Ewige Wahrheiten gibt es das noch?

Offenbarung und Überlieferung: Warum es kein dogmenfreies Christentum geben kann
von Helmut Hoping

Im vorbereitenden Arbeitsdokument der Amazonas-Synode war zu lesen: „In Amazonien ist das Leben ins Territorium eingepflanzt, daran gebunden und gehört zu ihm. [...] Das Territorium ist ein theologischer Ort, von dem aus man den Glauben lebt; und zugleich ein besonderer Quellgrund für die Offenbarung Gottes. Solche Räume sind Orte von ? Epiphanie‘, von Gotteserfahrung, an denen ein Reservoir von Leben und Weisheit für den Planeten aufzufinden ist, von Leben und Weisheit, die von Gott sprechen“ (Nr. 19). – Im Vorfeld des „synodalen Weges“ hat man vor allem Genderdiskurs und moralischen Pluralismus mit so großer theologischer Bedeutsamkeit aufgeladen, dass sie vielen wie eine Offenbarungsquelle erscheinen. Doch mit welchem Recht gelten das Amazonasgebiet mit seinen indigenen Kulturen und unsere säkulare Lebenswirklichkeit als Quellen der Offenbarung? Ist Offenbarung nach christlichem Verständnis nicht die Offenbarung des einen Gottes gegenüber seinem auserwählten Volk Israel und Gottes Selbstmitteilung in Jesus Christus, seinem fleischgewordenen Wort (Joh 1,14)?

Die dogmatische Konstitution „Dei Verbum“ über die göttliche Offenbarung (1965) kennt keinen Plural von Quellen der Offenbarung. Das Konzilsdokument unterscheidet die eine Quelle der göttlichen Offenbarung in Jesus Christus und das überlieferte Wort Gottes in Schrift und Tradition. Die heilige Überlieferung und die Heilige Schrift entspringen „demselben göttlichen Quell“ und „fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu“ (DV 9). In seinem Kommentar zu dem von den Konzilsvätern abgelehnten Offenbarungsschema (1962) spricht Joseph Ratzinger von der einen Quelle der göttlichen Offenbarung sowie von Schrift und Tradition als den beiden Fließgewässern, die aus der einen Quelle hervorgehen.

Eine göttliche Offenbarung im Sinne der unüberbietbaren Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus kann es nicht ohne eine heilige Überlieferung geben, also nicht ohne eine Tradition göttlichen Ursprungs, die am Definitiven der ergangenen Offenbarung Anteil hat. Gäbe es nicht die Treue der zur Glaubenshinterlassenschaft (depositum fidei) und ihre authentische Weitergabe in der Tradition der Kirche, die Kirche könnte niemals sagen, was bleibende Glaubenswahrheit ist und was nicht. Der aus der griechischen Antike entlehnte Begriff des Dogmas meint genau dies: eine verbindliche, normative Glaubensaussage mit definitivem Wahrheitsanspruch.

Unter Theologen und Theologinnen ist die Anerkenntnis einer heiligen Überlieferung nicht mehr selbstverständlich. Die Glaubensüberlieferung, einschließlich der dogmatischen Lehrentwicklung, wird immer öfter unter prinzipiellen Revisionsvorbehalt gestellt. „Ewige Wahrheiten waren gestern“ – so Michael Böhnke. Für den Wuppertaler Theologen liegt das Verbindliche des christlichen Glaubens nicht mehr in zeitübergreifenden Glaubensinhalten, sondern im Vertrauen auf Gottes Treue, alles andere am Inhaltlichen des Glaubens wird zur Variablen. Die die pneumatische Kraft der einzelnen Gläubigen wird absolut und unter Rekurs auf das Wirken des Heiligen Geistes, der alles neu macht, eine „dogmenfreie“ Kirche gefordert. Bei der Frage der Frauenordination bedient man sich neuerdings der Allmacht Gottes, mit der Gott auch in einer Frau hätte Mensch werden können. Doch wenn Gott in einem galiläischen Juden Mensch wurde und es werden wollte, dann kann dies nicht a priori als theologisch irrelevant abgetan werden.

„Das Dilemma der heutigen Theologie besteht darin, dass es keinen Konsens mehr bezüglich der Prinzipien theologischer Erkenntnis gibt“

Das Dilemma der heutigen Theologie besteht darin, dass es keinen Konsens mehr bezüglich der Prinzipien theologischer Erkenntnis gibt. So werden Offenbarung, Glaube und Überlieferung vielfach auseinandergerissen. Dabei ist eine göttliche Offenbarung ohne Glauben (Annahme) und Überlieferung (Weitergabe) nicht denkbar. Der Ort aber der Schriftinterpretation ist die Kirche. Die Schrift – dies hat Krise des reformatorischen Schriftprinzips gezeigt – interpretiert sich nicht selbst. Zudem muss sie „in dem Geist gelesen und ausgelegt werden, in dem sie geschrieben wurde“ (DV 12).

