Facettenreich und tief - Annette von Droste-Hülshoff

Das Werk der Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) begeistert auch heute noch die katholischen Leser. Von Barbara Stühlmeyer
Annette von Droste-Hülshoff
Foto: wiki | Annette von Droste-Hülshoff, gemalt von Johann Joseph Sprick.

Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden“, brachte Annette von Droste Hülshoff ihr dichterisches Selbstverständnis auf den Punkt. Tatsächlich hat die am 10. Januar 1797 auf dem zwischen Havixbeck und Roxel bei Münster gelegenen Wasserschloss Hülshoff geborene Frein Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria das helle Licht der Öffentlichkeit nie wirklich gemocht. Was sie von Kindheit an brauchte war hingegen ein Ventil für ihre extrem sensitiven Wahrnehmungen, die ihr nach Naturstudien oder Beobachtung zwischenmenschlicher Interaktion immer wieder neu das Gefühl gaben, überfließen zu müssen.

Die bemerkenswerte Ausnahmedichterin musste nie nach Sujets suchen, sie ergaben sich von selbst, flossen ihr gewissermaßen zu, wenn sie lange Spaziergänge im Freien unternahm, nicht selten ausgerüstet mit Hammer, Meißel und einem Korb, um die reichhaltigen Funde für ihre stetig wachsende Mineraliensammlung heimzutragen. Die Erfahrung des Einsseins mit der Natur ist neben ihrem ganz persönlichen, aus Begegnungen, gelebter und vergeblicher Liebe resultierenden Gefühlsleben der Wurzelgrund ihrer Kreativität.

Dass diese ihren hauptsächlichen Ausdruck im Bewusstsein der Nachwelt in der Literatur, näherhin der Poesie fand, ist der verkürzten Wahrnehmung der später Geborenen für das facettenreiche Werk und die reiche Begabung der Droste geschuldet. Wer mit ihr lebte, wird zumindest zeitweise ihre vom Vater Clemens-August II. von Droste zu Hülshoff ererbte musikalische Begabung als offenkundig wahrgenommen haben. Die auf dem Stammsitz der Familie, Burg Hülshoff bis heute erhaltene Sammlung von Noten und Instrumenten zeugt von dem hohen Niveau, auf dem sich das häusliche Musizieren, in das Annette von Kindheit an eingebunden war, entfaltete.

Von ihrem 12. Lebensjahr an erhielt sie regelmäßig Klavierunterricht und spätestens 1812 datieren ihre ersten Kompositionen. Was dilettierend als Liebhaberei begann, entfaltete, nachdem Annette 1821 von ihrem Onkel Maximilian dessen gerade verfasste Kompositionslehre „Einige Erklärungen über den Generalbass“ erhalten hatte, zu einer fundierten Ausbildung, die in der Konzeption mehrerer Opernprojekte mündete, zu denen die Droste die Libretti und die Musik selbst schrieb.

Dass ihre Begabung den Zeitgenossen durchaus bekannt war, erhellt aus dem Auftrag, während eines Aufenthaltes in Eppishausen das Lochamer Liederbuch in moderne Notenschrift zu transkribieren, was eine exakte Kenntnis der spätmittelalterlichen Mensuralnotation voraussetzt. Annette transkribierte aber nicht nur, sie webte, von den Texten inspiriert, neue, zeitgenössische Klanggewänder für die Lieder und bearbeitete die ein- bis dreistimmigen Vorlagen für Singstimme und Klavier. Auch die Tatsache, dass Robert Schumanns Frau Clara die Droste brieflich bat, ein Opernlibretto für ihren Mann zu schreiben, der 1844 bereits eines der Drosteschen Gedichte, „Das Hirtenfeuer“, vertont hatte, zeugt sowohl von dem Bekanntheitsgrad als auch von dem hohen Ansehen Annettes, der man aufgrund ihrer musikalischen Begabung zutraute, einen vertonungsfähigen Text zu liefern. Doch Annette lehnte mit der Begründung „das Opernschreiben ist etwas gar zu Klägliches und Handwerksmäßiges“ ab. Lieber improvisierte sie auf der Orgel der heimischen Pfarrkirche, in der sie auch in Gottesdiensten musizierte oder gab Verwandten Klavier- und Gesangsunterricht.

