Europa bilden

Wenn heute von Europa die Rede ist, fallen schnell die Worte „Bauplatz“ und „Krise“. Für Christen, zumal katholische, die eine solche historische Übergangsphase gestalten wollen, heißt das: Sie müssen alles dafür tun, dass es nicht bei vordergründigem kurzatmigen Reformismus bleibt, sondern sie selbst und ihre Kinder mit den tieferen Dimensionen europäischer Identität in Kontakt kommen und bleiben. Bildung ist hierbei ein Schlüsselbegriff – vom Religionsunterricht bis zur kirchlichen Verkündigung. Von Bischof Egon Kapellari
Foto: dpa | Eine Aufnahme aus dem Jahre 2007 mit weiter gültiger Symbolkraft: Schwester Aniela betreut und unterrichtet unter dem Kreuz sozial benachteiligte Kinder im polnisch-deutschen Grenzort Slubice, auf der anderen Seite ...
Foto: dpa | Eine Aufnahme aus dem Jahre 2007 mit weiter gültiger Symbolkraft: Schwester Aniela betreut und unterrichtet unter dem Kreuz sozial benachteiligte Kinder im polnisch-deutschen Grenzort Slubice, auf der anderen Seite ...

Wenn man heute von Europa spricht, gebraucht man generaldiagnostisch gern die Begriffe Bauplatz und Krise. Die europäische Zivilgesellschaft ist ein Ensemble vieler Bauplätze und sie ist von einer Stabilitätskrise erfasst, die vordergründig wirtschaftliche Ursachen und Auswirkungen hat. Diese Krise fordert aber nicht allein das Wirtschafts- und Finanzsystem heraus, sie stellt auch das politische System der parlamentarischen und repräsentativen Demokratie und die gesamte Zivilgesellschaft vor große Herausforderungen.

Die Begriffe Bauplatz und Krise wurden in den vergangenen Jahrzehnten auch auf die Kirche, zumal auf die katholische Kirche in Europa, bezogen. Die österreichischen Bischöfe haben vor dem EU-Beitritt Österreichs die Katholiken aufgefordert, auf dem Bauplatz Europa gestaltend mitzubauen. Im heutigen Reden in und über die Kirche in Europa dominiert aber leider oft der Bezug auf die Krise. Die Sicht auf die wirkliche und auf die mögliche Kraft der Kirche zum Beseelen und Mittragen der Zivilgesellschaft wird dadurch verstellt und geschwächt. Dabei gibt es auch hier und heute gute Gründe für ein stärkeres katholisches Selbstbewusstsein, denn die katholische Kirche ist eine Großmacht der Barmherzigkeit.

Welches Europa wollen wir? Zunächst ein befriedetes Europa. Der Raum der Europäischen Union ist bereits eine Friedenszone, und die EU soll mehr und mehr eine Kraft zum Frieden im gesamteuropäischen Raum werden. Wir wissen, dass die Kraft für eine „Pax Europaea“ wesentlich auch von der „Pax Christi“, vom Dienst der Christen Europas an diesem Frieden abhängt.

Wir wollen Europa als einen Raum sozialer Gerechtigkeit, in welchem die Kräfte für eine weltweite Solidarität mit Völkern in großer Not immer stärker werden. Dieser Friede ist gemäß dem Wahlspruch Papst Pius' XII. ein Werk der Gerechtigkeit und darüber hinaus eine Frucht von Barmherzigkeit.

Wir wollen Europa als einen Raum der Achtung und Förderung menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum Tod. Wir widerstehen einer Zivilisation des Todes, die sich in Europa vielgestaltig ausgebreitet hat.

Wir wollen Europa als einen Raum, in welchem der Auftrag Gottes an die Menschheit ernst genommen wird, sie möge die Umwelt als Mitwelt verstehen und sorgsam pflegen und entfalten.

