Familien brauchen mehr Zeit

Wahlfreiheit in der Kinderbetreuung ist wohl nicht das politische Ziel der Bundesregierung

Man kann nicht behaupten, dass das Verhältnis dieser Gesellschaft zu ihren Familien ein geordnetes wäre. Dabei gibt es dafür eine verbindliche Geschäftsgrundlage: das Grundgesetz. Es enthält im Prinzip alles, was zur Klärung nötig ist, zumal das Bundesverfassungsgericht seit vielen Jahren das seine dazutut, der Politik in dieser Angelegenheit den Handlungsrahmen abzustecken.

Zu viele Eingriffe in die Hoheitsrechte der Eltern

Insbesondere hat die Politik die Eltern aus dem Blick verloren. Jedenfalls wenn es um die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern geht, eine Beziehung, die sich in liebevoller Erziehung ausdrückt. Sie werden jedoch weniger dabei unterstützt, diese Beziehung zu pflegen, obwohl sie das wollen und sogar müssen. Vielmehr werden sie dazu gedrängt – man ist versucht zu sagen: genötigt –, ihrer Beziehung zur Erwerbsarbeit den Vorrang vor den Kindern einzuräumen. In einem Informationsheft des Bundesfamilienministeriums zum Siebten Familienbericht von 2005 findet sich die Feststellung von der enormen Ausdehnung der Arbeitszeit. Konkret bedeutet das, dass ein Mann zu Beginn der 60-er Jahre noch 48 Stunden gearbeitet hat und dass heute Mann und Frau zusammen durchschnittlich mehr als 70 Stunden erwerbstätig sind.

Erwerbsarbeit lässt sich in diesem Zusammenhang als Zeit definieren, die nicht gemeinsam mit den Kindern verbracht werden kann. Damit geht in den Familien zunehmend gemeinsame Geschichte verloren, Geschichte, aus der sie ihre Identität und ihre Stabilität beziehen.

Außerdem: Indem der Staat Eltern unter dem Etikett „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ gemeinsame Familienzeit vorenthält, weil seine Politik die elterliche Erwerbsarbeit gegenüber der familiären Erziehungsarbeit privilegiert, greift er in das Hoheitsrecht der Eltern ein, selbst über die Art und Weise zu bestimmen, wie die Erziehung der Kinder vonstatten gehen soll. Er darf sie, wie das Bundesverfassungsgericht der Politik schon im November 1998 ins Stammbuch geschrieben hat, bei der Entscheidung über das erzieherische Leitbild nicht bedrängen.

Es handelt sich also keineswegs um Wahlfreiheit für alle Eltern, wenn der Staat darangeht, die Betreuungsangebote für unter dreijährige Kinder auszubauen – und dabei weitgehend außer acht zu lassen, ob dies mit den kindlichen Bedürfnissen in Einklang steht. Es handelt sich lediglich um eine Option, die denjenigen Eltern zugute kommt, die Erziehung, Bildung und Betreuung ihrer Kinder dem Personal in Kindertagesstätten oder der Tagespflege überlassen, weil sie erwerbstätig sein wollen. Für die, die erwerbstätig sein müssen, gilt diese Freiheit schon nicht mehr, auch wenn dieses Angebot für sie durchaus ein Segen sein mag. Denn hier wäre als erstes nach der Ursache für dieses „Müssen“ zu fragen und gegebenenfalls nach Abhilfe zu suchen. Doch Wahlfreiheit ist offensichtlich nicht das familienpolitische Ziel der Bundesregierung.

Der Staat tritt nachhaltig auf die Bremse in der Familienpolitik

Eltern, die Kinder nicht nur haben, sondern in eigener Regie auch erziehen wollen, werden allenfalls auf das Kindergeld verwiesen, und das dient auch nur dem Zweck, den Eltern zu viel einbehaltene Steuern zurückzuerstatten, um damit das kindliche Existenzminimum sicherstellen zu können. Denn obwohl sie von Staats wegen dazu verpflichtet sind, findet eben dieser nichts dabei, seine fiskalische Hand danach auszustrecken. Für die Eltern heißt das: Sie müssen mehr Zeit in die Erwerbstätigkeit investieren, um ihr Familienleben wenigstens finanziell zu ermöglichen.

Dabei ist es nicht so, dass sich der Staat generell ziert, wenn es ums Geldverteilen geht, und er ziert sich auch keineswegs nur bei den Familien. Aber dass er gerade hier so nachhaltig auf die Bremse tritt, fällt, wo sie doch so unentbehrlich sein sollen, besonders auf. Dabei gibt er vor, dies im Interesse der Kinder zu tun, denen keine unzumutbaren Schulden hinterlassen werden sollten – „unserer“ Kinder, wie gerne auch von kinderlosen Politikern gönnerhaft gesagt wird.

Eltern unter Dauerstress sind kein gutes Vorbild

Aber sie gehen noch einen Schritt weiter, indem sie – Mehrwertsteuererhöhung, Büchergeld, Studiengebühren, Kindergeldkürzung, Erziehungsgeldstreichung – sogar den Rückwärtsgang einlegen und den Eltern unter Berufung auf die Zukunft das Geld nur so aus der Tasche ziehen. Gerade denjenigen, die Verantwortungs- und Leistungsträger par excellence sind. Gerechtigkeit gegenüber Familien hingegen, indem etwa das Kindergeld dem tatsächlichen Existenzminimum der Kinder zeitnah und regelmäßig angepasst wird, kann in dieser Perspektive ruhig warten, egal wer in Berlin das Sagen hat.

An die Zukunft der Kinder denken, ist natürlich schön und gut – Eltern tun im Prinzip nichts anderes als das: Aber wer zugleich die Eltern vernachlässigt, der hängt letztlich dem Wahn an, diese Zukunft ohne Umweg über die Gegenwart erreichen zu können. Außerdem heißt Zukunft der Kinder auch, dass es um ihre kommende Gegenwart als Erwachsene geht, die dann die Antwort auf die Frage, ob sie selber Eltern werden wollen, gewiss auch an den Erfahrungen ausrichten werden, die sie in ihrer Kindheit gemacht haben. Eltern unter Dauerstress sind kein nachahmenswertes Vorbild.

Damit muss es in der Familienpolitik darum gehen, eine Gegenwart zu schaffen, die den Familien das gemeinsame Erleben ermöglicht, damit daraus eine gemeinsame Geschichte wird, der dann in der rückblickenden Erinnerung immer wieder Leben eingehaucht werden kann. Die Eltern sind die besten Zeugen der ersten Lebensjahre ihrer Kinder. Sie müssen die Chance haben, das erste Durchschlafen, das erste Wort, den ersten Schritt, das erste Lächeln ihrer Kinder selber zu erleben, damit sie ihren Kindern davon erzählen können, und Kinder hören solchen Geschichten immer wieder mit großer Aufmerksamkeit zu, weil sie auf diese Weise je nach Alter die Möglichkeit bekommen, ihr eigenes Leben zu reflektieren und sich so immer besser selbst kennenzulernen. Nur wenn Familien genug Zeit haben, eine eigene gemeinsame Geschichte zu erleben und somit einen Schatz gemeinsamer Erinnerungen zu sammeln, hat auch diese Gesellschaft eine Gegenwart, der vor der daraus erwachsenden Zukunft nicht bange zu sein braucht.

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