Euphorischer Kult

„Polens Katholizismus nicht fremdenfeindlich“: Blick in die polnischen Medien zum Weltjugendtag 2016 in Krakau. Von Stefan Meetschen
Foto: KNA | Die wichtigste Nachricht war der Glaube. Viele Jugendliche blieben vor der Abschlussmesse am Sonntag auf dem Feld der Barmherzigkeit in Brzegi bei Krakau.

Der Weltjugendtag 2016 hat in den polnischen Medien eine große Rolle gespielt. Bereits im Vorfeld versorgten die meisten Zeitungen und Zeitschriften, egal ob säkular oder religiös, die Leser mit einer genauen Programmübersicht – von Auschwitz bis Tschenstochau, vom Treffen des Papstes mit dem polnischen Präsidenten bis zum Besuch des Papstes in einem Kinderkrankenhaus. War die Berichterstattung zunächst noch geprägt von einer Mischung aus emotionaler Willkommensfreude bei den Boulevardblättern einerseits und einer gewissen Skepsis bei den religiösen Fachmagazinen, die durch eine auffällig starke Visualisierung von Schwester Faustina und Johannes Paul II. deutlich wurde, andererseits, so dominierten im Laufe der Veranstaltungstage bei den Online- und Printausgaben die aktuellen Aufnahmen von Papst Franziskus.

Für großes Aufsehen sorgte der erste Auftritt von Franziskus am sogenannten „Papstfenster“ des Erzbischöflichen Palastes, als er vom Schicksal des polnischen WJT-Grafikers Maciej Ciesla erzählte, der Anfang Juli im Alter von 27 Jahren gestorben ist. Sofort entwickelte sich ein euphorischer Kult um den Künstler, sodass sein Bruder im Fernsehsender TVP daran erinnern musste, dass dieser „kein Heiliger“ gewesen sei, sondern ein einfacher Junge.

Gewohnt regierungskritisch waren die Attacken, mit denen die linksliberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“ das Treffen des Papstes mit der Regierung und dem Präsidenten („Papst in Krakau“) beurteilte: Franziskus habe viele Probleme der polnischen Gesellschaft thematisiert, befand die Zeitung, und die Regierung außerdem ermahnt, Flüchtlinge aufzunehmen. Die liberal-konservative Zeitung „Rzeczpospolita“ sah in der Rede des Papstes Lob und Kritik an Polen.

Hinsichtlich des Treffens mit dem polnischen Episkopat fragte die „Gazeta Wyborcza“: „Ob die Appelle von Papst Franziskus einen Erfolg in der polnischen Kirche haben?“ Die Zeitung sieht Papst Franziskus seit Beginn des Pontifikats als Repräsentant einer von ihr favorisierten offenen Kirche, während die polnische Kirche im negativen Sinn als geschlossen dargestellt wird.

Auch die katholische Zeitung „Tygodnik Powszechny“ bedient sich gern dieser Gegenüberstellung. Dementsprechend kommentierte der Chefredakteur Pfarrer Adam Boniecki die Predigt von Franziskus vor den polnischen Priestern im Johannes Paul II. Heiligtum: „Papst sprach über die offene Kirche“ und dass die Kirche sich öffnen müsse, weil das Personal oft der Versuchung nachgebe, sich zu verschließen. Auch die von dem früheren TV-Moderator Tomasz Lis herausgegebene Zeitschrift „Newsweek Polska“ dramatisiert gern einen Konflikt zwischen Papst und polnischer Kirche; während der WJT-Woche attestierte „Newsweek Polska“ auf seinem Online-Portal dem polnischen Katholizismus ein Überlegenheitsgefühl, Franziskus wurde als Werbender in Sachen Flüchtlingshilfe gezeigt. – Ein positives Fazit für den Weltjugendtag zieht die konservative Internet-Plattform wPolityce: „Der Mythos über die Ungastlichkeit der Polen ist laut eingestürzt. Gastfreundschaft und Herzlichkeit sind die meistzitierten Eigenschaften der Polen durch die Pilger aus der ganzen Welt.“

Der Chefredakteur Pfarrer Marek Gancarczyk der erfolgreichsten katholischen Zeitschrift Polens, „Gosc Niedzielny“, kommt zu dem WJT-Fazit: „Die ununterbrochen wiederholte Meinung über den provinziellen und xenophobischen Katholizismus, der für Fremde geschlossen sei, hat sich nicht bestätigt.“

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