Wir wollen Europa als einen Raum christlicher Ökumene gemäß den Intentionen des II. Vatikanischen Konzils und der seither regierenden Päpste. Es geht um eine Ökumene, die katholische Identität und katholisches Profil nicht aushöhlt und relativiert, aber offen ist für die geistlichen Reichtümer anderer Kirchen und christlicher Gemeinschaften.

Wir wollen Europa als einen Raum befriedeter Beziehungen des Christentums zu den anderen Weltreligionen. Besonders der Islam gibt der Zivilgesellschaft und den Kirchen in Europa heute Fragen auf, denen realistisch und kompetent zu begegnen ist. Wir sind als Christen unverzichtbar gerufen, den Menschen aller Religionen Christus als das Licht der Welt zu zeigen.

Europa ist im Lauf der bisherigen Kirchengeschichte am längsten und fundamentalsten vom Christentum geprägt worden. Seine christlichen Wurzeln tragen und nähren es trotz aller Säkularisierung millionenfach. Europa ist auch heute ein Bauplatz, auf welchem die Christen gestaltend mitbauen und weiterhin mitbauen sollen. Die EU erweist sich trotz vieler Schwächen als wichtiges Instrument für die Stabilität Europas inmitten globaler Veränderungen. Deshalb haben auch der Papst und die Bischofskonferenzen das Projekt der europäischen Integration immer mit – wenn auch kritischer – Solidarität begleitet und werden dies auch in Zukunft tun. Das Projekt der Einigung Europas im Rahmen der EU scheint sich aber in der krisenhaften Entwicklung heute nur im Rhythmus der berühmten Echternacher Springprozession zu bewegen, also jeweils zwei Schritte nach vorne und einen Schritt zurück. Aber auch ein solcher Springprozessionsrhythmus ergibt einen positiven Saldo. Bewusste Christen werden sich von diesem Bauplatz Europa nicht zurückziehen, wenn ihnen und ihrer Botschaft dort Gleichgültigkeit oder Ablehnung begegnen. Es bedarf der zähen Bereitschaft zum Bohren harter Bretter, um ein Wort von Max Weber zu bemühen, angesichts des Trends, christliche Religion ins bloß Private zu drängen.

Die Suche nach Lösungen der gegenwärtigen Krise kann im Ganzen aber nur gelingen, wenn die europäische Einigung nicht nur wirtschaftliche und politische Dimensionen umfasst, sondern auch ethische und religiös inspirierte Werte. Der Einsatz für solche Werte ist ein Dauerauftrag für alle Verantwortungsträger in Politik, Wirtschaft und Kultur. Aber auch die Kirchen und alle ernsthaften Christen haben dazu Unverwechselbares beizutragen.

Die Europäische Kommission setzt sich in ihrer Zukunftsstrategie „Horizonte 2020“ mit dem Thema Bildung auseinander. In einer Skizze unter dem Titel „Rethinking skills in Europe“ (Neues Nachdenken über Fertigkeiten in Europa) werden eine Reihe von technischen Fähigkeiten gefordert, die der Einzelne erwerben sollte, um ein mobiler, flexibel einsetzbarer, kreativer und innovativer Arbeitnehmer zu sein. Nirgendwo in dieser Skizze wird aber vom Menschen als Ganzem gesprochen, von jenen „skills“, die es zu beherrschen gilt, wenn der Mensch immer mehr Mensch werden und die Gesellschaft vital, stabil und auf das Gemeinwohl hin orientiert bleiben soll.

