„Es wird zu oft über Ängste gesprochen“

Werte sind keine Kategorie des Rechts: Die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ ging der Frage nach: „Was ist deutsch“. Von Heinrich Wullhorst

Was ist eigentlich deutsch? Die Frage liest sich auf den ersten Blick sehr simpel. Und man hat gleich die bekannten Stereotypen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordnungssinn ebenso im Kopf wie Sauerkraut, Lederhose und Literkrüge voll Bier. Viele Autoren haben sich in dicken Büchern oder intellektuellen Essays mit diesem Thema beschäftigt. Die Flüchtlingsdebatte lässt die Diskussion über die eigene Identität ebenso aufleben, wie der Blick in die Vereinigten Staaten, wo der Vorrang eigener Interessen mit dem Slogan „america first!“ von Donald Trump im Wahlkampf bis zur Ermüdung abgespult wurde. Um die Frage zu beantworten: Wer sind denn eigentlich die oftmals von Populisten bemühten „Anderen“, muss man sich zunächst einmal Klarheit darüber verschaffen: Wer sind eigentlich wir? Ob sich darauf wirklich eine Antwort finden lässt? Schon der Philosoph Friedrich Nietzsche hat schließlich vor mehr als 100 Jahren festgestellt: „Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ,was ist deutsch‘ niemals ausstirbt.“

Deutscher Identität spürt die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr in einer von Akademiedirektor Michael Schlagheck moderierten und spannend besetzten Talkrunde nach. Da diskutiert der deutsch-US-Amerikaner Steven Sloan mit der im Iran geborenen Deutschen Nargess Eskandari-Grünberg und dem Urgestein des Staatsrechts, dem Bonner Professor Josef Isensee. Gleich zu Beginn stellt Steven Sloan fest, dass ihn derzeit fast noch mehr die Frage umtreibe: „Was ist ein Amerikaner?“ Für ihn sei die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten „eine der schlimmsten Sachen, die ich in meinem Leben erlebt habe“. Typisch deutsch sei für ihn der Begriff „alles in Ordnung“. Nargess Eskandari-Grünberg ist vor 27 Jahren als 20-Jährige aus ihrer Heimat geflohen. Sie fühlt sich, nicht nur wegen ihres Passes, als Deutsche. Die Frankfurter Stadträtin hat lange als Dezernentin für Integrationsfragen gearbeitet. Sie erinnert daran, dass Deutschland schon immer ein mit der Einwanderung vertrautes Land war. „Obwohl man den Umgang mit Zuwanderern bereits so lange kennt, wird dennoch immer wieder die Frage nach der Gestaltung von Integration gestellt“, wundert sich die Psychologin. Sie selbst nimmt als typisch deutsch vor allem die Offenheit wahr, mit der eine sehr heterogene Gesellschaft unterwegs ist: „Deutsche lieben es, im Ausland Urlaub zu machen und in ausländischen Restaurants essen zu gehen.“ Eskandari-Grünberg stellt aber fest, dass sie im Ausland immer als „typisch deutsch“ ausgemacht werde, man sie in Deutschland aber immer wieder frage, wo sie herkomme. Entscheidend ist in einer immer differenzierter werdenden Gesellschaft für die Politikerin die Frage nach den gemeinsamen Werten: „Das sind für mich unsere demokratische Verfasstheit und unser Grundgesetz.“

Die Selbstannahme muss jeder Mensch durchstehen

Typisch deutsch ist für Josef Isensee, „dass wir der Frage überhaupt in einer Veranstaltung wie dieser nachgehen. Andere Nationen würden das nicht als abendfüllendes Programm betrachten“. Es sei ja schon erstaunlich, dass ein deutscher Tourist im Ausland dann regelrecht aufblühe, wenn ihm beispielsweise sein spanischer Gastgeber sage: „Sie sehen gar nicht so aus, wie ein Deutscher“. Der Religionsphilosoph Romano Guardini habe einmal gesagt: „Die Annahme seiner selbst ist etwas, das jeder denkende Mensch durchstehen muss.“ Eines der Kernprobleme sei, dass jede Nation ein Bild von den Deutschen hat und wir selber Schwierigkeiten haben ein solches, eigenes Bild zu entwickeln. Das hänge sicher auch mit der „Neigung zu aufgeklärter Weltbürgerlichkeit“ zusammen, die sich vielfach in intellektuellen Zirkeln finde und in der „alles gleich und alles gleich gültig sei“.

Möglicherweise benötigt ein Land, um seine Identität zu definieren, eine Großerzählung, so etwas wie die Geschichte vom „american dream“. Nach dieser Vorstellung kann jeder Mensch durch harte Arbeit und unabhängig von seinem derzeitigen Wohlstand in der Zukunft einen höheren Lebensstandard erreichen. Steven Sloan sieht diese Vision, die oft von außen her so gesehen werde, deutlich kritischer: „Amerika ist geprägt vom Kapitalismus und der Demokratisierung als großem Experiment. Dort war zwar alles möglich, aber eben auf Kosten anderer.“ Großerzählungen habe es im Übrigen auch in Deutschland schon lange gegeben, weiß Josef Isensee. Auch die Reformation sei eine solche Großerzählung gewesen, die allerdings gespalten habe. Heute gebe es zwei prägende Großerzählungen. „Die eine ist die des Holocaust, die den deutschen Negativnationalismus ausmacht. Ihr positives Gegenüber ist das Grundgesetz.“ Die deutsche Großerzählung ist für Nargess Eskandari-Grünberg vor allem der Verfassungsgrundsatz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Das hier in Deutschland zu erleben sei für die meisten Flüchtlinge, die zu uns kommen, etwas ganz besonders Wertvolles, weil sie eben das aus ihren Heimatländern nicht kennen, in denen die Menschenwürde zum Teil mit Füßen getreten werde. „Die Einwanderer sind inzwischen ein Teil unserer Gesellschaft und gehören so auch zu unserer Großerzählung“, betonte die Psychologin.

