„Es war die falsche Entscheidung“

Eine zu späte Erkenntnis in der ARD-Dokumentation: „Ich habe abgetrieben – Mein Leben mit dem Tabu“. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: ARD | Hier ist Familie M. noch glücklich. Doch durch eine Ultraschalluntersuchung erfuhr das Ehepaar in der 20. Schwangerschaftswoche ihres zweiten Babys, dass es am Down-Syndrom leidet.
Foto: ARD | Hier ist Familie M. noch glücklich. Doch durch eine Ultraschalluntersuchung erfuhr das Ehepaar in der 20. Schwangerschaftswoche ihres zweiten Babys, dass es am Down-Syndrom leidet.

Sich seiner Schuld und Verantwortung zu stellen oder aber zu versuchen, sie so lange zu verdrängen, bis man irgendwann einmal doch darauf gestoßen wird: Darum ging es bei einem Dokumentarfilm des Norddeutschen Rundfunks, den die ARD am vergangenen Sonntag ausgestrahlt und damit ein scheinbar unantastbares Tabu gebrochen hat. „Ich habe abgetrieben – Mein Leben mit dem Tabu“ berichtete ungewohnt direkt und eindringlich, zugleich aber zurückhaltend und einfühlsam anhand zweier Fallbeispiele, wie zwei Mütter Jahre oder gar Jahrzehnte nach einer Abtreibung den Tod ihrer ungeborenen Kinder verkraftet haben. Der Film von Dagmar Holtz geht tief unter die Haut.

Riego und Marion sind seit zehn Jahren miteinander verheiratet. Sie arbeitet in Frankfurt bei einer Fluggesellschaft, er im Management einer größeren Firma in München. Die Familie sieht sich nur am Wochenende. Der gemeinsame Sohn Leon kommt demnächst in die Schule. Auf den ersten Blick eine fröhliche Familie, doch der Eindruck täuscht. Vor fünf Jahren hat Marion in der 21. Woche ihren zweiten Sohn abtreiben lassen. Es war eigentlich ein Wunschkind – doch die Diagnose bei der Fruchtwasseruntersuchung: „,Trisomie 21‘ war wie eine Lawine, die über einen eingebrochen ist.“ Man merkt den Eltern noch immer die Betroffenheit an, als sie am Frühstückstisch sitzend das Ereignis im Geiste vor der Kamera rekapitulieren. Trauer und Hilflosigkeit spiegeln sich in ihren Gesichtern. Betont lange Einstellungen sind es, die das Innere gleichsam an die Oberfläche kehren. Das Eingeständnis der Mutter: „Wir haben es nicht geschafft, zu sagen: ,Ja, wir kriegen ihn‘.“ Marion ringt um Fassung, ihr Blick weicht der Kamera aus, als sie von den letzten Lebensäußerungen ihres Kindes berichtet, die sie spürte, als sie die Hand auf ihren Bauch legte, kurz nachdem sie die Todesspritze durch die Bauchdecke bekam. Sie fängt an zu weinen: „Da ist er dann auch gestorben – anscheinend.“ Vorher hatten sie sich noch überlegt, ob sie mit einem behinderten Kind leben könnten. Sie besuchten eine Familie, die ein Kind mit dem Down-Syndrom hat. Trotzdem entschieden sie sich gegen ihr eigenes Kind. Denn alle aus ihrem Umfeld haben erwartet, dass sie das Kind abtreiben lassen würde. „Das ist heute die gängige Vorstellung: Das muss heute nicht mehr sein“, sagt sie. Niemand aus ihrer Umgebung habe sie unterstützt. „Aus heutiger Sicht war das die falsche Entscheidung für mich.“

