Es grünt so grün

Kräftig flirten die Christdemokraten mit den Grünen. Erst die Koalition in Hamburg, jetzt ökologische Thesenpapiere. Im Bundestagswahlkampf des kommenden Jahres müssen sich beide Parteien möglichst viele Möglichkeiten für Koalitionen offenhalten, um an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen. Das mag schön sein für die Natur, dass sie jetzt quer durch alle politischen Lager eine solche Lobby bekommt. So viel Strategie rund um die Umwelt gerade zu diesem Zeitpunkt aber macht natürlich misstrauisch. Ob nämlich der ökologische Flirt von Union und Grünen der Bewahrung der Schöpfung und dem Schutz des Klimas ideologisch wirklich so bekömmlich ist.

Das schmeckt nach Rousseau und Romantik

Dieses Misstrauen entzündet sich am verwirrend vieldeutigen Begriff der Natur, wie ihn die politischen Akteure offen oder stillschweigend derzeit verstehen und benützen. Zum Beispiel: Die Ökologen vor allem grüner Herkunft rücken den Begriff der Natur in den Mittelpunkt, weil sie diese für etwas von vorneherein Gutes und deshalb Schützenswertes halten. Eine so verstandene Natur muss dann gegen den Menschen, seine Technik und Kultur geschützt werden, weil diese das Gleichgewicht der Natur stören und so für Katastrophen sorgen. Die Menschen setzen bei Strafe die prästabilisierte Harmonie der Natur außer Kraft, wenn ihnen die grünen Ökologen nicht ins Rad greifen. Das schmeckt zwar kräftig nach Romantik und Rosseau, birgt aber dennoch einen bedenkenswerten Kern – dass die Natur nämlich etwas ist, das nicht der Mensch aus dem Nichts erschaffen hat, und so auch nicht beliebig darüber verfügen kann. Was der Mensch vorfindet, was ihm geschenkt ist, soll er vielmehr pflegen, lautet die nicht unvernünftige Überlegung, die natürlich auch im christlichen Denken ihre Tradition kennt, was Christen und Grüne gerne als eine Gemeinsamkeit herausstellen. Der Natur wird hier eine Wahrheit jenseits aller Relativierung der Wahrheit zugesprochen, etwas Unveränderliches, etwas a priori Vorhandenes. Die gleichen grünen Ökologen aber, die hier einen recht starken Begriff von Natur gebrauchen, reden mit Blick auf die menschliche Natur ganz anders, schwächen sie entscheidend ab. Sie kennen keine menschliche Natur als etwas Vorgegebenes, Unveränderliches, und deshalb an sich Gutes und Schützenswertes, sondern die menschliche Natur ist für diese Sichtweise ein bloßes soziales Konstrukt. Es gibt keine wahre menschliche Natur, sondern immer nur eine relative der jeweiligen Kulturen, die Ergebnis von Erziehung und sozialer Umstände ist, also ständig wandelbar und beeinflussbar ist. Dieser sich ausschließende Gebrauch des Begriffes Natur für die Umwelt und für den Menschen hat natürlich historische Gründe: Nur so konnten sich die grünen Ökologen von der westlichen bürgerlichen Kultur der siebziger und achtziger Jahre absetzen, und gleichzeitig von den Emanzipationsgewinnen eben dieser bürgerlichen Kultur, wenn auch ihrer Subkulturen, profitieren.

Sie konnten sich so bildlich gesprochen für den Tierschutz stark machen und gleichzeitig für Abtreibung sein, ohne diesen Widerspruch eingestehen zu müssen, weil sie den Begriff der Natur flexibel handhabten. Genau das aber trennt den Schöpfungsgedanken der grünen Ökologen von dem der Christen, auch wenn die Christdemokraten aktuell lieber die Gemeinsamkeiten betonen und das Trennende unter den Teppich kehren: Im christlichen Schöpfungsdenken hat nicht allein die Umwelt mit ihren Pflanzen, Tieren und dem Klima als einer Art prästabilisierter Harmonie, sondern auch der Mensch Anteil an der Wahrheit einer unveränderlichen, geschenkten, a priori vorgegebenen Natur, nämlich der von Gott geschaffenen und den geschaffenen Wesen anvertrauten Natur. Genau deshalb ist der Mensch ein schützenswertes Gut, von Anfang an.

Wer A sagt, muss auch B sagen

Dass allmählich auch die Christdemokraten als Preis der Annäherung an die Grünen in die Fallen der Begriffsverwirrung des taktisch gebrauchten Begriffes Natur tappen, illustrieren die jüngsten bekannten Vorgänge um die embryonale Stammzellforschung. Der Schavan'sche Sündenfall der Verschiebung des Stichtages besteht nämlich auch darin, dem Menschen die ihm, wie seiner Umwelt, von Gott gegebene Natur abgesprochen und ihn der Willkür des kulturellen Konstruktivismus ausgeliefert zu haben.

Wenn also Christdemokraten und Grünen gemeinsame Sache machen wollen auf dem weiten Feld der Bioethik, wo sie noch am ehesten glauben, zusammenkommen zu können, dann müssen sie sich zunächst einmal über den Gebrauch des Wortes Natur verständigen, dem unsere Gesellschaft so viel Dignität verleiht. Wer A sagt, muss dann auch B sagen – bei der CDU/CSU und bei den Grünen. Wer das Klima schützen will, wer den Naturschutz ernst meint, wer ökologisch nachhaltig die Zukunft der Welt gestalten will, muss gleichzeitig den Menschen vom natürlichen Anfang seines Lebens bis zu seinem natürlichen Ende schützen. Wenn Grüne und Christdemokraten beispielsweise gemeinsam zuerst einmal den Skandal der Spätabtreibungen beenden und dann den Paragraphen 218 neu aufschnüren würden, wenn sie auch gemeinsam gegen aktive Sterbehilfe und gegen embryonale Stammzellforschung parlamentarisch aktiv würden und hier rigoros jeden Dammbruch vermeiden hülfen, dann wäre eine Anfang gemacht für ein ernsthaftes politisches Gespräch, das schwer genug ist angesichts der unterschiedlichen Milieus, denen beide Parteien entstammen.

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