„Europa, öffne Christus deine Tore!“

Der europäischste aller Päpste, Johannes Paul II., sprach 1988 als erster Papst vor dem Europäischen Parlament. Am kommenden Dienstag steht Franziskus, der erste außereuropäische Papst der Neuzeit, vor demselben Auditorium. Ein guter Anlass, zurückzublicken, wie die Päpste den Weg der Einigung Europas inspirierend, wegweisend und mahnend begleitet haben. Von Stephan Baier
Foto: dpa | Europa mit Christus: Das wollten Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger.
Foto: dpa | Europa mit Christus: Das wollten Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger.

Seit dem Ende des letzten Weltkriegs hat der Heilige Stuhl nicht aufgehört, die Errichtung Europas zu fördern“, meinte Papst Johannes Paul II. in seiner Rede am 11. Oktober 1988 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. Und er begründete dieses Engagement: „Wie könnte die Kirche der Errichtung Europas gleichgültig gegenüberstehen? Seit Jahrhunderten ist sie fest verwurzelt in den Völkern, aus denen es besteht und die sie eines Tages aus der Taufe gehoben hat; Völker, für die der christliche Glaube eines der Elemente ihrer kulturellen Identität ist und bleibt.“ Tatsächlich erinnerten die Päpste bereits lange vor dem Beginn der politischen Einigungsbemühungen mahnend an das Wesen und die Sendung Europas. So etwa Papst Leo XIII., der 1894 im Apostolischen Schreiben „Praeclara gratulationis“ schrieb, dass es ohne Zweifel die Sendung Europas sei, das Christentum in alle Teile der Welt zu tragen.

Papst Benedikt XV., der sich gegen das „unnötige Blutbad“ des Ersten Weltkriegs stemmte, schrieb bereits 1920 in der Enzyklika „Pacem Dei“, dass „die Völker durch ein natürliches Band gegenseitiger Abhängigkeit wie gegenseitigen Wohlwollens miteinander verbunden“ seien. Um sich künftig gegen Krieg zu schützen, schlug der Papst – nur zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – eine „Vereinigung der Völker“ vor, um so „die Freiheit eines jeden zu schützen und die Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu bewahren“. Benedikt XV. erinnerte in diesem Kontext an „die historischen Leistungen der Kirche bei der Formung des christlichen Europa“. Der Papst mahnte hier bereits an, was erst Jahrzehnte später zum Grundprinzip der europäischen Integration werden sollte: Die Völkergemeinschaft solle die „Macht des Rechts“ an die Stelle der „materiellen Gewalt der Waffen“ setzen. Auf Ebene der Europäischen Union wurde die von Papst Benedikt XV. vorgeschlagene „Schiedsgerichtsbarkeit“ sehr viel später durch den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg verbindliche Wirklichkeit, für die Staaten des Europarates durch den „Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte“ in Straßburg. Am Ende des Zweiten Weltkriegs, am 9. Mai 1945, betonte Papst Pius XII. in einer Radioansprache, dass nun neue Wege des Friedens gefunden werden müssten. Die Gestalter eines besseren Europa sollten dieses nach den Erfahrungen des Krieges auf der kindlichen Furcht vor Gott, der Treue zu seinen heiligen Geboten sowie auf der Achtung der Menschenwürde und der Respektierung der gleichen Rechte aller Völker aufbauen. Wenige Monate später, am 18. August, würdigte Pius XII. den heiligen Benedikt als Vater und Gründer Europas.

