ExerCITIUM: Ein gutes Gewissen ist möglich

Manche meinen, das Gewissen müsse immer ein schlechtes sein. Wirklich? Die katholische Kirche sieht es anders.

Es ist lange her, dass ich eine philosophische Vorlesung des Professors Alfred Schmidt in Frankfurt hörte. Er war ein großer Marx-Kenner, kam von Adorno und Horkheimer her, den Frankfurter Schulhäuptern der „Kritischen Theorie“, und wurde irgendwann auch Freimaurer. Frappierend war seine geistvolle und immer vollendet formulierte Rede, bei der man leicht vergessen konnte, dass er im Grunde wohl keine eigenen Gedanken von Belang entwarf; es mag sogar sein, dass die legendäre Flüssigkeit seiner frei gesprochenen Darlegungen („druckreif“) gerade darin ihren Grund hatte, dass er sich an das in seinen Kreisen Geltende hielt. Immerhin eine seiner Formulierungen ist mir unvergesslich geblieben: „Gewissen ist ja immer ein schlechtes.“ Aus seinem Munde, dem eines Materialisten und Hedonisten, war das paradox und amüsant, unter den Studenten kam Heiterkeit auf. Später sah ich, dass er nur die Ideen Martin Heideggers über das Gewissen knapp und prägnant in einen Satz gebracht hatte. In „Sein und Zeit“, seinem bekanntesten Werk, schrieb der Philosoph 1927: „In allen Gewissensauslegungen hat das ,böse‘, ,schlechte‘ Gewissen den Vorrang. Gewissen ist primär ,böses‘.“ Sofort bemerkt man die faszinierende Wucht und Vehemenz von Heideggers Denken. Dies und nichts anderes ist „radikal“. Und das Radikale ist oft das Verführerischste; man hat den Eindruck, jetzt erst dem konventionellen Gerede zu entkommen.

Nun aber nehme ich den Baseler Katechismus von 1947 vor, der mir in seiner einfachen Klarheit schon lange schätzenswert ist. Der Aufbau ist ganz anders. Zunächst: „Das Gewissen ist die Stimme unserer Vernunft, durch die Gott uns zum Guten mahnt und vor dem Bösen warnt.“ Das ist ein Geschehen, das vor der Sünde oder der bösen Tat liegt. Der Mensch hat eine Chance, das ist der erste Sinn des Gewissens in dieser Auslegung. Die Schuld kann eintreten, aber man kann die fein abgestuften, nuancierten Botschaften von Mahnung und Warnung auch hören. (Und ich höre in solchen Sätzen des Katechismus zweitausendjährige Weisheit!) Dann heißt es weiter: „Das gute Gewissen macht uns ruhig und froh, das schlechte Gewissen macht uns ruhelos und unglücklich.“ Es gibt also nach katholischer Lehre durchaus ein gutes Gewissen. Keineswegs ist man verpflichtet, sich ununterbrochen ruhelos und unglücklich zu fühlen. Das ist eine maßvolle Lehre, die zudem das Gewissen an die Vernunft bindet – deren Stimme ist es.

Hier fehlt die eigentümliche Unheimlichkeit, die Heideggers Lehre manchmal ausstrahlt. Bei Heidegger hält der Rufer des Gewissensrufes „jedes Bekanntwerden schlechthin von sich fern“. Die katholische Formulierung macht namhaft: Gott und die Vernunft, ein Außerhalb und ein Objektives. Für Heidegger aber ist das Gewissen vor allem aus einer Individualisierung zu verstehen (auch wenn er dieses Wort nicht gebraucht): Solange man nur als konventionelle Person existiert, im kollektiv Geläufigen und Gewohnten, ist man nicht schuldig, aber auch noch nicht bei sich selbst. Im Gewissen melde sich nun „das eigenste Selbst“ gegenüber den öffentlichen Masken. „Gutes“ Gewissen hält Heidegger für eine Tarnung der Selbstgerechtigkeit, des Pharisäismus. Seine Gedanken zum Gewissen handeln von einem dauerhaften ethischen Ausnahmezustand, der als die Regel angesetzt wird. Die katholische Lehre hat es dagegen mit normalen Menschen in durchschnittlichen Lebenslagen zu tun, und sie kann diese nicht als existenziell mangelhaft abwerten. Solche Lehren mögen schlichter erscheinen, aber sie bleiben bedenkenswert. Überschärfe ist niemals katholisch.

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