Erkenntnis und Orientierung

Es ruhen tiefe Wahrheiten im Schoß der Schöpfung, doch jeder Mensch muss sich selbst auf den Weg machen, um die objektiven Wahrheiten zu erkennen. Von Paul Verbeek
Foto: IN | Raffaels „disputa“ ist „dem Glauben, der Offenbarung, gewidmet, dargestellt im Lob des Altarsakramentes“.

Auf Aristoteles geht die Redensart zurück, der Mensch sei die „Krone der Schöpfung“. Johann Gottfried Herder machte die Existenz des Menschen zum Zeugnis für Gott – den Menschen, „in dem das Bild des Schöpfers unserer Erde, wie es hier sichtbar werden konnte, abgedruckt lebt“ (Zur Philosophie der Geschichte der Menschheit). Die christliche, aus der jüdischen Tradition gewachsene Botschaft stellt den Menschen, dessen Natur und Berufung, in den Mittelpunkt ihres Denkens. Ein „einmaliger Gedanke Gottes“ sei der Mensch, schrieb Ratzinger, als er noch der römische Glaubenshüter der katholischen Kirche war. Der sicherste Boden für den toleranten Umgang mit unseren Mitmenschen ist diese Erkenntnis. Ebenso wie die Schöpfung müssen wir die Mitmenschen annehmen, wie sie aus der Hand Gottes zu uns gekommen sind. Wir mögen ihre Verhaltensweisen, das, was sie aus ihrem Wesen gemacht haben, schon einmal kritisch betrachten. Ihre Persönlichkeit, ihre Anlagen, ihr Herkommen, ihre Hautfarbe sind uns einer Kritik aber verschlossen.

„Lasst uns den Menschen machen als unser Ebenbild, uns ähnlich“ – steht in der Genesis, der Schöpfungsgeschichte, als Ausspruch Gottes geschrieben. Der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof bezeichnete diesen Satz als die Legitimation für die westliche Zivilisation. Einmalig, einzigartig ist der gottähnliche Mensch, unwiederholbar. Das begründet – so Kirchhof – seine Menschenwürde, seine Menschenrechte, die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Gott ist in seiner Allmacht die absolute Freiheit. Ist der Mensch Gott ähnlich, dann ist ihm auch ein Stück Schöpfungsfreiheit gegeben. Dass dies so ist, erleben wir täglich vor unseren Augen.

Aber nur ein Stück davon! Nur zur Freiheit fähig ist der Mensch durch den Schöpfungsakt geworden. Nicht gesichert ist, dass er mit dieser ihm von Gott gegebenen Freiheit auch den von Gott gewollten Gebrauch macht. Denn in die Mitte des Paradieses setzte Gott den Baum der Erkenntnis und verbot den ersten Menschen, von dessen Früchten zu essen, da sie sonst den Tod erleiden müssten. Und da setzte die Schlange, der Teufel, das Prinzip des Bösen, mit der Versuchung ein: „Wenn ihr davon esst, werdet ihr sein wie Gott, wissend das Gute und Böse.“ Keine sinnliche Versuchung, kein Versprechen eines süßen, unbeschwerten Lebens war dies, sondern eine intellektuelle Versuchung. Mittels des Verstandes, der Vernunft – darum ging es im Kern – sollten die Menschen sich Gott gleichmachen, sich an dessen Stelle setzen, ihn entthronen, überflüssig machen. Und der Stachel dieser Versuchung steckt heute immer noch in der menschlichen Natur. Erbsünde nennt dies die christliche Theologie. Damit sind wir wieder bei der Frage angelangt, die uns kein Ausweichen erlaubt. Ist der Mensch also nur ein kompliziertes Stück von Materie, ein freiheitsloses, willenloses Objekt der darin waltenden Gesetze? Das ist die Botschaft einer Gesellschaft, die Gott aus ihrem Denken verbannt hat. Oder lebt er aus einem Kern seines Seins, einer Persönlichkeit, ja einer Seele, die ihn zum Souverän seiner Geschicke macht – mag es in der Wirklichkeit auch noch so voller Last sein, diese durch die Wechselfälle der Zeit zu lenken? Das aber führt unerbittlich zu der nächsten Frage hin, was die Leuchtfeuer sein könnten, die dafür Orientierung geben. In einer freiheitlich-offenen Gesellschaft sind diese schwankend. Zeitgeister drängen sich immer wieder lärmend nach vorne. In meinem langen Leben habe ich so viele Zeitgeister kommen und gehen gesehen, dass ich zu diesen ein sehr begrenztes Vertrauen hege. Hitler versprach ein tausendjähriges Reich, der Marxismus-Leninismus das ewige Menschheitsglück. Was wurde daraus? Nach dem Zerfall der Sowjetunion hieß es aus den USA, dass das Ende der Geschichte gekommen sei. Die Freiheit habe auf Ewigkeit gesiegt. Doch auch das erwies sich bald als trügerisch.

