Managua

Ernesto Cardenal: Der Mann mit der Revolutionsmütze

Zwischen Realität und Utopie: Der Agit-Prop-Poet und Priester Ernesto Cardenal (1925-2020) träumte von der Gerechtigkeit. Am Sonntagabend ist er in Managua 95-jährig gestorben.
Ernesto Cardenal, Dichter
Foto: dpa | Eine Ikone der Befreiungstheologie: Der nicaraguanische Dichter Ernesto Cardenal.

Er ist tot. Am Sonntagabend ist Ernesto Cardenal in Managua 95-jährig gestorben. Er selbst bezeichnete sich als „Sandinist, Marxist und Christ“. Kein anderer Literat Lateinamerikas hat als Dichter und Agitator eine denkwürdigere Rolle gespielt. 1980 wurde er mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt.

Der Kultstatus von Ernesto Cardenal

Cardenals äußere Erscheinung gewann schnell Kultstatus, ungebändigtes weißes Haar, Jeans, Jesuslatschen. Kein zweiter Che Guevara, und doch trug er die obligatorische Revolutionsmütze, wenn auch ohne roten fünfzackigen Stern. 1925 im nicaraguanischen Granada geboren, besuchte er das dortige Jesuitenkolleg, bevor er nach Mexiko ging, um Philosophie und Philologie zu studieren. Später setzte er sein Studium an der Columbia University in New York fort. Sein revolutionärer Geist erwachte früh. 1954 agitierte er gegen Nicaraguas Diktator Somoza und entkam nur knapp einem Massaker. Zwei Jahre später verließ er die Heimat. Seine spirituelle Suche führte ihn in das US-amerikanische Trappistenkloster Gethesemani.

Kein Geringerer als der Mystiker Thomas Merton begleitete ihn als Novizenmeister. Daran anschließend studierte er in der mexikanischen Benediktinerabtei „Santa Maria de la Resurrección“ Theologie. Einer seiner Lehrer dort war Ivan Illich. Kurz nach seiner Priesterweihe 1965 gründete Cardenal auf der Insel Mancarrón eine nach urchristlichen Vorstellungen konzipierte Landkommune. Literarische Frucht der politischen Basisarbeit: „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“. Neben dem „Gebet für Marilyn Monroe“ und den „Psalmen“, die noch heute als poetischer Ausdruck der Befreiungstheologie gelten, sein bekanntestes Werk.

Sein Schlüsselwort: Kritik

„Wozu Metaphern, wenn die Sklaverei keine Metapher ist“ – Kritik hieß Cardenals Schlüsselwort. Tatsächlich erreichte seine Poesie nie die reflexartige Schärfe der Beat-Generation, wie etwa die luziden Wortkaskaden eines Allen Ginsberg, mit dem er die Wertschätzung für Walt Whitman teilte. Mitunter verrannte Cardenal sich in vordergründiges Politisieren. Nicht zuletzt deshalb galt er als Säulenheiliger der linksliberalen Journaille. Den Zeitgeist-Feuilletonisten ging es jedoch weniger um den kritischen Diskurs, als um die Instrumentalisierung eines Geistlichen für ihre defätistischen Zwecke, ohne von Cardenals spiritueller, an Mertons Geist gemahnenden, Mystik auch nur einen Hauch zu erfassen.

Aller Eitelkeit zum Trotz, Cardenal blieb ein lebenslänglich Suchender. Insbesondere seine frühen Texte erreichen eine sphä-renhafte Durchlässigkeit, die gerade in einer dunklen Zeit wie heute wieder an Aktualität gewinnt:

„Ich vertraue dem Herrn und nicht den Radiosendungen! Meine Seele wartet auf den Herrn – Sehnsüchtiger als der Wächter auf die Morgenröte, inbrünstiger, als man im Kerker die Stunden der Nacht zählt“. (Psalm 129 [130])

Die Ästhetik dieser intensiven Gedichte ist über den geschichtlichen Kairos hinausgewachsen, in dem Cardenal sein Werk schrieb. Vielleicht kann ein Dichter eben nicht Politiker sein. Zu entgegengesetzt sind Utopie und Realität. Dennoch, für den Befreiungstheologen lag es in der Logik seines politischen Denkens, dass er Kulturminister in der revolutionären Junta wurde.

