Erziehung ist Neugeburt durch Gott

Über die Pädagogik Romano Guardinis – Sie sollte ein Vorbild für die heutige Erziehungswissenschaft sein. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Foto: IN | Romano Guardini war auch als Pädagoge von großer Bedeutung.
Foto: IN | Romano Guardini war auch als Pädagoge von großer Bedeutung.

Der Philosoph Max Scheler, der den jungen Privatdozenten Guardini 1922 in Bonn traf, erkannte in ihm nicht nur die „Ordnung“ des Glaubenden, sondern den „Eros“ des Erziehers; er bezeichnete ihn als den „deutschen christlichen Pädagogen schlechthin“.

Über sich selbst bemerkte Scheler, er habe über alle Bereiche der Philosophie gelesen, nur nicht über Pädagogik. Sie galt ihm zu sehr als bewusstes Führen, Beherrschen, Abschätzen – was Guardini freilich als Missverständnis des Pädagogischen leicht widerlegt hätte. In seinem ersten Berliner Semester 1923 formulierte er: „Liebe ist zugleich Ehrfurcht. Sie tastet nicht andere an, herrscht nicht, vergewaltigt nicht, sondern dient. Das beste Werk der Liebe ist, andere zu ihrer wahren Freiheit zu bringen, gleichviel ob die Liebe von Eltern zu Kind, Erzieher zu Zögling, Geschlecht zu Geschlecht gemeint ist.“

Diese Sätze waren nicht am Schreibtisch entwickelt. Guardini hatte seit 1915 in Mainz an der Juventus und seit 1920 auf Burg Rothenfels seine Meisterschaft in der Führung von Jugend entfalten können. Programmatisch schrieb er 1928 nach einer Tagung für Gruppenleiter: „Was immer wir gesagt haben, hatte seinen Sinn nur innerhalb der Tatsache: Dass dieser lebendige Mensch da ist. Sein Da-Sein ist der Erziehung entzogen. Er tritt ein in die Wirklichkeit, mit seinem Schicksal in sich. Er tritt ein mit Gesetzen, Kräften, Forderungen. Das alles ist da. Wir fassen es nicht, was mit uns war, ,bevor‘ wir waren. (...) Es ist ein Geheimnis, dass wir einmal begonnen haben, zu sein; als diese Menschen. Da empfingen wir unsere Wirklichkeit in uns; Möglichkeit und Grenze. Und was da wurde, begann sich zu rühren und zu schaffen. Das ist unser Glück und unsere Last. Und alles, was Erziehung heißt, bedeutet nur, dienend, helfend, heilend innerhalb dieses Geheimnisses bleiben. Dort hat es seine Sicherheit.“ Solcher Dienst hat sogar rechtzeitig zurückzutreten, wie 1921 in den Briefen über Selbstbildung ausgeführt. Diese Briefe sind ein elementarer Wurf. Denn darin schält sich der entscheidende Überschritt heraus: Alle pädagogische Bemühung soll aus der Fremderziehung zur Selbstbildung überleiten.

Die große Kunst der Menschenführung gründet in der Ehrfurcht vor dem, was schon ist. Pädagogik soll die Vorgabe des Daseins, die Guardini gerne „Schicksal“ nennt, als geprägt und geformt nicht verbiegen, sondern das mitgegebene Maß jeder Gestalt zur Vollendung bringen. Immer war das Maßlose, das Willkürliche in Guardinis Augen das Gefährliche der nichtchristlichen Jugendbewegung: Selbstbestimmung wurde in eine wurzellose Autonomie hinein entworfen. Diesem neuzeitlichen Hochmut war in der anbrechenden „Nachneuzeit“ das fruchtbare Maß entgegenzuhalten. „Die Grenze zum Gesetz der Vollkommenheit machen“ ist die Losung auch der (Selbst-)Erziehung. „Wirkliche Lebendigkeit hat Maß. Darum behält sie auch den langen Atem. Bleibt jung und schafft um sich die klare, mit Licht und Kraft gesättigte Luft, darin Leben gesund und rein wird.“

