„Erlösung ist, mit anderen richtig umzugehen“

Beseelung oder Ichlosigkeit: Buddhismus und Christentum haben eine völlig verschiedene Sicht vom Menschen – Zu einer Tagung in München. Von Alexander Riebel
Foto: IN | Erlösung im Buddhismus strebt ein Freiwerden vom Menschsein an mit allen seinen positiven und negativen Seiten. Bei dem indischen in Stein gehauenen schlafenden Buddha scheint das Nirvana nahe zu sein.
Foto: IN | Erlösung im Buddhismus strebt ein Freiwerden vom Menschsein an mit allen seinen positiven und negativen Seiten. Bei dem indischen in Stein gehauenen schlafenden Buddha scheint das Nirvana nahe zu sein.

Das menschliche Leben ist leidvoll und deswegen erlösungsbedürftig. Das war auch das Thema der Veranstaltungsreihe Buddhismus und Christentum am Dienstag in der Katholischen Akademie in München unter dem Thema „Erlösung zwischen Glauben, Erkenntnis und Stellvertretung“. Trotz einiger Ähnlichkeiten wird Erlösung in beiden Religionen ganz unterschiedlich verstanden.

Professor Thomas Ruster, Geschäftsführender Leiter des Instituts für Katholische Theologie der TU Dortmund, übernahm den christlichen Teil des Abends. Aktuell sei die Frage der Erlösung im Islam, begann er seinen Vortrag; denn der Islam scheine eine Erlösungsidee zu verkünden, die zur Gewalt zwinge. Aber das sei nicht das Thema des Abends. Grundlegend für die Erlösung im Christentum sei hingegen der Heilsplan Gottes: „In Christus sind wir schon vor der Erschaffung der Welt ausgewählt.“ Die Erschaffung der Welt habe also dem Plan der Erlösung der Menschen gedient. Die Welt soll dadurch geheiligt werden.

Ruster nannte nun drei „Unheilsfaktoren“: Sünde, Tod und Teufel. Alle drei Faktoren stehen in Wechselwirkung. Sündhafte Systeme bedeuteten heute Teuflisches, weil wir uns durch falsche Götter ins Unglück führen ließen: unendlicher Energieverbrauch, grenzenlose Mobilität oder grenzenloses Einkaufen gehören zu den systemischen Zwängen, denen wir uns nur schwer entziehen können. Aber auch der Aspekt des Todes mit unserer Fixierung auf Vergängliches tue nicht immer gut. Allzuleicht ermächtigten wir den Tod zur Herrschaft in der Welt, wobei die Macht des Todes in der Gesellschaft keineswegs mit dem Tod selbst übereinstimme. Die drei Bereiche der Sünde, des Todes und des Teufels führen in der christlichen Wandlung zu Versöhnung, Offenbarung und Erlösung. Diese wird durch Jesus als Hohepriester symbolisiert, die priesterliche Versöhnung führe zu Liebe und Teilhaben der Menschen am heiligen Amt (munus sacerdotale). Jesus als Prophet hingegen steht für die prophetische Offenbarung durch den heiligen Geist. Und drittens: Jesus als König führt durch sein Herr-Sein über die säkularen Mächte zu Erlösung und Befreiung. Erlösung geschieht nach Ruster durch den Glauben an den wahren Gott. Die Ämterlehre hat für Ruster besondere Bedeutung und er bezeichnete es als „Schande, dass unsere Kirche aus den Ämtern so wenig macht. Wir haben noch keine Amtskirche“, die wir aber dringend brauchen, sagte Ruster. Die Dreiheit von Versöhnung, Offenbarung und Erlösung führten zur Teilhabe am munus (Amt) sacerdotale, am munus propheticum und am munus regium. So führe Erlösung also durch die Ämter in ein neues Tun, nicht nur in einen neuen Zustand der Kirche.

Der Buddhismus kennt diese transzendente göttliche Ordnung nicht, in der der Schöpfer die Welt auf ein Heilsgeschehen hin angelegt hat. Der Buddhismus ist wesentlich eine Immanenzlehre. Insofern sprach die referierende Ayya Agganyani in Bezug auf Erlösung auch von „lösen, loslassen, aufgeben, sich befreien, andere befreien“. Die in München geborene Buddhistin ist Diplom-Mineralogin und wechselte 1985 vom katholischen Gauben zum Buddhismus. Sie erhielt zunächst die Ordination zur buddhistischen Nonne auf Zeit in Bangladesh und Myanmar und seit 2002 dauerhaft. Ayya Agganyani lebt klösterlich in Bruckmühl im Landkreis Rosenberg.