Streitbar blieb der Polit-Dichter sein Leben lang. Davon zeugen seine Gedichte im Band „Zyklus der Sterne“. Unverhohlen erklärt er: „Im Anfang gab es nichts/ nicht Raum/ nicht Zeit/ (…) es war der Big Bang (…)“, und er schlussfolgert, „…sprechen wir nicht von Gott, das ist gefährlich…“, denn: „Am Ende des Universums steht nur ein Rätsel“. Biblisch fundiert ist das nicht, immerhin führt er als Beleg seiner Kosmo-Theologie Albert Einstein, Otto Hahn und den Mythenforscher Mircea Eliade an. In solchen Momenten entspricht sein Gottesbild dem relativistischen Abklatsch der Esoterik. Nicht ohne Konsequenz: „Es ist die Einheit mit Gott, die keiner Religion mehr bedarf.“ 1980 hörte es sich bei ihm noch ganz anders an: „Möge der Herr mein Herz nicht stolz machen. Mögen die Worte meiner Gedichte Dir angenehm sein, Herr, mein Befreier.“

Vor Johannes Paul II. ging er auf die Knie

Zu den ikonischen Fotos, die sich tief in das kollektive Gedächtnis geprägt haben, gehört eine Aufnahme, die 1983 um die Welt ging. Sie zeigt Johannes Paul II., der mit erhobenem Zeigefinger auf den vor ihm knienden Ernesto Cardenal einredet. Diese Momentaufnahme, von den Medien kategorisch als unbotmäßiger Tadel gedeutet, ist eines der wenigen Bilder, die Cardenal ohne Baskenmütze zeigen. Die hatte er, in Kenntnis katholischer Gepflogenheiten, ehrfurchtsvoll abgenommen. Was häufig übersehen wird, Ernesto Cardenal lächelt. Ein wenig schüchtern, fast wie ein überraschter Pennäler. Auch Johannes Paul II. lächelt, kaum merklich, aber es ist ein Lächeln, das sein Charisma des Verstehens zeigt. Man muss das Bild nur einmal genauer betrachten. Dennoch, Anfang 1985 wurde der Agit-Prop-Poet wegen seiner politischen Tätigkeit von seinem Amt als katholischer Priester suspendiert. Danach dauerte es fast 35 Jahre, bis Franziskus diese Sanktionen zurücknahm.

Ich habe ihn gemocht, diesen widerspenstigen kleinen Mann. Weniger wegen seiner Dichtkunst. Cardenal schrieb nie mit jener zärtlichen Durchdringung Pablo Nerudas, nie mit der plutonischen Sprachgewalt eines Octavio Paz. Beide Träger des Nobelpreises, für den Cardenal 2005 auch nominiert war. Einmal bin ich ihm begegnet, 2002, Ende November. Er startete seine Lesereise im Großen Sendesaal des WDR. Ankunft, Flughafen Köln-Bonn, kurz nach Mittag. Wenig später stand ein vor Kälte bibbernder kleiner Mann im großen Sender. Auf seinem Gesicht lag sein gewinnendes Lächeln. Das buschige Haar ragte unter der unabänderlichen Baskenmütze hervor. Ein weißer, zerzauster Bart, großporige, gerötete Haut. Seine flinken Augen waren von einem verwaschenen Grau und untersuchten das unbekannte Terrain. Er trug ein sackartiges Hemd über der Hose. An den Füßen Sandalen. Nur Sandalen. Ein nasskalter Tag, 10 Grad höchstens. Als er in Managua abflog, dürfte es dort 30 Grad gewesen sein. Ich wurde geschickt, um für ihn Strümpfe zu holen. Das Geschäft lag gegenüber den WDR-Arkaden. Norweger-Socken, 8,95 DM. Ich nehme an, er hat sie nicht oft gebraucht. Vielleicht hat er sie verschenkt. Jetzt braucht er sie jedenfalls nicht mehr. Jetzt nimmt sich der große Gott des kleinen, lächelnden, widerspenstigen Mannes an, der die Ungerechtigkeit dieser Welt so sehr verabscheute. Buen viaje!

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