Vater Riego sitzt die ganze Zeit mit leerem Blick neben ihr, dann schildert er die Stunden, die er mit seinem toten Sohn noch in einem Krankenzimmer verbrachte: „Ich habe in meinem Leben noch nie so eine lange Zeit gehabt, wo man sich so hilflos gefühlt hat – man hat mit seinem Sohn geredet – man sieht, dass es sein (eigener) Sohn ist. Man sieht, dass er genau so aussieht wie du selber. Man hat die Ähnlichkeit gesehen. Er hatte deine Hände, deine Füße, dein Gesicht, deine Haarfarbe. Man sieht halt, dass es original mein Sohn war, und er war halt tot gewesen. Und du hast dich in deiner Verzweiflung dann irgendwie an Gott gewandt. Hast dich gefragt, was du tun kannst, dass er wieder lebendig werden kann, dass er gesund sein kann…“

Marion und Riego haben ihren Sohn beerdigt. Und eine Geburtsurkunde beantragt. Seit dem 15. Mai 2013 ist es möglich, auch für Totgeborene oder „Sternenkinder“ mit einem Geburtsgewicht von unter 500 Gramm bestätigen zu lassen, dass es sie gegeben hat. Für Marion „ist das unheimlich wichtig“. Es bedeutet: „Er war da.“ Überhaupt sprechen die Eheleute die ganze Zeit über stets von „ihrem Sohn“, dem sie einen Namen gegeben haben, wie von einer anwesenden Person. Man spürt, Luca ist tatsächlich anwesend in dieser Familie, die sich der schweren Verantwortung gestellt hat. Riego sagt: „Wir haben Gott gespielt. Wir haben jemandem das Leben genommen. Es ist so. Das preiszugeben oder zu sagen, dass man so etwas getan hat, ist ein ganz, ganz großes Tabuthema.“

Ganz anders setzt sich dagegen Mithra mit ihren Schuldgefühlen auseinander – sie verdrängt sie. Gezeigt wird eine scheinbar lebensfrohe, ungewöhnlich aktive Frau, die keine Probleme hat. Mal begegnet man ihr mit ihren zwei Schulkindern, mal beim Tanzunterricht, mal mit Magnus, dem Vater ihrer Kinder, von dem sie getrennt lebt. Sie hatte vor 27 Jahren zwanzigjährig eine Abtreibung vornehmen lassen, ihre damalige Beziehung mit einem sehr viel älteren Mann ist darüber in die Brüche gegangen. Sie gibt daraufhin ihr Medizinstudium auf und – wie, um sich zu betäuben, und um ja nicht so etwas wie einer Reflexion über das Geschehene in ihrem Leben Raum zu geben, macht sie viele Dinge gleichzeitig, macht eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und als Tanzlehrerin, geht jeden Abend tanzen – Bauchtanz und Flamenco. Nach außen gibt sie sich selbstsicher, spricht vom „Eingriff“, und von selbstzentrierten Formen einer „Befreiung“. Erst gegen Ende des Films wird deutlich, dass auch sie im Grunde leidet. Besonders bewusst wurde ihr das, als sie ihr zweites Kind erwartete, das sie nicht abtrieb. Die Ärzte stellten bei diesem ungeborenen Kind eine Missbildung fest. Nach ihrer Geburt lebte Sara noch fünf Tage. Seit 27 Jahren, seit ihrer Abtreibung, ist Mithra nun „in Therapie“. All ihre Aktivitäten können über ihren Schmerz und ihre Trauer nicht hinwegtäuschen. Gudrun Holtz, die Filmautorin sagt in einem Interview: „Beide Frauen hätten sich gewünscht, dass man sie im Vorfeld darüber aufklärt, welche psychischen Folgen nach einem Schwangerschaftsabbruch auftreten könnten.“

Für Mithra sei die Abtreibung damals die „richtige Entscheidung“ gewesen, wie die Stimme aus dem Off verkündet. Wirklich? Der Film spricht eine andere Sprache. Eine, die an Schulen für echte Aufklärung sorgen könnte.

„Ich habe abgetrieben – Mein Leben mit dem Tabu“. So., 18.8., 17.30, ARD

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