Ich glaube, dass nach Soliderem zu fragen ist als das, das aus dem gemischten Chor der Gegenwartsgeister zu uns klingt. Zu fragen ist nach dem, das Zeiten und Zeitgeister nie gelöscht haben und sich im Verlaufe der Geschichte als dauerhaft offenbart hat. Es gibt einen Zensor, der entschieden hat, was dies ist. Es ist die Menschheit selbst, die dies im Verlaufe von Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, als zeitlose Wegweisungen anerkannt hat. Zusammengefasst ist es für die Zivilisation des Westens in einer Weisheitsbibliothek, in Büchern, die in Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, immer wieder gedruckt und gelesen wurden, mochte auch das Papier, auf dem alles niedergeschrieben war, alt und vergilbt geworden sein: so die Zehn Gebote, die Mose von Gott erhielt (du sollst nicht lügen, nicht töten, nicht die Ehe brechen), die Nikomachische Ethik des Aristoteles, das Gebot der Nächstenliebe des Neuen Testamentes, der kategorische Imperativ des Immanuel Kant und vieles mehr. Regeln, ja Gebote, sind dies, die sich tausendfach bewährt haben. Sie richten sich an jeden von uns; aber auch an das Denken in der Gemeinschaft, in der wir leben. Sie bilden den Urgrund, das Fundament der aus dem griechisch-jüdisch-christlichem Erbe gewachsenen abendländischen Zivilisation – auch der demokratischen Kultur, ohne die Demokratie nicht funktioniert.

Wer einen Ort sucht, an dem dieser Humus bildwirksam dargestellt ist, aus dem sich die abendländische humane Zivilisation entfaltet hat, der sollte bei einem Rundgang durch die Papstgemächer im Vatikan in den „stanza della signoria“ innehalten – dem Gemach, in dem der streitbare Renaissancepapst Julius II. seine Gerichtstage hielt. Das Genie des jungen Raffael hat dort auf mehreren großflächigen Wandgemälden die Quellen dargestellt, aus denen die abendländische Zivilisation zusammengeflossen ist und ihre Legitimation ableitet. Immer geht es dabei um die Suche nach Erkenntnis. Die „Schule von Athen“ ist der natürlichen Vernunft, der Philosophie und Naturwissenschaft gewidmet – dargestellt durch die Großen des Altertums: Plato, der zum Himmel zeigt, Aristoteles, der auf die Erde weist, und viele andere. Sie tragen zum Teil die Gesichtszüge von Lebenden: Leonardo da Vinci als Plato, Michelangelo als der antike Skeptiker Heraklit. Raffael hat sich als Jüngling daruntergemischt. Das gegenüberliegende Fresko, die „disputa“, ist dem Glauben, der Offenbarung, gewidmet, dargestellt im Lob des Altarsakramentes. Begleitende Wandgemälde zeigen die schon in der Antike gepriesenen natürlichen Tugenden: Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung – dazu die christlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Wir mögen heute den päpstlichen Machtanspruch, der aus diesen Bildern spricht, zurückweisen. Die Zeit ist längst über diese Ansprüche hinweggegangen. Papst Franziskus ist nicht Julius II. Doch was die Bilder darüber hinaus sagen, ist zeitlos gültig.

