Er schrieb Gebetsbücher in der Volkssprache

Ein begabter Prediger: Festwochen in Kloster Waghäusel zum 300. Todestag von Pater Martin von Cochem. Von Barbara Wenz
Foto: Kloster Waghäusel | Gedenktisch in der Ausstellung zum 300. Todestag von Pater Martin von Cochem im Kloster Waghäusel.
Foto: Kloster Waghäusel | Gedenktisch in der Ausstellung zum 300. Todestag von Pater Martin von Cochem im Kloster Waghäusel.

Der Kapuzinerpater Martin von Cochem, dessen großartige Leistung auf dem Gebiet der geistlichen Erbauungsliteratur nicht genug bewundert werden kann, starb im Kloster Waghäusel bei Philippsburg am 10. September 1712, also vor 300 Jahren, infolge eines unglücklichen Treppensturzes. Der ganze September stand deshalb dieses Jahr im Kloster Waghäusel im Zeichen des würdigenden Gedenkens an einen heutzutage leider in Vergessenheit geratenen äußerst produktiven Schriftsteller und begabten Prediger aus dem Orden der „Knadeler“, wie die Kapuzinerpadres im Volksmund genannt wurden. Zum Abschluss der Festwochen eröffnete jetzt im Kloster Waghäusel eine Ausstellung zu Leben und Werk des Martin von Cochem.

Die protestantische Bevölkerung missioniert

Im blumengeschmückten, stimmungsvoll mit Kerzen dekorierten Saal des Edith-Stein-Hauses begrüßte Gerd Maier, 1. Vorsitzender des Fördervereins der Wallfahrt Waghäusel, die anwesenden Gäste. Danach hielt Pater Burkhard Volkmann OFMCap die Laudatio, in der er auf die wichtigsten Lebensstationen und Schriften seines Ordenskollegen einging – passenderweise am Festtag des heiligen Padre Pio, des großen italienischen Kapuziners. Pater Burkhard stützte sich seinerseits auf einen Vortrag von Pater Professor Leonhard Lehmann OFMCap, der auf den Internetseiten Kloster Waghäusel in einer PDF-Datei nachgelesen werden kann.

Martin von Cochem, der ursprünglich den Familiennamen Linius trug, wurde als Sohn eines Hutmachers am 13. Dezember 1634 in Cochem an der Mosel geboren und erhielt bei seiner Einkleidung am 2. März 1653 den Namen Martinus. Die Zeit seines Noviziats verbrachte er in Köln, seine theologische Ausbildung beendete er 1663 in Aschaffenburg. Im Jahr darauf beginnt er seine Lehrtätigkeit in Mainz. Schon bald fällt ihm als schmerzhafter Mangel auf, dass für die einfachen Gläubigen keine Gebetbücher, erbauliche Schriften und religiöse Unterweisungen in der Volkssprache verfügbar sind. Von Cochem ist literarisch begabt, er hat das seltene Talent, komplizierte Zusammenhänge und Sachverhalte in einer klaren, einfachen und für jeden verständlichen Sprache darlegen zu können. 1666 erscheint sein erstes Werk, das „Kinder-Büchlein“, ein kleiner Katechismus für Kinder. In den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts wird er als Soldatenseelsorger in Königstein eingesetzt, außerdem missioniert er die größtenteils protestantisch gewordene Bevölkerung. Dennoch findet er die Zeit, sein über tausend Seiten umfassendes „Leben Christi“ zu schreiben, welches so populär wird, dass es bis zum Jahre 1933 in fast 50 Auflagen erscheint und von dem man weiß, dass es auch von Katharina Emmerick und Padre Pio gelesen und geschätzt wurde.

Ab Herbst 1682 erhält er eine neue Aufgabe als Visitator im Bistum Mainz. Allerdings ist man nicht überall zufrieden mit dem eigenwilligen Moselaner. Am 25. August 1684 gehen sieben Beschwerden im Mainzer Provinzkapitel ein. Unter anderem verlangte man darin, dass Pater Martin „zu seiner alten, guten Gewohnheit zurückkehren“ solle, keinen Wein zu trinken, Katechesen und Versammlungen zur Nachtzeit zu unterlassen, Vertrautheit mit Frauen zu meiden und den Obereren der Klöster, die er besuche, den gebührenden Respekt entgegenzubringen. Offenbar hat sich Pater Martin an die Vorschläge gehalten, weitere Beschwerden sind jedenfalls nicht bekannt.

