Er sollte den Kriegsgrund liefern: Über den Film

Wahrheit und Interessen: Regisseur Andreas Prochaska über seinen ZFD-Film „Das Attentat – Sarajevo 1914“. Von José García
Foto: ZDF/Petro Domenigg | Der Untersuchungsrichter Leo Pfeffer (Florian Teichtmeister) wird von den Vertretern der Donaumonarchie Oskar Potiorek (Erwin Steinhauer) und Sektionsrat Wiesner (Friedrich von Thun, von links) unter Druck gesetzt.
Foto: ZDF/Petro Domenigg | Der Untersuchungsrichter Leo Pfeffer (Florian Teichtmeister) wird von den Vertretern der Donaumonarchie Oskar Potiorek (Erwin Steinhauer) und Sektionsrat Wiesner (Friedrich von Thun, von links) unter Druck gesetzt.
Für Sie ist ein historischer Stoff Neuland – wenn man „Das finstere Tal“ eher als Western denn als historischen Film ansieht. Für ähnliche historische Handlungen wählt das Fernsehen häufig die sogenannte Dokufiktion. Sie haben „Das Attentat – Sarajevo 1914“ jedoch zusammen mit Drehbuchautor Martin Ambrosch als Spielfilm, ja als Thriller inszeniert. Kann uns die Fiktion helfen, die Geschichte, die Wirklichkeit, besser zu verstehen?

Die Arbeit an dem Film hat mich den historischen Ereignissen näher gebracht. Ich hoffe, dass ich durch den Film dem Publikum einen anderen Zugang zu den Ereignissen, die den ersten Weltkrieg ausgelöst haben, ermögliche. Fiktion ist in diesem Kontext eine klarer definierte Form der Manipulation von „Wirklichkeit“ als die Dokumentation. Jeder Schnitt in einer Dokumentation ist eine Entscheidung, welcher „Wirklichkeit“ ich mehr Raum gebe. So wie die Geschichtsschreibung. Was Eingang findet in die Geschichtsbücher und was nicht, ist Manipulation. Im Rahmen eines Spielfilmes und des Genres kann ich historische Vorgänge emotional erlebbar machen.

Im Mittelpunkt Ihres Filmes steht Leo Pfeffer, der Untersuchungsrichter, als markante Persönlichkeit. Wie viel ist in dieser Figur aus den Quellen verbürgt, wie viel Spielraum blieb für die in einer fiktionalen Handlung nötige Dramatisierung?

Leo Pfeffer hat wirklich existiert, er war auch wirklich Untersuchungsrichter in Sarajevo. Es war für die Geschichte nicht wichtig, den realen Leo Pfeffer abzubilden. Er ist der tragische Held, der das Publikum auf die Reise durch die Ereignisse mitnimmt.

Hat beispielsweise die Liebesgeschichte zwischen Leo Pfeffer und Marija Jeftanovic eine solche handlungsorientierte Funktion?

Im ersten Moment habe ich mich reflexartig gegen die Liebesgeschichte gewehrt. Im Lauf der Arbeit habe ich sie aber als wichtig und notwendig schätzen gelernt. Für die Inszenierung der Schauspieler war Abschied das entscheidende Schlüsselwort. Abschied von einer Zeit und das Gefühl, in eine dunkle, ungewisse Zukunft zu gehen. Diese Vorahnung ermöglicht die Annäherung von Leo Pfeffer und Marija Jeftanovic und gibt dem Film eine zusätzliche Emotionalität. Man muss aber auch ganz pragmatisch sagen, dass sonst gar keine Frauenfigur vorgekommen wäre.

Was für eine Rolle spielt der zwielichtige Arzt Dr. Herbert Sattler? Ist er eine historische Gestalt oder entspricht er als Deutscher in Sarajevo einer bestimmten Haltung?

Sattler ist keine historische Gestalt. Wir wollten keinen bösen Deutschen am Balkan zeigen; er ist vielmehr eine Metapher für die Strippenzieher, die im Hintergrund agieren und Konflikte vorbereiten und eskalieren. Ein wenig inspiriert von der Figur des Alden Pyle im stillen Amerikaner von Graham Greene. Gleichzeitig steht er für vieles, das in der Zeit schon stark vorhanden war und in den Jahrzehnten danach zu grauenhaften Exzessen geführt hat. Stichwort Eugenik.

In „Das Attentat – Sarajevo 1914“ spielt eine wichtige Rolle der Druck, der auf Leo Pfeffer seitens der Wiener Regierung ausgeübt wird. Kann dies als zentrale Aussage Ihres Filmes angesehen werden? Welchen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang die antisemitische Haltung, die immer wieder zu spüren ist?