Man kann mit gutem Recht darüber streiten, woher das Ideengut kam, aus dem unsere demokratische Ordnung herausgewachsen ist. Man kann aber nicht darüber streiten, dass das jüdisch-griechisch-christliche Erbe darin eine überragende Rolle gespielt hat und dass unsere Demokratie Schaden nähme, wenn sie dieses verleugnet. Demokratie ist kein Abzählmechanismus nach vorangegangenen Wahlen, sondern ein Lebensvorgang. Diese Erkenntnis liegt dem oft zitierten Satz zugrunde, den der Verfassungsrechtler Ernst Wolfgang Böckenförde schon vor Jahrzehnten schrieb: „Der freiheitlich säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Lästig ist es der modernen Welt, daran erinnert zu werden. Denn es besagt auch, dass wir – bei allen Zwängen, denen wir ausgesetzt sind – doch auch immer wieder vor dieser „Qual der Wahl“ stehen, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse. Es ist so, wie es schon immer war. Gut verkleidet schleicht sich der Teufel an, der „Geist, der stets verneint“. Lästig ist es der Menschheit geworden, von „Sünde“ zu sprechen. Doch dämmert nicht in jedem, der in Auschwitz die Hinterlassenschaften der SS-Banden besichtigt hat, die Erkenntnis, dass dort Menschen zu sündigen Teufelswerkzeugen wurden. Der Teufel kommt in unseren Tagen nicht mehr mit Hörnern und einem Pferdefuß daher. Er versteckt sich in säkularen Ideologien, die Paradiese auf Erden versprechen, zu einem „Aufstand der Massen“ aufrufen, in denen der heilige Kern eines jeden, seine Persönlichkeit, untergeht. Zur Perversion werden solche religiös verkleidete Heilslehren, wenn sie dazu aufrufen, sich den Eingang zum himmlischen Paradies durch Mord zu erkaufen – wie dies Extremisten des Islam künden.

Papst Benedikt XVI. wurde einmal, als er noch Kardinal Ratzinger und Präfekt der Glaubenskongregation war, gefragt: „Wie viele Wege gibt es zu Gott?“ Kurz seine Antwort: „So viele, wie es Menschen auf Erden gibt!“ Jede Suche nach Orientierung und Erkenntnis beginnt bei einem „Ich“. Doch wer dabei stehenbleibt, schließt sich in dieses „Ich“ ein. Er vergisst, dass wir Menschen in allen Lebensbezügen auf Gemeinschaft und deswegen immer darauf angewiesen sind, nach rechts und links zu schauen. Dass der Mensch ein „zóon politikón“ ist, wie Aristoteles lehrte, bestätigt sich auch in seiner Suche nach Erkenntnis. Wer sich dabei Scheuklappen anlegt, nur von seinem „Ich“ her denkt, endet in einer Kultur der Beliebigkeit, der alles relativ und auswechselbar ist. Er wird zu einem schwankenden Rohr. Ihm wird Freiheit zu einem absoluten Gut, das keine Rücksicht kennt. Wer vorurteilslos einen Blick auf die Zustände in unserem Land wagt, die Familien, die Gesellschaft, Wirtschaft, ja bis hin zur Rechts- und Verfassungsordnung, kann sich der Erkenntnis nicht verschließen, dass dieser Relativismus sich zu einem Krebsgeschwür in unserem Gemeinwesen entwickelt hat. Verdeckt wird dies mit der Selbsttäuschung, die diesen Relativismus, die Kultur der Beliebigkeit, mit Toleranz verwechselt. Relativismus, der sich mit Toleranz verwechselt, ist eine Einladung, von Intoleranz überwältigt zu werden. Toleranz ist nicht die Fähigkeit, Gegensätze zu einem Brei der Unverbindlichkeit zusammenzurühren. Es ist die Fähigkeit, mit Gegensätzen friedlich zu leben. Die Meinung eines anderen achten kann nur der, der selbst eine Meinung hat. Wer eine solche aber nicht hat, endet in einem orientierungslosen Nirwana. Er wird zu einem schwankenden, haltlosen Rohr, dessen Lebensphilosophie es ist, aus ringsum angebotenen Werten in wechselnden Lebenslagen das auszusuchen, das jeweils passt. Sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich, dem Bereich der Politik, geht das wertvollste Bindeglied verloren: das Vertrauen.

Wer Erkenntnis und Orientierung sucht, schreitet den Wegen nach, die vor ihm schon Milliarden von Menschen gegangen sind. Auch eine Vielmillionenzahl von Menschen, die sich heute immer noch wieder aufmachen, diese Wege zu gehen. Ich habe mir das Objektive, das Absolute, die Wahrheit schon einmal mit unserer Erdkugel verglichen. Auf sie scheint immer die gleiche Sonne. Aber sie dreht sich, lässt manches zeitweise im Dunkeln, gibt anderes ebenso zeitweise dem Blick frei – bildet uns die Konturen des Geschauten in der sinkenden Abendsonne anders aus, als diese sich in der heiteren, jugendlich aufsteigenden Morgensonne darboten. Alles dreht sich und wendet sich um eine Mitte, schreitet fließend fort und ruht zugleich, bleibt so auf dem Urgrund unserer guten alten, vom Licht aus dem Kosmos erhellten und erwärmten Erde. Es ruhen tiefe Wahrheiten im Schoß der Schöpfung. Doch den Weg zu diesen muss jeder auf seine Weise finden, vertrauend darauf, dass die Gnade Gottes ihn leitet. Das Subjektive findet seinen Sinn auf unserem Pilgerweg im Zugang zum Objektiven, die persönliche Schau in der Sehnsucht nach Wahrheit, die Unruhe unseres Herzens im Vertrauen auf Gott.

Schaue ich auf die Epochen der Weltgeschichte zurück, für die ich in meinem Leben Zeuge war, so glaube ich, dass man es nicht besser ausdrücken kann wie Franz Werfel in seinem „Lied der Bernadette“: „Daher kommt es, dass Zeiten, die den göttlichen Sinn des Universums leugnen, vom kollektiven Wahnsinn blutig geschlagen werden, mögen sie in ihrem Selbstbewusstsein sich auch noch so vernunftvoll und erleuchtet dünken.“ Wir mögen den viefältigen Fortschritt im Weltgeschehen preisen – auch die Freiheit als das höchste gewonnene Gut. Solange wir aber all dies nur als Menschenwerk verstehen, beginnt das Risiko des Scheiterns, wie Johannes Paul II. in einer Botschaft an den US-amerikanischen Kongress schrieb: „Die Demokratie bietet die beste Gelegenheit, die Achtung vor den Werten zu fördern, welche die Welt zu einem besseren Platz für jedermann machen … Aufgabe der Christen ist es, die Demokratie vor ihrer Selbstzerstörung zu schützen.“

Dass Demokratie durch Selbstzerstörung scheitern kann, ist wieder einmal uralte Weisheit. Man kann bei Plato nachlesen, was er zu dem Kommen und Gehen von Staatsformen – darunter auch der Demokratie – vor mehr als zweitausend Jahren schrieb: „Und die Demokratie, löst nicht auch diese sich auf durch die Unersättlichkeit in dem, was sie als ihr Gut bestimmt? – Was meinst du damit? – Die Freiheit, antwortete ich.“

Der Autor war in leitenden Funktionen des Auswärtigen Amtes tätig und als Botschafter an der Elfenbeinküste und in Argentinien. 1990 beendete er seine Laufbahn als Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom. Der Text ist ein Auszug seines aktuell im Christiana-Verlag erschienenen Buches „Betrachtungen eines alten Mannes über den Tod“ (ISBN 978-3-7171-1258-7, 64 Seiten, EUR 2,-).

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