Würzburg

Erschöpfter Nationalismus: Ernst Jünger als Prophet Europas

Ernst Jüngers vor 75 Jahren erschienene Schrift "Der Friede" zeichnete sich durch visionäre Weitsicht als Programm für ein vereintes Europa aus.
Ernst Jünger
Foto: Frank Mächler (dpa) | Der Schriftsteller Ernst Jünger (Archivfoto vom 30.11.1995). Es lohnt sich, sich mit Jüngers programmatischer Friedensschrift zu befassen, denn er zeigt darin Alternativen auf.

Vor genau 75 Jahren erschien der erste offizielle Druck von „Der Friede“, einer der bemerkenswertesten und viel zu wenig bekannten Schriften von Ernst Jünger (1895-1998). Die Friedensschrift ist nicht nur ein wichtiges zeitgenössisches Dokument des anderen Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs, sondern zeichnet sich durch visionäre Weitsicht als Programm für ein vereintes Europa aus. Allerdings war diese Schrift des Denkers und Schriftstellers ihrer Zeit weit voraus und mag erst heute relevant werden. Angesichts der Krise des Liberalismus durch Gesinnungen, die einerseits bloßen Konsum und Wachstum versprechen und andererseits durch ideologischen Konformismus den politischen Pluralismus einschränken, lohnt es, sich mit Jüngers programmatischer Friedensschrift zu befassen, denn er zeigt Alternativen auf. 

Einheit Europas als staatliches Gebilde

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Jünger verfasste die Friedensschrift zwischen 1941 und 1943 in Paris, wo er als Reserveoffizier im Hauptquartier des Oberbefehlshabers für Frankreich, Otto von Stülpnagel, bis zu seiner Entlassung aus der Wehrmacht 1944 diente. Die Absichten der dortigen Militäropposition waren ihm bekannt, obwohl er nicht direkt an den Umsturzplänen gegen Hitler beteiligt war. Der „Friede“ sollte die europapolitische Grundsatzschrift für ein vereintes Europa nach dem Ende des Krieges werden. Im zweiten Teil dieser Schrift „Die Frucht“ entwickelt Jünger als Katharsis zum ersten Teil eine gültige Vision für die pluralistische Gestaltung und Einheit Europas als staatlichem Gebilde. 

Im 21. Jahrhundert befinden wir uns in einer Epoche des globalen Wandels zu einer multipolaren Weltordnung. Die Europäische Union trägt zwar staatliche Züge und hat die historischen Voraussetzungen zum „civilisation state“ (Christopher Cooker), ist jedoch kein Staat, und darin liegt die Spannung. An diesem Punkt setzt Jünger gewissermaßen vorausschauend an. Er betont, dass nach dem Untergang der Monarchien im Ersten Weltkrieg es nun die Nationalstaaten alten Stils sind, die durch Imperien überwunden werden. Der Nationalstaat habe sich erschöpft, denn die Vaterländer schafften sich auf fremde Kosten neue Räume, doch der Bruderzwist müsse gerecht und mit Gewinn für jeden beendet werden.  DT

Ernst Jüngers Schrift „Der Friede“ ist auch nach 75 Jahren hochaktuell. Lesen Sie den ganzen Text in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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