"Eure Zeit ist abgelaufen"

Vor hundert Jahren dankte Zar Nikolaus II. von Russland ab. Vorausgegangen waren dramatische Entwicklungen. Eine Geschichtsvignette. Von Georg Blüml
Zar Nikolaus II. und Zarin Alexandra Feodorowna
Foto: dpa | In altrussischer Zarenherrlichkeit: Nikolaus II. und seine Gemahlin Alexandra Fjodorowna (undatierte Aufnahme).

Bekreuzigt Euch und übergebt Euer Erbe dem Thronfolger! Einen anderen Ausweg gibt es nicht“ – so lauteten die letzten Zeilen des Telegramms, das der Zar am Morgen des 15. März 1917 von seinem Onkel, dem Großfürsten Nikolai erhalten hatte, dem Oberbefehlshaber der russischen Truppen an der Kaukasusfront. Im Westen hatte die kaiserliche Armee vernichtende Niederlagen hinnehmen müssen, und in der Hauptstadt des Russischen Reiches wehten die roten Fahnen der Februarrevolution.

Der kaiserliche Onkel war nicht der einzige Militär, der Nikolaus II. zur Abdankung riet. Ein ganzer Stapel von ähnlich lautenden Telegrammen war dem Zaren zum Frühstück vorgelegt worden. Und der Befehlshaber der Nordarmee, General Russkj – in dessen Hauptquartier in Pskow der Zar am Abend zuvor eingetroffen war – unterrichtete den Herrscher darüber hinaus über ein nächtliches Telefon-Gespräch. In diesem hatte der Parlamentspräsident unmissverständlich mitgeteilt: „Seine Majestät ist anscheinend unfähig, zu begreifen, was in der Hauptstadt vor sich geht... Der Hass auf die Kaiserin glüht... Die vorgeschlagenen Maßnahmen kommen zu spät... Eure Zeit ist abgelaufen!“ Nikolaus II. hatte wenigstens auf die Unterstützung seiner Generäle gehofft. Doch ausnahmslos alle Armee-Kommandeure und sogar der Generalstabschef hatten sich zuletzt für seine Abdankung ausgesprochen. Obendrein waren zwei Delegierte der inzwischen gebildeten provisorischen Regierung bereits auf dem Weg nach Pskow, um ihn zum Rücktritt zu bewegen. Die erforderliche Abdankungs-Urkunde war bereits formuliert.

Nikolai Alexandrowitsch Romanow-Holstein-Gottorp – wie der spätere Zar Nikolaus II. gebürtig hieß – wurde am 18. Mai 1868 als Sohn des Thronfolgers Alexej und dessen Gemahlin Dagmar von Dänemark geboren, die den Namen Marija Fjodorowna angenommen hatte. Über seine vorwiegend deutschen Vorfahren war Nikolai ein Cousin des britischen Königs Georg V. und ein Neffe Kaiser Wilhelms II., um nur die bedeutendsten seiner gekrönten Verwandten zu nennen. Nikolai, in Familienkreisen „Nicky“ genannt, wuchs abgeschottet von der Außenwelt mit seinen fünf jüngeren Geschwistern als einzigen Spielkameraden auf. Zumeist wohnten sie im Sankt Petersburger Antschikow-Palast, dem der Krim-Eroberer und Vater der gleichnamigen Dörfer, Potjomkin, eine klassizistische Säulenfassade vorblenden ließ.

Am 13. April 1881 zieht die Mutter den 12-jährigen Niki in ein Zimmer des Winterpalastes. Zar Alexander II. ringt röchelnd mit dem Tode! Ein Terrorist hatte ihm eine Bombe direkt vor die Füße geworfen – seine Beine sind zerfetzt. „Totenblass in seinem marineblauen Anzug“ wird Nicky Zeuge, wie sein Großvater qualvoll stirbt – der große Reformzar, der unter anderem die Leibeigenschaft abgeschafft hatte! Nun ist Nickys Vater Zar Alexander III. und er selbst Zarewitsch, also Thronfolger. Der neue Zar dreht die Reformen von Nickys ermordeten Opa mit aller Gewalt zurück. Nach dem Militärdienst, wo der bis dahin isoliert aufgewachsene Zarewitsch die Kameraderie unter den Offizieren genießt, gilt es, eine Prinzessin aus dem europäischen Hochadel zu heiraten.

Seine Wahl fällt auf Alix von Hessen-Darmstadt, die Lieblingsenkelin Königin Victorias. Doch der sehr religiös geprägten Prinzessin bereitet der obligatorische Übertritt vom lutherischen zum orthodoxen Glauben zunächst Gewissensbisse. Der junge Zarewitsch lässt nicht locker, gibt seiner Braut die nötige Zeit und einen Priester an die Seite, um sie in der orthodoxen Glaubenslehre zu unterweisen. Dieser erweckt in der Protestantin die Sehnsucht nach dem mittelalterlichen Zauberglanz des alten Byzanz mit seinen mystischen, gottdurchdrungenen Riten und seiner goldgrundigen Heiligkeit. Sie konvertiert und ändert ihren Vornamen in Alexandra Fjodorowna.