Für die Buddhistin ist Erlösung die vom Leiden, also von Trauer, Angst, Sorge und Verzweiflung. Unsere Natur sei leidvoll und sogar Glück und Freude hätten nur kurze Dauer und endeten letztlich im Leiden. Der Weg der vier edlen Wahrheiten, wie Buddha sie genannt hat, führt von der Erkenntnis des Leidens bis zu seiner Überwindung. Gier, Hass – dazu gehört auch Angst –, aber auch die Verblendung sind die drei Geistesbefleckungen oder Herzenstrübungen. Eine Erlösung von „außen“, wie es im Buddhismus heißt, also durch Gott, gibt es im Buddhismus nicht, sondern ethisches verhalten, Geistestraining und das Entwickeln der Weisheit seien der Weg zu einem erlösten Dasein; nur im besonders in Japan verbreiteten Amida-Buddhismus gebe es Fremderlösung, aber das sei eine Spezialform des Buddhismus. In der Regel spricht man im Buddhismus von Selbsterlösung.

Wem aber sollen wir folgen, fragte Ayya Agganyani. Alle Religionen behaupten Wahrheit. Nach Buddha soll man nicht dem Hören-Sagen folgen, keiner Autorität, keinen logischen Schriften, sondern man soll selbst die Wahrheit erkennen. Auch wenn es dieses Selbst, und damit kam sie zu einer Kernaussage ihres Vortrags, gar nicht gebe. Zwar sei die Lehre aller Buddhas: „Höre auf, Böses zu tun, tue Gutes und läutere Deinen Geist“. Aber wer handelt da, wenn es kein Ich gibt? Das war auch Gegenstand der anschließenden Diskussion unter den beiden Vortragenden. Wer nichts mehr begehrt, weil er kein Ich habe, sei auch kein Mensch mehr, meinte Ruster; sollte man nicht sich dem Leiden stellen und negative Energien in positive Projekte umwandeln? Die Auslöschung des Ich im Buddhismus lehnte er ab. Ayya Agganyani hielt dagegen, es gebe von vornherein kein Ich, dieses müsse nicht erst im Buddhismus ausgelöscht werden. Die bedingten Bereiche des Menschen, wie Körperliches, Gefühle, Wahrnehmungen oder das Bewusstsein zerfielen im Tod. Deren Karma könne aber zur Wiedergeburt gelangen. Dass Buddha zu der Frage geschwiegen hat, wie denn das Karma wiedergeboren wird, wenn es nichts Substanzielles oder Identisches im Ichkern gebe, darüber sprach sie leider nicht. Buddha hielt die Frage für sinnlos, was den großen Unterschied zur christlichen Auffassung von der Person ausmacht, die etwas Identisches und Beseeltes ist, also im christlichen Sinne ontologisch substanziell. Genau das aber bestreitet der Buddhismus.

„Allein wenn wir auf Jesus schauen, wissen wir, was Erlösung ist. Alles andere ist nur ein gedankliches Konstrukt“, sagte Ruster. Er erklärte den Buddhismus für „unterkomplex“ – entweder könne man sein Ich ausdehnen, um Macht über alles zu haben, oder wie im Buddhismus alle Differenzen zu überwinden versuchen, um nur ein Element im Meer des Ganzen zu sein. Er lehne es ab, das Mensch-sein rückgängig zu machen, um Probleme auszuschalten. Erlösung sei doch, mit anderen richtig umgehen zu können und anderen heilsam begegnen zu können. Im Ergebnis seien sich Christentum und Buddhismus einig darin, dass Hass und Gier der Grund allen Übels seien; man müsse aber den neuen Menschen in sich ausbilden und das eigene Selbst bejahen. „Ich werde umso berufener, wenn ich mich für andere einsetze; Jesus ist für andere in den Tod gegangen – diese Idee ist im Buddhismus nicht aufgekommen“, erklärte Ruster. Ayya Agganyani hielt es für ein Missverständnis; im Buddhismus gehe es nicht um die Hilfe für andere: „Weil es kein Selbst gibt, ist man selbstlos“, sagte sie.

Was denn der Nahtod mit der Erlösung zu tun habe, wollte ein Zuhörer von Ruster wissen. Ruster war da wieder ganz eindeutig, das sei kein christliches Thema, zudem finde der Nahtod noch im Leben starr; „Transzendenz kann man sich mit dem Nahtod nicht ergaunern“, sagt Ruster entschieden. So machte der Themenabend in München wieder deutlich, dass Christentum und Buddhismus zu völlig verschiedenen Menschenbildern führen, wobei im Christentum die Person durch Gott beseelt ist, im Buddhismus jedoch nicht.

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