Die Debatte um eine deutsche Leitkultur ist heute wesentlich entspannter als vor 15 Jahren, als der CDU-Politiker Friedrich Merz das Thema auf die Agenda brachte. Für Josef Isensee reicht es allerdings nicht aus, sich auf einen Verfassungspatriotismus zu berufen, der lediglich die Artikel 1 bis 20 unseres Grundgesetzes in den Blick nimmt. „Die Ideologie des Verfassungspatriotismus verhält sich zum echten Patriotismus wie Muckefuck zu Bohnenkaffee“, bringt es der Staatsrechtler auf den Punkt. Es sei eine schöne intellektuelle Theorie, aber eine Bindung lasse sich allein durch diese Vorschriften nicht erreichen. Letztlich gehe es in unserem Grundgesetz vor allem um Freiheitsrechte.

Pflichten lassen sich schlecht definieren

„Wenn aber jeder in Freiheit über sich selbst bestimmen kann, dann muss er auch die Pflicht haben, die Freiheit des anderen zu ertragen“, macht Isensee deutlich. Und diese Freiheit, die noch weit über das Grundgesetz hinausgehe, sei für Zuwanderer oft schwer zu verstehen, „da ihnen als dekadent erscheint, was wir eine freiheitliche Gesellschaft nennen“. Zur Identitätsbildung müsse neben der Verfassung auch die Lebenswirklichkeit treten. Das zeige sich auf einem recht harmlosen Feld im Fußballpatriotismus. In diesem das Gemüt erregenden Umfeld sei auch der Wettbewerb der Nationen nicht von Übel. Sport diene der Integration und die polnischen Einwanderer, die zum Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland gekommen seien, habe man durch die katholische Kirche und den Fußball integriert.

„In Deutschland wird zu oft über Ängste gesprochen“, macht die Psychologin Nargess Eskandari-Grünberg deutlich. Die Integration sei eine große Aufgabe und die Gestaltung von Vielfalt ein Dauerprozess, auf den sich die offene Gesellschaft einlassen müsse. Das trage dann auch dazu bei, Ängste abzubauen. „Wir müssen dem mit unserer Identität selbstbewusst begegnen. Deutschland kann stolz auf sich sein“, ergänzt die gebürtige Iranerin.

So große Brüche wie im gesellschaftlichen Diskurs gibt es in der Musik nicht. „Musik ist eine internationale Sprache, die für alle Menschen in der Welt gleich gilt“, zeigt Steven Sloan auf. Der Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, der Orchester auf der ganzen Welt dirigiert hat, betont, dass in der Musik Traditionen und Wurzeln schneller zu etwas Verbindendem zusammenfließen. „Integration lässt sich nicht staatlicherseits durch Gesetze verordnen“, erklärt der Staatsrechtler Isensee. „Werte sind keine Kategorien des Rechts.“ Daneben gelte unser Freiheitsrecht, das jedem zugestehe, „nach seiner Façon selig zu werden“. Der Lebensentwurf eines Menschen sei seine persönliche Entscheidung. Er bestimme, ob er sich integriert oder abschottet. „Erwartungen kann man definieren, aber schlecht Pflichten.“ Deutschland sei auch gerade deshalb für Menschen aus aller Welt so interessant, „weil sie sich hier nicht selbst aufgeben müssen“.

Einig waren sich die Teilnehmer der Runde, dass es gefährlich sei, unter dem Mantel der Identitätsdebatte Stellvertreterdiskussionen anzuzetteln, bei denen es eher um die soziale Frage und den solidarischen Zusammenhalt der Gesellschaft gehe. Das spiele den Populisten letztlich in die Hände und führe zu einer Situation, wie sie Steven Sloan für die USA wie folgt beschreibt: „Wenn eine Gesellschaft über Jahre nicht funktioniert, wie in Amerika, wenn man sieht, dass politisch nichts besser wird, dann entsteht eine Anti-Establishment-Haltung.“ Und wenn dann einer komme, der auf das Establishment schimpfe und sage: „Mir könnt Ihr vertrauen, ich bin reich und klug und ich weiß alles besser“, dann folgten ihm in einer „civil ignorance“ viele, die sich schon vor Jahren von der großen Idee der Demokratie entfernt hätten. Das erinnere ihn an Deutschland in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Was ist nun eigentlich deutsch? Auch der interessante Abend in der Wolfsburg ließ mehr Fragen offen, als dass er eine klare Definition bieten konnte. Aber vielleicht ist ja gerade die Freiheit vielfältiger Betrachtungsweisen eine Kultur, die uns ausmacht, und die wir letztlich unserem Grundgesetz und unserer wechselvollen Geschichte zu verdanken haben.

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