So bescheiden die Trauungszeremonie war – Alexander III. war wenige Wochen zuvor verstorben – so grandios ist die Krönung des neuen Zarenpaares in Moskau. Am 14. Mai 1896 empfängt Nikolaus II. aus der Hand des Metropoliten die Zarenkrone und setzt sie sich – wie es schon Iwan der Schreckliche tat – selbst aufs Haupt. Gott allein steht über dem Zaren! Einem Cousin vertraut Nikolai an: „Ich bin aufs Regieren nicht vorbereitet. Ich verstehe nichts von Staatsgeschäften... Ich wollte nie Zar werden.“ Es folgt eine rauschende Ballnacht im Kreml. Während der Adel in diamantbesetzten Roben durch goldene Säle tanzt, kommt es bei einer Volksbelustigung zu einer Massenpanik mit über 1 300 Toten. Die Nachricht hat die Zarin, wie sie ihrem Tagebuch anvertraut, „zu Tränen gerührt. Dennoch habe ich weiter getanzt.“ Und so wird jene Nacht zum gleichnishaften Zeichen für die Herrschaft des letzten Zaren.

Als Zar war Nikolaus II. autokratischer und uneingeschränkter Herrscher über 160 Millionen Untertanen. Und er verfolgte – darin glühend unterstützt von seiner Frau – den rigiden Anti-Reformkurs seines Vaters. Wie dieser stützte er seine Herrschaft auf die Armee, die Ochrana genannte Geheimpolizei und die Kirche. „Gott befiehlt“ – so lehrten es die Popen – „dem Kaiser nicht nur aus Furcht, sondern auch aus Gewissenspflicht zu gehorchen.“ 130 Millionen Russen fristeten ihr Leben als Bauern – in überwiegender Mehrheit als Analphabeten und in größtem Elend. Dazu kam der Hunger. Die Lebenserwartung der Landbevölkerung lag bei nur 35 Jahren! Die Gesellschaft war erstarrt, Aufstände wurden brutal unterdrückt. Zu Beginn des 20. Jahrhundert waren Millionen Menschen in der Hoffnung auf Arbeit vom Land in die Städte geflohen und eine große gesellschaftliche Umwälzung lag in der Luft. Dabei kamen die Revolutionäre weder aus der Arbeiterklasse noch aus dem Bauernstand. Wie Lenin, der adelige Wurzeln hatte, waren es die gebildeten Eliten, die den eigenen Untergang herbeisehnten oder zumindest erwarteten.

Im Januar 1905 beginnt der Vulkan, auf dem die in sattem Leben schwelgende Sankt Petersburger Gesellschaft tanzt, ein erstes Mal zu grollen: Am eisigen Morgen des 9. Januar versammeln sich rund 10 000 festlich gekleidete Arbeiter, Studenten und Bürger. Ziel ist die Überreichung einer Petition an „Väterchen Zar“ mit der Bitte um Reformen. Voran tragen sie ein Transparent mit der Bitte: „Schießt nicht, Soldaten!“ – es wird ein frommer Wunsch bleiben. Am Narwa-Tor wird der Zug aufgehalten. Nachdem sich die Menge nicht zerstreuen will, legen die Soldaten die Gewehre an. Hunderte werden erschossen, darunter Frauen und Kinder; der Schnee färbt sich rot. Der Pope Gapon, der zum Marsch aufgerufen hatte, schreit: „Es gibt keinen Gott mehr und keinen Zaren!“ – die zaristische Regierung kennt nur noch die Sprache der Gewalt. Dass er danach einer Verfassung zustimmen und ein Parlament, die Duma, einführen muss, hat sich Nikolai nie verziehen.

Der Zar träumte von der Eroberung Konstantinopels

1913 schmückte sich Sankt Petersburg. Ein letztes Mal wurde das Jubiläum der Dynastie mit imperialem Glanz und juwelenbesetzten Fabergé-Eiern zelebriert. 300 Jahre zuvor war Michail Romanow angesichts einer Bedrohung durch polnisch-litauische Truppen zum Zaren gewählt worden – der Legende nach, um die „Heilige Rus“ wieder zu vereinen und vor dem Katholizismus zu bewahren. Denn ein Russe zu sein hieß Christ zu sein und ein Vertreter des orthodoxen Glaubens! Das apokalyptische Konzept von Moskau als drittem Rom war schon lange vor der Romanow-Herrschaft etabliert worden. Nach diesem war das erste Rom mit der Annahme des katholischen Glaubens untergegangen und das Ende des zweiten kam, als Konstantinopel 1428 auf dem Konzil von Florenz eine Union mit dem Papsttum schloss. Die Ehe von Iwan III. mit Sophia Palaiologa, der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, besiegelte lediglich die Stellung der letzten Hauptstadt der Orthodoxie als Erbe von Byzanz. „Die Rus wurde“ – wie es der Historiker Orlando Figes formuliert – „zum heiligen Land, von Gott zur Erlösung der Menschheit auserwählt. Diese messianische Mission gab den Zaren eine einzigartige religiöse Rolle: das Wahre Wort zu predigen und überall auf der Welt die Häresien zu bekämpfen“ – namentlich Katholizismus und Islam. Die Verknüpfung der Familiensage mit diesem Staatskonzept wurde zur fundamentalen Legitimation der Romanows.