Ihre ersten Gedichte schrieb Annette bereits als kleines Kind. Ab ihrem sechsten Lebensjahr entsteht Gelegenheitspoesie für die Familie und mit acht versteckt sie absichtsvoll ein paar Verse auf dem Dachboden, damit sie später einmal gefunden werden. Ungeachtet ihrer lebenslang schwächlichen Gesundheit – die Eltern hatten lange um die einen Monat zu früh Geborene gebangt – war ihre kleine Tochter überaus lebhaft, redete gern und viel und entwickelte ein Talent für die Präsentation unterhaltsamer Geschichten im Kreise der Verwandtschaft. Die kurzen Phasen der Geselligkeit wechselten jedoch immer wieder mit solchen langer Zurückgezogenheit, in denen die Droste eigentlich zuhause war. Die Frage, warum sie ungeachtet ihrer lebenslangen Beschäftigung mit der Poesie diese nicht wie andere Frauen ihrer Zeit – man denke an Johanna von Schopenhauer, die zu Annettes weitem Bekanntenkreis zählte und die mit ihren Reisebüchern ein kleines Vermögen erwirtschaftete oder an die populäre Schriftstellerin Katherine Busch, die Mutter von Annettes späterem Ziehsohn Levin Schücking – zu ihrem Beruf machte, erklärt sich mit Blick auf Annettes Herkunft leicht: Die Frauen des Münsterländer Adels heirateten entweder oder sie bekamen Aufgaben innerhalb der Familie. Für Annette, tief traumatisiert nach dem Skandal über ihre angebliche Beziehung zu Heinrich Straube und August von Arnswaldt, schien eine Heirat keine Option mehr zu sein. Das bedeutete für ihr alltägliches Leben, dass sie zwar einerseits einen gewissen Freiraum zur eigenen Gestaltung hatte, andererseits aber strikt in die Familienarbeit eingebunden wurde. Wenn irgendwo im weitverzweigten Clan jemand erkrankte oder auf der letzten Wegstrecke angekommen war, war sie es, die zur Pflege abgestellt wurde.

Eine Berufstätigkeit als Dichterin wäre zwar möglich gewesen und wurde wohl auch ansatzweise diskutiert, sie erhielt dafür aber nicht den Segen der Familie und entschied sich deshalb, innerhalb der ihr gesetzten Grenzen ihre Berufung zu leben. Dass Annettes Familie sie nicht als berufstätige Frau sah, darf keineswegs allein als ignorante Einschränkung ihrer Fähigkeiten betrachtet werden. Man sorgte durchaus dafür, dass sie für ihre Begabungen eine Bühne erhielt, ob bei Konzerten, in denen sie als Sängerin, Pianistin oder Begleiterin auftrat oder durch die Unterstützung von Veröffentlichungen ihrer Gedichte. Die Familie beurteilte wohl – nicht ganz zu Unrecht – ihre Konstitution nicht als so stabil, dass sie dem rauen Wind der publizistischen Hauptberuflichkeit standgehalten hätte. Und wie es scheint, stimmte Annette ihnen darin zu. Zwar war sie immer wieder versucht, den Weg in die breite Öffentlichkeit zu wagen, spürte die Verlockung des Berühmtseins, gab ihr aber nicht nach.

„Wenn ich sehe, wie so alles durcheinander krabbelt, um berühmt zu werden, dann kömmt mich ein leiser Kitzel an, meine Finger auch zu bewegen. Geduld! Geduld! Aber wenn ich dann wieder sehe, wie einer kaum den Kopf über dem Wasser hat, dass schon ein anderer hinter ihm einen Zoll höher aufduckt und ihn niederdrückt … kurz die Zelebritäten sich einander auffressen und neu generieren wie Blattläuse, dann scheint mir?s besser, die Beine auf den [sic] Sofa zu strecken und mit halbgeschlossenen Augen von Ewigkeiten zu träumen… Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden, und vielleicht glingt?s mir, da es im Grunde so leicht ist wie Kolumbus? Kunststück mit dem Ei und nur das entschlossene Opfer der Gegenwart verlangt.“