Gerade deswegen ist „Treue“ zum eigenen Wesen die menschliche Aufgabe schlechthin; der Erzieher hat diese Treue zu wecken. Aber „Schicksal“ ist ein zu neutraler Name für die vorgefundene Prägung. Vielmehr öffnet sich im Schicksal ein zutiefst personaler, vorgängiger Wille: dass ich sei und dass ich so sei. Von daher ist das begrenzte Dasein nicht nur Last, sondern Aufgabe, ja Dynamik: weil „es noch ein anderes Leben gibt; von dem Johannes sagt, dass es aus Gott geboren ist. (...) Alles natürliche Erziehen hat seinen guten Sinn. Das eigentliche aber ist, dass eine Geburt von Gott her in uns geschieht.“ Auf diese Neugeburt lenkt Erziehung hin: auf das Werden dessen, was angelegt ist und zur Voll-Endung wachsen muss. Hier gelingt Guardini eine großartige Formulierung: „die Sättigung des Endlichen mit Vollendung“.

Was aber sind die sachlichen Themen der Erziehung? Ein programmatischer Satz Guardinis lautet: „Der ganze Mensch trägt das (...) Tun. Wohl die Seele, aber sofern sie sich im Körper offenbart.“ Ziel ist „durchgeistigte Leiblichkeit“, nicht „rein geistige Frömmigkeit“. Dabei muss der Mensch wieder „symbolfähig“ werden, auch die Symbolik des eigenen Leibes wieder wahrnehmen. So arbeitet Erziehung an der grundsätzlichen Überwindung eines theoretischen Irrwegs: „Wir müssen weg von der verlogenen ,Geistigkeit‘ des 19. Jahrhunderts. Verleibter Geist sind wir.“ „Und welches ist der Sinn des Lebendigen? Dass es lebe, sein inneres Leben herausbringe und blühe als natürliche Offenbarung des lebendigen Gottes.“

Schon in frühen Jahren begleitete Guardini der Aufsatz Heinrich von Kleists über das Marionettentheater: Die Anmut der Marionette springe daraus auf, dass sie ihren Schwerpunkt über sich habe. Leben gelingt demnach ebenso, wenn es sich von oben her lebt. Haltungen üben meint, den Schwerpunkt über sich verlegen. Oder: sich halten lassen und dabei Haltung gewinnen – im Entfalten von Innen nach Oben und Außen. Denn der Leib ist für Guardini ein „Gefüge“ von Innen, Oben und Außen, so dass „wirklich das äußere Erscheinen in jedem Stück reine und volle Aussprache des Inwendigen“ ist.

Guardini beschrieb solche Haltungen und übte sie mit der anvertrauten Jugend: Sitzen, Stehen, Schreiten, Knien. So entfaltete er in einem ganz ihm eigenen Ton, was Stehen heißt: nicht ein hölzernes Angeschraubtsein, sondern „Stehen ist schwingende Ruhe“. Immer wirkt die Haltung auf die Seele zurück: Sich aufrichten meint aufrichtig werden wollen. Ein Satz Guardinis auf Rothenfels lautete: „Man muss den Saal mit den Schultern betreten“ – mit erhobenem Kopf dem Saal gewachsen sein, sich von ihm in Weite und Höhe mitnehmen lassen. Leib ist Zugang zur Wirklichkeit.

Guardini prüfte immer wieder die Frage, ob der Geist krank werden könne – nicht im Sinn der Psychiatrie, sondern einer Erkrankung des Personalen. Er fand ihren Grund in der Verwerfung des geschöpflichen, geschenkten Daseins. So bedarf es einer Erziehung zur Wahrheit – über die eigene Nicht-Autonomie, was nicht als Beschämung gefasst werden will.

