz und Ironie der 656-seitigen Erzählung aus dem Fischer-Verlag, die sich sowohl zum Vor- als auch zum Selberlesen eignet, werden auch jugendlichen und erwachsenen Lesern gefallen.

Das Sachbuch „Entdecke, was dir schmeckt: Kinder erobern die Küche“ aus dem Verlag Beltz & Gelberg stand ebenfalls auf der Vorschlagsliste für den Jugendliteraturpreis und hat bereits etliche Auszeichnungen erhalten. Kleine Köche ab sechs bis acht Jahren werden darin nicht nur über die Zutaten unserer Speisen sowie über gesunde Ernährung, optimales Einkaufen und richtige Bevorratung informiert, sondern auch noch über kreative Zubereitungsmethoden von Pizza, Frikadellen und Omelettes: Ein abwechslungsreiches und mit seinen vielen Farbfotos sehr ästhetisch gestaltetes Werk.

Ein Sachbuch aus dem Ravensburger Verlag zeigt den Kindern von heute, wie ihre eigenen Eltern und Großeltern aufgewachsen sind. Eingebettet in eine Rahmenhandlung gibt Manfred Mai in „Erzähl mal, wie es früher war“ über viele Dinge Auskunft, die sich in den letzten 70 Jahren verändert haben. Gibt es mitreißende Lektüre, die die Sprache von Jugendlichen spricht, ohne sich dabei „anzubiedern“, die deren Probleme angeht – und all das „locker“ und unangestrengt in einem dezidiert christlichen Sinne? Das fragen sich viele Eltern Heranwachsender. In der Reihe „Maja und Domenico“ – bei der es um die Begegnung zweier Jugendlicher aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten geht – erscheint im Brunnen Verlag Basel mit einer Rekordauflage von nunmehr 300 000 Exemplaren bereits der achte Band.

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