Noch konkreter wurde er am 11. November 1948 in einer Ansprache an den Kongress der „Europäischen Föderalistischen Union“: Hier stellte Pius XII. klar, dass „der Heilige Stuhl sich davor bewahre, die Kirche in rein weltliche Interessen zu verwickeln“, dass aber jetzt „keine Zeit mehr zu verlieren“ sei, ja dass „es vielleicht sogar schon zu spät“ sein könnte, ein vereinigtes Europa zu gründen. Wörtlich sagte Pius XII.: „Die Frage der europäischen Union bietet unzweifelhafte Schwierigkeiten. Aber dennoch muss alles getan werden, dass sie sich sobald wie möglich verwirklicht. Wir müssen die bedauernswerten Auswirkungen des Krieges auslöschen und gegen die Rückkehr zur Gewalt ankämpfen. Um zur Verwirklichung dieser christlichen Einheit zu gelangen, muss man von den großen Nationen fordern, dass sie einen Teil ihrer vergangenen Größe opfern, sich mit den anderen Völkern des Kontinents in eine Linie einreihen und so eine wirkliche europäische Familie gründen.“

1953 meinte Pius XII. in seiner Weihnachtsbotschaft, es sei immer ein Anliegen des Christentums gewesen, die Völker zu einigen. Den europäischen Integrationsprozess, der damals in seinen ersten Anfängen steckte, nannte er ein Wagnis, dessen Ausgang niemand mit Gewissheit voraussagen könne. Die Gefahr, dass die Politik sich neuerlich von der Bindung an Gottes Gebote losreißen könnte, stand ihm wohl nicht bloß wegen der damaligen innenpolitischen Zerrissenheit Italiens und dem aktuellen Ost-West-Konflikt klar vor Augen: „Diese europäische Kultur wird entweder unverfälscht christlich und katholisch sein, oder aber sie wird verzehrt werden vom Steppenbrand jener anderen, materialistischen, der nur die Masse und die rein physische Gewalt etwas gelten.“

Der Heilige Stuhl begrüßte ausdrücklich die ersten Schritte zur Einigung Europas: die Einberufung der Europäischen Parlamentarischen Versammlung und die Schaffung des Europarates, die Gründung der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS) und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Papst Paul VI. erklärte 1964 den heiligen Benedikt von Nursia, den Vater des abendländischen Mönchtums, zum Schutzpatron Europas. Papst Johannes Paul II. fügte 1980 die beiden Slawenapostel Cyrill und Method sowie 1999 drei große Frauen – Catharina von Siena, Birgitta von Schweden und die Karmelitin jüdischer Abstammung, Edith Stein – hinzu. Es war übrigens nicht erst der Papst aus Polen, sondern bereits Paul VI., der warnte, die ökonomischen Gesichtspunkte, die die Einigung Europas bestimmen, könnten eine stabile Einheit nicht auf Dauer garantieren. Die Kirche wolle mit ihrem Verweis auf die gemeinsame und vom christlichen Glauben geprägte Geschichte die wachsende Einheit Europas in einer tieferen Dimension verankern.

Wie seine Vorgänger war Papst Johannes Paul II. überzeugt, dass Europa eine Sendung, eine Berufung hat. Im äußersten Westen des Kontinents, in Santiago de Compostela appellierte er 1982 „an dich, altes Europa“: „Finde dich wieder selbst. Sei du selbst. Schau auf deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln. Lass jene wahren Werte wieder aufleben, die deine Geschichte ehrenvoll machten und dich unter den anderen Erdteilen herausheben.“ Im Wissen, dass erst die Evangelisierung diesem Erdteil eine eigene, gemeinsame Identität gab, erklärte Johannes Paul II. damals, „dass das europäische Wesen unverständlich ist ohne das Christentum“. In den widerchristlichen Ideologien seiner und unserer Zeit sah Johannes Paul II. also eine Verdunkelung der Identität Europas, eine Entfremdung der Europäer von ihrem Wesen und ihrer Berufung. Darum heißt es in der Begründung für die Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen im März 2004 an Johannes Paul II. ganz richtig: „Die Person und das Lebenswerk Papst Johannes Pauls II. sind ein Vorbild für den europäischen Integrationsprozess. Das von ihm verkörperte Wertefundament ermöglicht den Menschen in der Europäischen Gemeinschaft, sich auf dieser gemeinsamen Grundlage als Europäer wiederzufinden.“