Trotz eifrig ausgetauschter Telegramme zwischen den Cousins Nicky, „Georgie“ und „Willy“ – dem englischen König auf der einen und dem deutschen Kaiser auf der anderen Seite – stolpert Rußland am 31. Juli 1914 in den I. Weltkrieg. Nach anfänglichen Siegen träumt der Zar schon von der Eroberung Konstantinopels. Doch sein eben erst in Teilen industrialisiertes Riesenreich ist auf die neue Art der Kriegsführung nicht vorbereitet. Schnell fehlt es an Waffen und Munition. Der Zar begibt sich ins Hauptquartier nach Mogiljew, um den Generalstab selbst zu befehligen. Die Regierungsgeschäfte überlässt er seiner Frau, der man vor allem vorwirft, dass sie wegen der mysteriösen Erkrankung des Zarewitsch unter dem Einfluss eines seltsamen Mönchs stehe, den sie „unser Freund“ nennt. Rasputin – der durch Gebete die lebensgefährlichen Blutungen des Zarewitsch stoppen kann – flüstert der Zarin ein, welcher Minister entlassen und welcher ernannt werden soll. Die Zarin telegraphiert an ihren Nicky: „Den Ratschlägen unseres Freundes zu folgen, Geliebter, das ist recht.“ Und der Zar nickt ab.

Nikolaus bekreuzigt sich und unterzeichnet

Im Winter 1916/17 ist Rußland am Ende. 16 Millionen Männer sind im Krieg. Die ohnehin geringen Ernten gelangen mangels Transportmitteln nicht mehr in die Städte. Die Folge ist eine Todesspirale aus Lebensmittelknappheit, Teuerungen, Hunger, Streiks und Unterdrückung. Im Februar 2017 gibt es in Petrograd – wie St. Petersburg seit dem Ausbruch des I. Weltkrieges heißt – kein Mehl mehr. Am 10. März streiken 200 000 Menschen. 700 km von der Hauptstadt entfernt, verkennt der Zar die Brisanz der dortigen Vorgänge. Am 11. März erlässt er einen Schießbefehl gegen die Aufständischen. Am 12. März streikt eine halbe Million. Die Zarenmacht beginnt zu wanken. Soldaten der Gardeeinheiten verbrüdern sich mit den Arbeitern. Petrograd wird rot. Die außerhalb in Zarskoje Selo residierende Zarin erfährt erst jetzt von den Umwälzungen – ihre fünf Kinder haben die Masern! Am 13. März werden wichtige Punkte der Hauptstadt besetzt. Der zaristische Machtapparat zerbricht. Jetzt erst beschließt der Zar, nach Petrograd zurückzukehren – doch Teile der Strecke sind bereits unter der Kontrolle der Revolutionäre und der Zug des Zaren muss nach Pskow umgeleitet werden, wo er erst am Abend des 14. März eintrifft.

Als Kaiser und Autokrat aller Russen herrscht Nikolaus II. über fast ein Sechstel aller Landmasse der Erde – noch! Er erkundigt sich bei seinem Leibarzt, ob sein Sohn Alexej überhaupt seinen Pflichten würde nachkommen können. Dr. Fjodorow hat keine Hoffnung: Die Bluterkrankheit des Zarewitsch ist unheilbar. Die aus der Hauptstadt angereisten Delegierten erreichen Pskow gegen 22 Uhr. Sie berichten, dass die Duma gemeinsam mit dem radikalen Petrograder Sowjet – dem Arbeiter- und Soldatenrat – bereits seine Absetzung vereinbart hat. Es ist die schwerste Stunde in Nikolais Leben. Da sein Sohn die Krone niemals würde tragen können, ändert er eigenhändig das am Morgen formulierte Abdankungsprotokoll und setzt seinen Bruder Michail als Erben ein. Nikolaus II. bekreuzigt sich und unterzeichnet. Er ist kein Kaiser mehr. Sein Bruder wird es nicht mehr werden. Um den Eindruck zu vermeiden, der Zar habe unter Druck unterschrieben, wird das Dokument vordatiert: auf den 15. März 1917 um 15 Uhr und 5 Minuten.

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27.01.2022, 17 Uhr
Maximilian Heim OCist