Gerade der letzte, selten zitierte Satz aus Annettes Brief an ihre Freundin Elise Rüdiger ist ein Schlüssel zum Werk der Droste. Sie will schreiben, dichten, sich aussagen. Aber das, was sie schafft, gleicht dem prophetischen Wort. Sie hat keine Gewalt über Zeiten und Fristen und ist nicht willens, um der schalen Gefälligkeit willen auf die Tiefe des Ausdrucks zu verzichten. Insofern kommt der Dichterin die von manchen, scheinbar in ihrem Namen Sprechenden, beklagte Lebensform durchaus zu Pass. Denn so unterliegt Annette nicht dem Zwang, auf ein zahlendes Publikum hin zu schreiben, auch wenn sie es durchaus zu schätzen weiß, wenn sie für eine Veröffentlichung 700 Gulden erhält und dafür ein wunderschönes Haus kaufen kann, das ihr zum Rückzugsort wird. Ihr zuletzt auch wirtschaftlich zu Buche schlagender Erfolg zeigt, dass ihre Werke dennoch auf ein Echo bei ihren Zeitgenossen trafen. Der Grund dafür liegt auf der Hand und ist zugleich an den Vorbildern ablesbar, an denen die Droste sich orientierte.

Was Annette selbst begeisterte waren Schriftsteller wie Walter Scott und Washington Irving oder aber Gedichte wie die in der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Hier fand sie jenen plastischen Realismus, der eine Wahrhaftigkeit atmete, von der Annette sich in ihrem geerdeten Sein zutiefst angesprochen fühlte und die allein ihr der künstlerischen Gestaltung wert schien. Dass die Schriften der Droste letztlich prophetischen, mitunter auch Verkündigungscharakter haben, verdanken sie dem Freiraum, in dem sie entstanden sind. Ihn hatte Annette aufgrund einer Leibrente und eines weitverzweigten, sie immer wieder einladenden und in das Alltagsleben einbindenden Familienclans.

Zum einen war dies eine gesicherte Lebensform, zugleich aber erlebte sie gewissermaßen als inneren Kontrapunkt einer äußerlich geordneten Existenz ein existenzielles Ausgesetztsein, das immer wieder Teil ihrer geistigen und geistlichen Verfassung war. Die körperliche Relation der inneren Einsamkeit, der Dunkelheit und des Zweifels, die Teil ihres Erfahrungsspektrums waren, war ihre Hinfälligkeit, die häufigen Atemprobleme aufgrund ihrer Lungenerkrankung, die Schwäche und das Empfinden, sich auf den eigenen Körper nicht verlassen zu können. Die stützende Gewissheit ging ihr auch im geistlichen Leben ab. Der tiefe, ohne Brüche durchgehaltene Glaube der Droste ist über gegen Ende ihres Lebens länger werdende Strecken hin Entscheidungssache. Ablesbar wird dies besonders an jenem Zyklus von Gedichten, an denen Annette mit großen Unterbrechungen ihr ganzes Leben lang gearbeitet hat. „Das geistliche Jahr“ entstand auf Anregung ihrer Großmutter, die das poetische Talent ihrer Enkelin in eine spirituell nutzbringende Bahn zu lenken gedachte. Nicht alle Verse in dieser Sammlung sind höchste Kunst, manche sind schlichte geistliche Gebrauchslyrik, kunstvoll gemacht, aber von eher leichter Hand und ohne jene mitunter düstere Tiefgründigkeit, die die späteren Gedichte aufweisen. Sie zeigen aber wie in einem Vexierspiegel, wie die Droste durch alle Fährnisse ihres Lebens hindurch mit eiserner Entschlossenheit an ihrem Glauben festhielt. Gerade, wenn die Erfahrung des Verschmelzens mit der Natur, die sie wieder und wieder machte, sich in das Grauen der Auflösung des personalen Seins zu verwandeln drohte, orientiert sie sich mit ruhiger Entschiedenheit an dem, der ihrem Leben Sinn und Halt gab. Das bedeutet nicht, dass sie eine unkritische Katholikin war. Gerade ihre historisierenden Erzählungen und Gedichte beweisen ihren wachen Blick für die Fehlerhaftigkeit menschlichen Handelns. Und auch im Hinblick auf die Politisierung der Kirche im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erlaubte sie sich, ohne damit allzu öffentlich zu werden, eine eigene Meinung. Unbezweifelbar aber war ihr in allem Zweifel die wörtlich verstandene Notwendigkeit ihr Heil im Kreuz zu suchen. „Dass rein sie werde, wenn auch schwach, befunden“.

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