Einen wesentlichen Beitrag dazu kann der konfessionelle Religionsunterricht leisten. In seiner Vielfalt hat er integrative Funktion und fördert ein möglichst konfliktfreies Miteinander in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Er leistet durch die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, durch eine darauf bezogene Wissens- und Wertevermittlung und eine dadurch inspirierte Lebensgestaltung einen wichtigen Beitrag für die individuelle Persönlichkeitsbildung. Verlässliche Information bezogen auf die eigene Religion und die eigene Kultur, die hier jungen Menschen unter Achtung ihrer Freiheit vermittelt wird, schafft die Voraussetzungen für eine kompetente Gesprächspartnerschaft im interreligiösen, multikulturellen Gespräch und für positive Beiträge zum Zusammenleben der Menschen in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Daher hat für uns als katholische Kirche der konfessionelle Religionsunterricht Vorrang vor einem staatlich angebotenen weltanschaulich neutralen Ethikunterricht.

Der Religionsunterricht will Wegbereitung für eine vertiefte Erkenntnis sein, dass der Mensch „nicht nur von Brot allein“ lebt. Er will helfen, das Beste in den jungen Menschen zu entfalten. Sachliche Kompetenz und persönliche Glaubwürdigkeit der im Religionsunterricht Tätigen sind daher besonders wichtig. Kinder und Jugendliche wollen ja wissen, ob etwas „dran“ ist an dem, was ihnen hier begegnet, ob auch Erwachsene dies für sich ernst nehmen.

Im Dienst der ethischen Stabilität einer im Ganzen nicht sehr stabilen pluralistischen Gesellschaft müsste diese Gesellschaft daran interessiert sein, dass sich alle jungen Menschen in ihrer Bildungslaufbahn in systematischer Form mit den Werte betreffenden Fragen auseinandersetzen. Die katholische Kirche will am Bauplatz Schule weiterhin mitgestalten und befürwortet deshalb die Kombination von konfessionellem Religionsunterricht und ergänzendem Ethikunterricht. Wir sehen darin ein gut abgestimmtes Modell, das eine ethisch-religiöse Bildung und Erziehung für alle Kinder und Jugendlichen ermöglicht. Dazu braucht es gut informierte, couragierte, im katholischen Glauben eingewurzelte Religionslehrerinnen und -lehrer, die diesen Glauben differenziert und einladend verkünden und nicht auf Religionskunde reduzieren lassen.

Wer Europa aufbauen und dessen Bürger bilden will, muss zu vier Themen Stellung nehmen: Gott, Mensch, Kirche und Gesellschaft. Der Russe Sinjawski hat vor Jahren gesagt: „Wir haben lange genug vom Menschen geredet. Es wird Zeit, dass wir anfangen, wieder von Gott zu sprechen.“ Das war nicht antihumanistisch gemeint, sollte aber zum Ausdruck bringen, dass die Frage aller Fragen in Europa die Gottesfrage ist: erstens als Frage der Menschen in Europa nach Gott, die freilich bei vielen verschüttet ist, und zweitens als Frage Gottes an die Menschen in Europa, ob sie mit ihm, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie ihre Vorfahren unterwegs bleiben wollen, ob sie – wenn christlich getauft – in jenem neuen und ewigen Bund verbleiben wollen, den Gott in seinem Sohn Jesus Christus auch mit ihnen geschlossen hat.

Diese Frage richtet sich besonders an die jungen Menschen. Die Frage nach Gott, die Rede über Gott als Versuch, jungen Menschen „Gott zu geben“ und das Reden mit Gott in Gebet und Liturgie sind ein unverzichtbares Zielgebot für jeden katholischen Religionsunterricht, unabhängig von lokalen Schwierigkeiten und Chancen. Die Verwirklichungen dieses Auftrages bleiben wohl immer ein Fragment, aber dieses Fragment muss offen sein auf das umfassende Größere und auf das Ganze hin. Auch muss die Rede vom lieben Gott offen sein hin zur Rede vom verborgenen, rätselhaften Gott, dessen tiefste Tiefe aber Liebe ist.