In seinem an die heiligen Brüder aus Thessaloniki, Cyrill und Method, erinnernden Rundschreiben „Slavorum Apostoli“ von 1985 bekräftigte der Papst seine „Hoffnung auf eine stufenweise Überwindung all dessen, was in Europa und in der Welt die Kirchen, die Nationen und Völker trennt“. Er warnte zugleich, dass von den christlichen Wurzeln Europas „kein ernsthafter Versuch, die Einheit des Kontinents auf neue und heutige Weise wiederherzustellen, absehen kann“. Das Ziel der Wende, an der Johannes Paul II. selbst maßgeblichen Anteil hatte, war für ihn nie nur die Befreiung eines Teils, sondern die Chance auf Vollendung der Einigung ganz Europas. Es ging in seiner Sicht darum, „aus einer west-europäischen Wohlstandsinsel eine gesamteuropäische Zone der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens zu schaffen“, wie er 1988 vorausblickend formulierte. Im selben Jahr würdigte er den „Zustand des Friedens“ zwischen den europäischen Völkern, die „jahrhundertelang sich gegenseitig bekämpften“, die „größere Empfindsamkeit für die Menschenrechte und den Wert der Demokratie“ sowie „die Tatsache, dass dieser Teil Europas, das bisher in seine wirtschaftliche Zusammenarbeit so viel investiert hat, immer intensiver auf der Suche nach seiner Seele und einem Geist ist, der imstande wäre, seinen geistlichen Zusammenhalt zu sichern“. Im Gegensatz zum früheren Chef der Europäischen Kommission, Jacques Delors, der gefordert hatte, Europa „eine Seele, eine Spiritualität, eine Bedeutung zu verschaffen“, war Johannes Paul II. davon überzeugt, dass Europa eine Seele und Berufung habe, dass diese aber verschüttet und überlagert sei – und nun wieder entdeckt, freigelegt, fruchtbar gemacht werden muss. 1987 sagte er in Speyer, es gehe darum, der „europäischen Heimat zu helfen, ihre christliche Seele wiederzuentdecken“. 1984 formulierte er: „Europa kann sich nur erneuern und wieder zu sich selber finden durch die Erneuerung jener gemeinsamen Werte, denen es seine eigene Geschichte, sein wertvolles Kulturgut und seine Sendung in der Welt verdankt. Dazu kann und will die Kirche ihren nicht zu ersetzenden Beitrag leisten. Sie vermag Europa zu helfen, seine Seele und Identität wiederzufinden sowie seine Berufung in der internationalen Völkergemeinschaft richtig zu deuten und wahrzunehmen.“

Worin bestehen nun die „Werte“ Europas, worin seine „Sendung in der Welt“? Dazu nahm Johannes Paul II. 1989 Stellung, indem er die „grundsätzlichen Werte unserer Zivilisation“ definierte: „die Würde der Person, der heilige Charakter des Lebens, die zentrale Rolle der Familie, die Bedeutung der Erziehung, die Freiheit, unsere eigenen Überzeugungen oder unseren Glauben zu denken, auszusprechen und zu verkünden, der gesetzliche Schutz von Individuen und Gruppen, die Zusammenarbeit aller an einem gemeinsamen Gut, das Konzept der Arbeit als Teilhabe am Werk des Schöpfers, die Autorität des Staates, der wiederum selbst durch Recht und Vernunft regiert wird. Diese Werte gehören zum kulturellen Reichtum Europas.“

