Erlösung durch die Liebe

Richard Wagner hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Religion und Christentum – Zum 125. Todestag des Komponisten

Als ein plötzlicher Herztod Richard Wagner am Nachmittag des 13. Februar 1883 die Feder aus der Hand gleiten ließ, war eine Stimme verstummt, die weit mehr als nur im musikalischen Raum Europas vernehmbar gewesen ist. Wagner kann zuvörderst als Philosoph verstanden werden, sein musikalisches Erbe, wiewohl von kaum zu überschätzender Bedeutung für die Entwicklung des folgenden Jahrhunderts, ist von den Anfängen an untrennbar mit Wagners Weltanschauungen verbunden. Philosophie, Religion, Ästhetik und Kunst gehen bei ihm eine untrennbare Synthese ein. Und die Musik ist für Wagner, eng angelehnt an einen Gedanken Schopenhauers, die eigentliche Vermittlerin philosophischer Wahrheit: Denn die Musik spricht, so Schopenhauer, das innere Wesen, das „Ansich“ der Welt, in einer höchst allgemeinen Sprache aus, nämlich in „bloßen Tönen“. Musik redet nicht, wie andere Künste, vom „Schatten“, sondern vom „Wesen“.

Immer im Blick der Öffentlichkeit

Aus Wagners synthetischer geistiger Leistung mag zu erklären sein, dass seine Wirkung auf die Nachwelt einzigartig ist. Die These, über Wagner seien so viele Bücher geschrieben worden wie sonst nur über Jesus, Napoleon und Hitler, ist mehr als anektodisch. Wagner hat eine „Gemeinde“ gebildet, die danach lechzt, in ihren Gralstempel, dem Festspielhaus in Bayreuth, einzuziehen; die erbitterte Kämpfe austrägt um die rechte Interpretation des „Meisters“. Weder Rossini noch Meyerbeer, weder Brahms noch Bruckner haben, obwohl ihre musikgeschichtliche Bedeutung immens ist, Vergleichbares bewirken können. Bis heute steht die Familie Wagner im Blick der Öffentlichkeit; bis heute werden ihre internen Rivalitäten in der publizistischen Arena ausgetragen. Die Flut der Wagner-Literatur bleibt nicht auf Fachzirkel beschränkt. Jede Inszenierung des „Ring“, der „Meistersinger“ oder des „Parsifal“ findet ihr Echo, oft über die Kritiken des Feuilletons hinaus.

Auch Wagner als Person wird verehrt und geschmäht. Psychologische und kulturgeschichtliche Deutungen, politische Einordnungen und weltanschauliche Polemiken wechseln mit dem Zeitgeist. Wagner als Begründer einer verkappten Kunstreligion, Wagner als nationale Größe, Wagner als psychedelischer Verführer, Wagner als Revolutionär, Wagner als Sozialist, Wagner als Antisemit. Werk, Weltanschauung und Wirkung werden in den Wogen der Auseinandersetzung ebenso gern vermischt wie Biographie und musikalisches Schaffen.

Am Christentum festgehalten

Wagner selbst hat wie kaum ein zweiter Komponist philosophische Selbstbekenntnisse, Streitschriften und Theoriewerke hinterlassen. Ausgeschlachtet, selektiv zitiert und in die Ideologien seiner Interpreten eingespannt, überlagert vom Wagnerkult und überblendet von den Stimmen seiner Zeitgenossen und Nachfahren – von Cosima bis Friedelind Wagner, von Hans von Wolzogen bis Wolfgang Wagner –, lässt sich der authentische Wagner oft nicht mehr erkennen. Und wer sich auf seine Spuren begibt, scheitert oft nicht nur an der Materialfülle, sondern auch an des Meisters eigener Widersprüchlichkeit und Geschwätzigkeit.

Wagners Verhältnis zur Religion ist nicht selten ausgeblendet oder auf wenige Aspekte wie den Pantheismus oder die Frage der Kunstreligion reduziert worden. Der getaufte evangelische Christ hatte ein zeitlebens zerrissenes Verhältnis zur Religion, schwankend zwischen Faszination, Sehnsucht, Ablehnung und erneuter Hinwendung, schreibt Ulrike Kienzle in ihrer grundlegenden Arbeit über Religion und Philosophie in Wagners Musikdramen. Wie christlich der Dualismus des „Tannhäuser“ einzuschätzen ist, wie stark der „Parsifal“ von christlichen Motiven in seiner Substanz und nicht nur seiner Bildwelt geprägt wird, sind bis heute Fragen, die manchmal müßige, oft aber erhellende Ergebnisse zeitigen.

Gerade in den letzten Jahren, so scheint es, stellen Inszenierungen die Frage nach dem Religiösen neu. Als Beispiele seien nur Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ in Bayreuth und Vera Nemirovas „Tannhäuser“ in Frankfurt genannt. Bei dieser Aufsehen erregenden Inszenierung hat das Opernhaus Frankfurt mit der evangelischen Kirche zusammengearbeitet. Der Kirchenpräsident der evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, Peter Steinacker, hat sich auf den Weg einer Deutung begeben, die er demnächst auch in Buchform vorlegen wird: „Erotik und Religion, diese beiden fundamentalen Lebensbewegungen haben Richard Wagner sein Leben lang fasziniert“.

Im Künstlerdrama des Minnesängers Tannhäuser stellt er sie als einander ausschließende Pole einer gespaltenen Welt gegenüber. Zumindest legt der Schluss des Dramas, der Tod der beiden Liebenden, diese Perspektive nahe. Erlösung gelingt nur – so scheint es – wenn dem Eros und seiner Verwirklichung in der Geschlechtsliebe asketisch entsagt wird. Aber Tannhäuser hatte ursprünglich eine andere Utopie: die Versöhnung von Eros und Religion als einem realen Wirklichkeitsverständnis.“

Widersprüchliche Konzepte von Eros und Religion prägen den „Tannhäuser“. Doch die zentrale Frage, die Wagner schon in seinem Jugendwerk „Die Feen“ stellt und die ihn bis zum „Parsifal“ nicht loslassen sollte, ist die nach der Erlösung.

Wagner kritisierte das Christentum, vor allem die katholische Kirche, heftig wegen ihrer Strukturen, ihres Klerikalismus, ihres historischen Weges inmitten von Krieg und Gewalt. Schon in seiner Jugend zeigt sich aber andererseits eine romantisch geprägte Faszination von der pittoresken, „berauschenden“ Welt des praktisch, also liturgisch, gelebten Katholizismus. Sein spirituell-mystisches Erlebnis während des Empfangs des heiligen Abendmahls bei der Konfirmation hat ihn zutiefst erschüttert und geprägt und lässt sich wohl bis hinein in die musikalische Welt des „Parsifal“ verfolgen. Was Wagner über alle Religionskritik, allen Skeptizismus und alle revolutionäre Diesseitigkeit als innersten Kern seiner Religiosität gerettet hat, darf man jedoch mit allem Ernst als einen christlichen Kerngedanken bezeichnen: Es ist das freiwillige Leiden Jesu Christi als prinzipieller Widerstand gegen eine Welt der Gewalt und des Egoismus und es ist die Erlösung durch die Liebe. An ihr scheint Wagner bis zum Tode festgehalten zu haben und sie ist für ihn einer der Gründe, am Christentum als einer „Religion der Zukunft“ festzuhalten.

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