„Kann der Geist als Geist erkranken? Das kann er: von seinem Verhältnis zur Wahrheit her. Nicht schon, wenn er gegen die Wahrheit fehlt; wohl aber, wenn er die Wahrheit als solche aufhebt, oder von ihr lässt, oder sie dem Zweck unterordnet, oder sie vernebelt. (...) Darum muss es etwas geben, an dem das Herz sich immer wieder in der Wahrheit erneuert, der Geist sich reinigt, der Blick sich klärt, der Charakter verpflichtet wird. Das ist die Anbetung. Es gibt nichts Wichtigeres für den Menschen, als dass er lerne, sich mit dem inneren Sein vor Gott zu neigen; Ihm Raum zu geben, dass Er aufsteige und der Eigentliche sei, deshalb, weil er würdig ist, es zu sein. Zu denken, innerlich zu vollziehen, dass Gott der Anbetung würdig ist, aus Seiner Wahrheit heraus, unendlich, restlos – das ist heilig und groß und macht gesund von Grund aus.“ Geist ist nicht einfach Wissensbesitz; er ist die Fähigkeit, über das sachliche Wissen hinaus Wert zu fühlen. Dann geht das Erkennen in ein Anerkennen über. Diese Werthaltung übersteigt das bloß Vorfindliche in das Staunenswerte, Bewunderungswürdige.

Mit unbestechlichem Herzen Menschliches fühlen

Der Mensch, der Gott die Ehre gibt, ist gesund: er steht in der Objektivität der Wahrheit. Guardinis Anziehungskraft mag darauf zurückgehen, dass er auf das „Werden“ baute. 1925 heißt es: „Unser Platz ist im Werdenden. Wir sollen uns hineinstellen, jeder an seinem Ort. Nicht uns gegen das Neue stemmen und eine schöne Welt zu bewahren suchen, die untergehen muss. Auch nicht abseits, aus phantasierter Schöpferkraft eine neue bauen wollen, die gleich von den Schäden des Werdenden frei sein möchte. Wir haben das Werden umzuformen. Das aber können wir nur, wenn wir ehrlich unser Ja dazu sprechen; doch mit unbestechlichem Herzen fühlend bleiben für alles, was darin zerstörend, unmenschlich ist. Unsere Zeit, das sind wir selbst.“

Hat Guardini dabei die Jugend überfordert? Er verstand den Impuls Christi als einen Impuls auf Neues hin, das überraschend anspringt. Christsein ist nicht nur dem Erbe verpflichtet, sondern ebenso „angerufen von dem, was noch nicht ist“, zutiefst eschatologisch und pneumatisch. Für das Mögliche empfänglich zu sein, ist Zeichen des Geistes. An Josef Pieper schreibt Guardini 1951 vom besonderen Beifall in einer Münchner Vorlesung, weil er statt Gegenwartskritik vom „Mut zum Vorangehen“ gesprochen habe. Am Ziel seiner Kulturkritik im Ende der Neuzeit 1950 steht als tapferer Entschluss „die Loslösung von dem, was nicht mehr sein kann, und die Bereitschaft für die neuen Aufgaben, auch wenn sie noch so unsympathisch sind“. Mit solchem Mut erreichte Guardini die Herzen der jungen Zuhörer – auch mit dem Wagnis der Überforderung, sogar dem Risiko des Scheiterns. 1939, mitten in den Jahren des Unheils, schrieb er: „Jedenfalls muss die Möglichkeit festgehalten werden, dass auch das fragwürdigste Geschehen der mit Unrecht und Irrtum beladene Durchbruch einer neuen Existenzgestalt sein kann. (...) Darin steht auf der einen Seite die Botschaft des Evangeliums und das innere Drängen des heiligen Geistes, auf der andern die erschütterte, bis auf den Grund in Umformung begriffene Welt (...) Die Aufgabe aber lautet, aus der Weisung und Kraft des ersten zu tun, was die zweite verlangt.“

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