Das eigentliche Thema des Films ist ja die Ohnmacht der Wahrheit gegen die Interessen der Mächtigen. Leo Pfeffer ist die ideale Figur, um das fühlbar zu machen. Antisemitismus gab es immer schon, und es war wichtig, das zu thematisieren. Wobei es nicht darum ging, der Monarchie generell Antisemitismus zu unterstellen, die Figur des Sattler sagt ja, dass es nur in der k.u.k. Monarchie möglich ist, dass ein Jude so eine Untersuchung leiten kann. Dennoch gab es in der Monarchie starke deutschnationale und antisemitische Strömungen. Irgendwoher musste ja Hitler seine Ideen haben.

In einer Szene beschäftigen sich hohe Offiziere mit Kriegsvorbereitungen. Dazu heißt es „Dann geht es endlich los!“ Möchten Sie dadurch verdeutlichen, dass das Attentat auf Franz Ferdinand den willkommenen Anlass gab, um einen Krieg zu entfachen, den wenigstens Österreich-Ungarn und Deutschland wollten?

In ganz Europa, nicht nur in Österreich und Deutschland, hat sich der unausweichliche Krieg in den Köpfen der Mächtigen manifestiert. Fast hat man das Gefühl, als hätte man das „reinigende Gewitter“ herbeigesehnt. Wenn es nicht das Attentat von Sarajevo gewesen wäre, hätte sich irgendein anderer Anlass gefunden. Wenn man die „Welt von gestern“ von Stefan Zweig liest, bekommt man eine Ahnung von der Kriegsbegeisterung, die sich wie ein Fieber durch alle Schichten gezogen hat.

Wie haben Sie Ihre Schauspieler darauf vorbereitet, Menschen darzustellen, die vor hundert Jahren gelebt und dadurch eine andere Denkweise, andere Werte und auch eine andere Geschichte als die heutigen hatten? Sie kannten ja weder den ersten noch den zweiten Weltkrieg. Für die meisten war der Krieg „die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln“.

Nachdem wir gemeinsam keine Zeitreise unternehmen konnten, waren es eben Bücher wie „Die Welt von gestern“, die ein Gefühl dieser Zeit vermittelt haben. Die Menschen damals hatten sicher eine andere Art zu reden und sich zu bewegen, die äußere Form war viel stärker. Wir haben versucht, einen Weg zu finden, die Figuren zum Leben zu erwecken und eine Atmosphäre der damaligen Zeit zu erzeugen. Gleichzeitig war es wichtig, Kostüm und Ausstattung als Notwendigkeit zu akzeptieren und nicht ihren Reizen auf den Leim zu gehen. Es war aber immer eine Gratwanderung von angestrebter historischer Genauigkeit und moderner Bildsprache.

„Das Attentat – Sarajevo 1914“. Regie: Andreas Prochaska. Montag, den 28. April, 20.15 Uhr, 90 Min. „Sarajevo – Der Weg in die Katastrophe“. Dokumentation. Autor: Manfred Oldenburg Montag, den 28. April, 21.45 Uhr, 45 Min., ZDF

Nachdem am 28. Juni 1914 der serbische Student Gavrilo Princip in Sarajevo, der Hauptstadt des 1908 von der k.u.k. Monarchie annektierten Bosnien, den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie tödlich trifft, wird der örtliche Untersuchungsrichter Leo Pfeffer (Florian Teichtmeister) mit den Ermittlungen beauftragt. Obwohl Leo Pfeffer einige Ungereimtheiten findet, spielt das für die Vertreter Wiens gar keine Rolle. Sie wollen lediglich einen „amtlichen“ Beweis dafür, dass hinter Gavrilo Princips Schüsse Serbiens Regierung steht.

Hinter der eigentlichen Handlung konzentriert sich der Film auf die Figur des Untersuchungsrichters Leo Pfeffer, der sich den Bestrebungen der kaiserlichen Beamten zu widersetzen versucht, einen Kriegsgrund zu liefern – die Verstrickung der serbischen Regierung in das Attentat. Durch den vom Film eingenommenen Blickwinkel wird der Spielfilm vor historischer Kulisse zu einem Thriller. Regisseur Andreas Prochaska setzt auf anspruchsvolle Ausstattung und Kostüme und auf mit vielen Statisten aufwändig inszenierte Straßenszenen. „Das Attentat – Sarajevo 1914“ verwendet jedoch eine sehr moderne Bildsprache, die sich etwa in der Attentatssequenz in den von Kameramann Andreas Berger eingefangenen Einstellungen aus verschiedenen Perspektiven und dem dazugehörigen schnellen Schnitt ausdrückt. Anhand historischer Gestalten wie Leo Pfeffer und Marija Jeftanovic sowie fiktiver Figuren, etwa des deutschen Arztes Herbert Sattler (Heino Ferch), wird die explosive Lage im zur Doppelmonarchie gehörenden Bosnien und dem Balkan insgesamt in der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg einprägsam beschrieben. Nach dem Spielfilm zeigt das ZDF Manfred Oldenburgs Dokumentation „Sarajevo – Der Weg in die Katastrophe“, die mit dokumentarischem Material und Interviews mit Historikern die Zeit zwischen dem Attentat in Sarajevo und dem Ausbruch des Großen Krieges rekonstruiert. J.G

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