Weil er in seiner Eigenschaft als Seelsorger die erschreckende Feststellung macht, dass die Frömmigkeit beim Volk während des Messbesuchs zwar vorhanden, aber das Wissen um das Geschehnis und die Bedeutung der Abläufe großteils geschwunden war, entschließt er sich, diesen Missstand durch eine erläuternde Schrift zu beheben: Er beginnt während eines Aufenthaltes in Prag mit der Niederschrift seiner „Erklärung des Hl. Messopfers“, die im Jahre 1702 auf Deutsch unter dem Titel „Medulla Missae Germanica – das ist Teutsch Messbuch“ erscheint und bis 1965 in circa 400 Auflagen publiziert wird. Obwohl Pater Martins Stil leicht barockisiert und ungewohnt für den modernen Leser ist, sind seine Ausführungen volksnah, ansprechend und inhaltlich ganz einfach gehalten, worin vermutlich das Geheimnis seines großen schriftstellerischen Erfolges liegt. Dabei verbindet er seine einfache Erzählsprache mit viel Freude an oft profanen, aber liebevoll geschilderten Details.

Um 1708, vier Jahre vor seinem Unfalltod, kann man davon sprechen, dass in jedem katholischen Haushalt der deutschsprachigen Gebiete mindestens seine Heiligenlegenden und sein „Leben Christi“ vorhanden waren – fast ein katholischer Konsalik seiner Zeit. Aus den Briefen Goethes wissen wir, dass er ebenfalls mindestens einen von Cochem-Band in seiner Bibliothek stehen hatte, und noch im 19. Jahrhundert waren seine Legenden, Historien und natürlich sein Leben Christi weit verbreitet und hoch geschätzt – unter anderem von Herder, Görres und Schlegel.

Informationen auch zur Geschichte der Kapuziner

Für die Wallfahrt zum Heiligen Blut in Walldürn schrieb er – ebenso wie später für Kloster Waghäusel – ein kleines Wallfahrtsbüchlein, in Walldürn wird er auch am 16. August 1697 für das anstehende Provinzkapitel zum Vertreter des Konvents gewählt.

Seine Versetzung nach Waghäusel wurde bereits im Jahre 1700 vom Provinzkapitel beschlossen, doch um 1706 war er noch einmal in Aschaffenburg, um Streitigkeiten mit seinem Verleger zu klären und 1708/09 in Mainz. Sein letztes Werk entstand über die Wallfahrt zur Mutter mit dem gütigen Herzen in Waghäusel und erschien im Jahr 1710.

Hier starb er auch nach seinem tragischen Treppensturz, leider ist das Grab mit seinen Gebeinen nicht mehr erhalten. Die Klostergemeinschaft pflegt heute noch das Andenken dieses geistlichen Volksschriftstellers, der zu seiner Zeit und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem mit seinen beiden großen Werken zum Leben Christi und dem Messopfer Auflagenrekorde brach.

Anlässlich seines 200. Todestages brachte man eine Gedenktafel neben der Kanzel an, zu seinem 300. Jubiläum wurde nun diese kleine, aber feine Ausstellung zu seinem Leben und Werk mit interessanten Hintergrundinformationen zur Geschichte des Kapuzinerordens organisiert. Sie kann noch bis zum 7. Oktober besichtigt werden und lässt sich auf das Beste mit einer Wallfahrt zum Waghäuseler Gnadenbild, der „Mutter mit dem gütigen Herzen“ verbinden.

Ausstellung zum 300. Todestag von Pater Martin Cochem, geöffnet bis

zum 7. Oktober im Kloster Waghäusel, Bischof-von-Rammung-Str. 2, 68753 Waghäusel; im Internet unter

www.kloster-waghaeusel.de

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