Das umfassende Thema „Mensch“ steht immer in der Klammer der lapidaren Kurzdiagnose von Immanuel Kant, der gesagt hat: „Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt.“ Christlich vertieft verbindet sich dieser Spruch mit dem Thema Erbsünde. Die These Kants können wir leider jeden Tag im Blick auf andere Menschen und im ehrlichen Blick auch auf uns selber verifizieren. Sie ist aber nur die Schattenseite der „Medaille Mensch“. Die Lichtseite sagt uns, dass jeder Mensch ein Sohn oder eine Tochter Gottes ist und im Magnetfeld des Erlösungswerkes Jesu Christi steht, und dass wir vielen Menschen dazu helfen können, tiefer in dieses Feld hineinzugelangen. In der Zuwendung zu jungen Menschen können wir Christen diese Mitmenschen mit den Augen Gottes, mit den Augen Jesu Christi anschauen. Dann werden wir nicht nur sehen, wie unvollkommen sie sind, sondern auch wie sie sein könnten, wenn ihre guten Anlagen mehr und mehr entfaltet sind.

Die Kirche befindet sich gegenwärtig in Österreich und Deutschland in einer prekären Lage. Ich will nichts kleinreden, aber „Man sieht nur mit den Augen des Herzens gut“, hat Antoine de Saint Exupery gesagt. Viele Menschen außerhalb wie innerhalb der Kirche schauen zu wenig mit den Augen des Herzens auf die Kirche, sondern zu sehr mit den Brillen eines politischen, soziologischen oder von Gruppeninteressen geleiteten Blickes. Damit sieht man viel Wirkliches, Erfreuliches und Gelingendes, aber auch Vieles, das traurig oder zornig macht, und man sieht auch Vieles, das nach Änderungen rufen lässt. Es fehlt aber einem solchen Blick oft die Dimension Tiefe. Das Schöne, das Heilige, das Gelingende in der Kirche bleibt dann ausgeblendet.

Eine heute auch unter Katholiken und zumal unter katholischen Kirchenkritikern verbreitete Ekklesiologie geht oft zu leicht am großen Traditionsstrom der Paulusbriefe, der Patristik, der Konzilien und an der Ekklesiologie des II. Vatikanischen Konzils vorbei. Das Ergebnis ist dann eine zweidimensionale Sicht auf die Kirche. Ein Remedium dagegen, das freilich oft erst durch Leiden hindurch wieder erlangt werden kann, wäre eine Blickumkehr hin auf das Ganze und hin zur Mitte und Tiefe der Kirche – dorthin, wo weder ein ängstlicher, engbrüstiger Konservativismus, noch eine allzu pragmatische und jedem Heroismus ausweichende Liberalität ihren Platz haben. Diese Mitte ist Jesus Christus.

Die Welt, soziologisch gesprochen die Gesellschaft, ist ein Bauplatz, wo mit einander oft widersprechenden Plänen und oft scheinbar konzeptlos gebaut wird. Sie ist auch in den EU-Ländern neuerdings sehr instabil, was weder verdrängt werden noch einen Alarmismus auslösen sollte. Inmitten dieser Gesellschaft ohne Utopien, mit viel Egoismus und Gier, aber auch mit viel Idealismus, ja Heroismus leben wir als Christen. Wir alle haben einen manchmal kleinen, manchmal größeren Spielraum zum Handeln und zum Gestalten einer besseren Gegenwart und Zukunft. Es wird hoffentlich auch in Zukunft viele fromme, intelligente, strapazfähige, missionarische und fröhliche Christen geben, die ihren Glauben authentisch einladend und mit einem unarroganten Selbstbewusstsein anderen Menschen zeigen.

Solche Christen, die in aktiver Geduld eine Zeit des Übergangs bestehen und gestalten und so die Kirche positiv prägen, sind auch in Zukunft unverzichtbar wichtig.

Der Autor ist Bischof der Diözese Graz-Seckau und stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz. Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung seines Vortrags „Das Christentum in einer pluralen Gesellschaft“, den er vor dem Deutschen Katecheten-Verein und der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Graz gehalten hat.

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