Der heilige Johannes Paul II. begrüßte die Vereinigung Europas als ein Projekt der Solidarität der europäischen Nationen: „Solidarität im weitesten Sinn dieses Wortes wird nun zur ersten Pflicht. Entweder retten sich die Europäer gemeinsam, oder sie werden gemeinsam zugrunde gehen.“ Er war überzeugt, dass die Politik alleine dieses Projekt nicht zum Gelingen führen könne, dass es der Inspiration durch den Glauben bedürfe. In „Erinnerung und Identität“ schrieb er, „dass es die Evangelisierung war, die Europa geprägt hat, die den Grundimpuls für die Zivilisierung ihrer Völker und für ihre Kulturen gegeben hat“. Die Verbreitung des Glaubens habe „die Bildung der einzelnen europäischen Völker begünstigt“ und das „Erbe gemeinsamer Werte“ begründet. Darum kann auch nur die Besinnung auf die geistige Dimension zu einer Wiederentdeckung der Identität und Berufung Europas führen. 1999 mahnte Johannes Paul II. in diesem Sinn: „Um das neue Europa auf solide Grundlagen zu stellen, genügt es sicher nicht, nur an die wirtschaftlichen Interessen zu appellieren, die manchmal zusammenführen und dann wieder spalten. Vielmehr gilt es, die für Europa authentischen Werte zu betonen, deren Fundament das in das Herz eines jeden Menschen eingeschriebene allgemeine Sittengesetz ist. Ein Europa, das den Wert der Toleranz und der allgemeinen Achtung mit ethischem Indifferentismus und Skeptizismus in Bezug auf die unverzichtbaren Werte verwechselte, würde sich den riskantesten Abenteuern öffnen und früher oder später die erschreckendsten Gespenster seiner Geschichte in neuer Gestalt wieder auftauchen sehen.“

„Das Ziel einer wahren Einheit Europas liegt noch in weiter Ferne“, sagte der polnische Papst 1997 in Gnesen. Und er erläuterte: „In Europa wird es keine Einheit geben, solange diese nicht auf der Einheit des Geistes beruht... Die Fundamente der europäischen Identität liegen im Christentum. Dass gegenwärtig die geistige Einheit Europas fehlt, ist hauptsächlich auf die Krise dieses christlichen Selbstverständnisses zurückzuführen… Mit dem Evangelium wurden die Grundlagen der geistigen Einheit Europas gelegt. Deshalb wird sich die Mauer, die sich heute in den Herzen erhebt, die Mauer, die Europa teilt, nicht abtragen lassen ohne die Rückkehr zum Evangelium.“ Zweifellos lassen sich dieser Analyse auch heute noch gültige Aspekte abringen.

Joseph Ratzinger – der sich den Namen des ersten Patrons Europas als Papstnamen wählte – bezog im Ringen um die Seele Europas lange vor seiner Wahl zum Nachfolger Petri Position. Als „gemeinsame Wurzel“ Europas nannte er im Jahr 2000 „die in vielfältigem Austausch gewachsene gemeinsame Kultur, das sittliche und religiöse Erbe… die Rationalität dieser Kultur und ihre einheitsstiftende Kraft“. Als „Sündenfälle Europas in der Neuzeit“ bezeichnete der damalige Kardinal Ratzinger den Nationalismus sowie „die Ausschließlichkeit der technischen Vernunft und die Zerstörung des Ethos“. Aber auch seine Vision von Europa machte der spätere Papst bei seiner Rede in Speyer klar: Europa dürfe nicht nur seine Technik und seine Rationalität exportieren. „Es muss mit seiner Rationalität auch deren inneren Ursprung und deren sinngebenden Grund weiterreichen – die Erkenntnis des Logos als Grund aller Dinge, den Blick auf die Wahrheit, die auch Maßstab des Guten ist.“

Bereits in seinem 1992 erschienenen Buch „Wendezeit für Europa?“ schrieb Kardinal Ratzinger: „Europa als politische Idee muss das nationalstaatliche Modell endlich durch ein großräumiges Konzept kultureller Gemeinschaft ersetzen, das Verfehlte am Weg des Nationalismus durch eine die Menschheit umfassende Solidarität ablösen.“ Damit ist die Einigung Europas keineswegs zu einem Zwischenschritt in Richtung auf einen utopischen Weltstaat degradiert, sondern die moralische Verpflichtung Europas gegenüber der Menschheit, die Pro-Existenz des Abendlands für die Welt als ganzer angesprochen. Zu dieser Dimension der Sendung Europas ist wohl auch von Papst Franziskus am kommenden Dienstag in Straßburg viel zu erwarten.

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