Es ist richtig: Jeder, die Schrift liest, kann zu ihrem Verständnis beitragen. Doch es ist nicht Aufgabe z.B. eines Bibelkreises und auch nicht eines exegetischen Forschungsseminars, sondern die alleinige Aufgabe des lebendigen Lehramts der Kirche, das seine Vollmacht im Namen Jesu Christi ausübt, „das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes authentisch“ (DV 10), das heißt mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit, auszulegen. Das Lehramt steht dabei „nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nur lehrt, was überliefert ist“, da es das Wort Gottes „nach göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes ehrfürchtig hört, heilig bewahrt und treu erklärt und all das, was es von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus dieser Hinterlassenschaft des Glaubens schöpft“ (ebd.). Keiner, und sei er der Papst, kann sich für seine Lehrverkündigung auf eine Inspiration oder Privatoffenbarung berufen. Glaubensnorm sind die Schrift und die authentische Glaubensüberlieferung.

„Keiner, und sei er der Papst, kann sich für seine Lehrverkündigung auf eine Inspiration oder Privatoffenbarung berufen.Glaubensnorm sind die Schrift und die authentische Glaubensüberlieferung“

Die Überlieferung der von Gott empfangenen Offenbarung ist ein dynamischer Vorgang (DV 7–8). Das traditionalistische Missverständnis von Tradition besteht darin, sie zu petrifizieren. Doch lebendige Tradition besagt demgegenüber nicht, den authentischen Glauben der Kirche zur Disposition zu stellen. Das Dogmatische gehört konstitutiv zur Offenbarung Gottes und ihrer geschichtlichen Überlieferung dazu. Der zum Katholizismus konvertierte Theologe Erik Peterson spricht vom „Punktum des Glaubens“, der Philosoph und Kulturkritiker George Steiner nennt das Dogma eine „hermeneutische Punktsetzung“.

Zur Lehrentwicklung erklären die Konzilsväter: Die apostolische Überlieferung „entwickelt sich in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes weiter“ (DV 8). „Es wächst nämlich das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte sowohl aufgrund des Nachsinnens und des Studiums der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), als auch durch innere Einsicht in die geistlichen Dinge, die sie erfahren, sowie aufgrund Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt die sichere Gnade der Wahrheit empfangen haben. Denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis sich an ihr die Worte Gottes erfüllen“ (ebd.).

Da die apostolische Überlieferung nicht nur dem Lehramt der Bischöfe, sondern der ganzen Kirche zur authentischen Weitergabe anvertraut ist, sind bei der Glaubenshermeneutik alle Bezeugungsinstanzen des Glaubens zu berücksichtigen, darunter die Schrift, die Tradition, das Lehramt der Bischöfe, der römische Bischof, die wissenschaftliche Theologie und der Glaubenssinn des Volkes Gottes, zu dem auch die Gemeinschaft der Bischöfe gehört. Beim Glaubenssinn ist zu beachten, dass er in synchroner wie diachroner Katholizität von allen Ortskirchen getragen wird und nicht gegen den überlieferten authentischen Glauben der Kirche stehen kann. Hier besteht eine Analogie zur einmütigen Lehre der Bischöfe. Deshalb forderte Papst Franziskus in seinem Brief an die Gläubigen der Kirche in Deutschland, dass beim „synodalen Weg“ der Glaubenssinn der Gesamtkirche zu beachten ist.

„Die Freiheit des Glaubens ist keine Autonomie gegenüber dem überlieferten Wort der Offenbarung, von dem man sich dispensieren könnte“

Zu den Orten theologischer Erkenntnis zählen auch fremde Orte wie die Philosophie und die Geschichte. Doch kein Ort theologischer Erkenntnis, seien es Schrift und Tradition oder Philosophie und Geschichte, sind Quellen der Offenbarung. Dies gilt auch für die „Zeichen der Zeit“, die dem Erkenntnisort der Geschichte zuzuordnen sind und die im Licht des Evangeliums (GS 4) sowie der heiligen Überlieferung, sofern beide untrennbar sind (DV 9), gelesen werden müssen (DV 24). Die Freiheit des Glaubens ist daher auch keine Autonomie gegenüber dem überlieferten Wort der Offenbarung, von dem man sich dispensieren könnte. Zur Traditionsvergessenheit der Kirche nach dem Konzil sagte der große Jesuitentheologe Henri de Lubac: „Die Tradition der Kirche wird verkannt und nur noch als Last empfunden [...]. Dieser Tradition, die glaubend empfangen und im Glauben weitergeführt wird, stellt man vermessen die eigene persönliche ?Reflexion‘ entgegen.“

Das Zweite Vatikanische Konzil weist den Theologen und Theologinnen die Aufgabe zu, die geoffenbarte Wahrheit Gottes in der Zeit, in die sie gestellt sind, tiefer zu erfassen und für die Menschen zu erschließen (GS 62). Sie können sich nicht mit einer reinen Darstellung der kirchlichen Glaubenslehre begnügen, müssen vielmehr auch neue Wege des Glaubens sowie Formen eines zeitgemäßen Glaubensverständnisses aufzeigen. Dazu ist es nötig, zusammen mit allen Gliedern der Kirche nach den Zeichen der Zeit zu forschen. Denn die Zeichen der Zeit sind Teil unserer menschlichen Lebenswirklichkeit. Und in der Tat soll, wie das Konzil sagt, „alles wahrhaft Menschliche“ im Herzen der Jünger Christi „seinen Widerhall“ (GS 1) finden. Doch die Lebenswirklichkeit ist nicht das Fundament der Theologie. In der Pluralität der Zeichen der Zeit gilt es „zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder des Ratschlusses Gottes sind“ (GS 11) sind und was nicht. Die Stimme unserer Zeit darf nicht einfach mit der Stimme oder dem Willen Gottes gleichgesetzt werden.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier