Erinnerungen eines Außenseiters

Bestseller: Der französische Politiker Philippe de Villiers verteidigt die Familie, Lebensschutz und nationale Identität. Von Markus Werz

Wenn das Buch eines ehemaligen Politikers innerhalb weniger Wochen die Zahl von 250 000 verkauften Exemplaren übertrifft, darf das als Beweis seiner Popularität gelten. In Frankreich hat Philippe de Villiers mit der Bilanz seines politischen Lebens unter dem Titel „Le moment est venu de dire ce que j'ai vu“ (Es ist Zeit geworden, dass ich sage, was ich gesehen habe) einen solchen Bestseller gelandet. Und das obwohl er zu seinen besten Zeiten kaum die zehn Prozent-Marke erreichte. Damit verdeutlicht der in Deutschland gänzlich unbekannte Politiker aus der westfranzösischen Vendée die Umwälzung in der politischen Kultur unseres Nachbarlandes.

Man ist versucht, von einer geistig-moralischen Wende zu sprechen, denn mit De Villiers Engagement ist das Eintreten für den Lebensschutz, für Ehe und Familie sowie die nationale Identität verbunden. Allerdings verdeutlicht der Erfolg des Buches auch, dass die politische Umsetzung dieser Ideen nach De Villiers Rückzug auf sich warten lässt. Zwar hatte der Kandidat Nicolas Sarkozy in seinem Wahlkampf im Jahre 2007 eine Abrechnung mit den Ideen vom Mai 1968 angekündigt und wurde dafür mit einem sehr guten Wahlergebnis belohnt. Tatsächlich blieb er aber den Beweis schuldig, diese Tendenzwende einzuleiten. De Villiers ist in Frankreich für den Freizeitpark Puy du Fou bekannt, in dem er die französische Geschichte mit ihren Königen und Heiligen wieder aufleben lässt. Vor kurzem hat er den Ring der Jungfrau von Orléans erwerben und aus England nach Frankreich zurückbringen lassen können.

Die Franzosen kritisieren ihre politische Klasse

Mit dem Erfolg des Parks wurde Jacques Chirac auf den jungen Absolventen der ENA-Elitehochschule aufmerksam und ernannte ihn 1986 zum Kulturstaatssekretär. Damit betrat De Villiers das politische Parkett „als ein Einbrecher“, wie er schreibt. Trotz seines Studiums in der Herzkammer des Jakobinismus blieb er seinen Wurzeln treu und kämpfte für eine Rehabilitation der Märtyrer der Vendée als Opfer eines der ersten Genozide. Zur Eröffnung einer Gedenkstätte in Lucs-sur-Boulogne konnte er Alexander Solschenizyn im Jahre 1993 als Redner gewinnen. Seitdem verband ihn eine Freundschaft mit dem russischen Dissidenten. Er war der einzige Vertreter Frankreichs bei dessen Beisetzung im Jahre 2008. Kein Wunder, dass De Villiers bis heute sehr gute Beziehungen zu Wladimir Putin hat und ihn als Verteidiger eines „Europas vom Atlantik bis zum Ural“ sieht, das sich nicht den transatlantischen Interessen unterordnet.

Mit diesen Referenzen hatte es De Villiers im französischen Politikbetrieb nie leicht. Er erinnert sich an Auftritte in Fernsehsendungen, in denen er sich ständig gegen den Verdacht verwahren musste, letztlich ein neuer Marschall Pétain zu sein. Als Adeliger, bekennender Katholik und Sohn einer traditionsreichen Offiziersfamilie war er tatsächlich ein Fremdkörper und Außenseiter. Seine größten politischen Erfolge errang er bei Europawahlen und europapolitischen Referenden. Seit seinem Nein zum Vertrag von Maastricht war er einer der profiliertesten Kritiker der Europäischen Union. Über seine Arbeit im EU-Parlament hat er daher viel zu berichten: den Einfluss von Lobbyisten, die Macht der transnationalen Unternehmen und das Demokratiedefizit der Institutionen schildert er in zahlreichen Anekdoten. Im Blick auf die aktuelle Eurokrise und das Scheitern des Schengen-Abkommens bilanziert er: „Es schadet einem, wenn man zu früh Recht hat.“

Tatsächlich hat De Villiers nicht nur vor den Gefahren des EU-Föderalismus gewarnt, sondern als einer der wenigen Politiker die schleichende Islamisierung Frankreichs thematisiert, indem er ihm von Geheimdienst zugespielte Dokumente im Jahre 2006 als Buch veröffentlichte. Unerwartet, aber mit seinen Werten kohärent, ist auch sein Engagement zum Schutz der Bienen. Für diesen Kampf gegen die Interessen der Agrar-Lobby und der großen Chemieunternehmen ist er eine wichtige Referenz.

Seine Erinnerungen geben einen interessanten Blick hinter die Kulissen von dreißig Jahren französischer Politik. Mit literarischen Talent zeichnet De Villiers Porträts von Valéry Giscard d'Estaing, François Mitterrand und Jacques Chirac. Damit sucht er seine These zu stützen, dass die vergangenen Eliten Frankreich ruiniert haben. Nun sei „das Desaster nicht mehr zu beschönigen“, meint De Villiers, und ortet in der Unzufriedenheit der Franzosen mit der politischen Klasse ein Zeichen, dass nun deren „Betrügereien keine Ressourcen und keine Verstärkung“ mehr erwarten könnten. Der kommerzielle Erfolg seines Buches scheint ihm Recht zu geben. Allerdings gibt es keine Partei, die diese Tendenzwende politisch verwerten könnte. Eines ist jedoch sicher: Das intellektuelle Klima in Frankreich ändert sich und die Ideen des „liberal-libertären Establishments“, wie es De Villiers nennt, geraten zunehmend in die Defensive.

Nach dem Nein zur europäischen Verfassung im Jahre 2005 und dem Erfolg der Manif pour tous (Demo für alle) in den Jahren 2012/2013 ist dieses Buch ein weiteres Zeichen dafür, dass sich in Frankreich der Wind zu drehen scheint. Das Buch über die politischen Erinnerungen eines Außenseiters markiert wohl einen Wendepunkt.

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