Er lebte eine bescheidene Menschlichkeit

Hans Bender war ein Förderer der Literatur – Zum Tod des Schriftstellers und Herausgebers der „Akzente“. Von Ilka Scheidgen
Foto: Thiede | Wilhelm Morgner: „Kreuzabnahme mit Mann im Frack“, 1912.
Foto: Thiede | Wilhelm Morgner: „Kreuzabnahme mit Mann im Frack“, 1912.

„Sie geben, sie nehmen, die Freunde. Und den größten Verlust fügen sie uns zu, wenn sie vor uns sich davonmachen.“ In Hans Benders letztem Band „Aufzeichnungen“ (Rimbaud Verlag, 2014) findet sich diese Reflexion, die nun die übrig bleibenden Freunde betrifft. Viele hat er vor sich gehen lassen müssen. Noch vor kurzem Günter Grass, der ihm einst zum 75. Geburtstag das Aquatinta Blatt „Des Schreibers Hand“ in Freundschaft widmete mit den Worten „Dein Leben, Deine Haltung, Deine beispielhafte schriftstellerische Existenz sind für mich mit der von mir gezeichneten und bezeichneten Schreibhaltung immer im Zusammenhang gesehen worden.“

Und nun ist dieser leise Poet, der große Anthologist, der Mitbegründer und langjährige Herausgeber der Literaturzeitschrift „Akzente“ gegangen, kurz vor Vollendung seines 96. Lebensjahres. Hans Bender war wie kaum einer sonst eine Schlüsselfigur der deutschen Nachkriegsliteratur – gerade durch seine vielfältige Tätigkeit als Autor, Herausgeber, Förderer junger, noch unbekannter Autoren, Rezensent, Literatur-Vermittler und Mentor, Ratgeber und Juror.

Am 1. Juli 1919 in Mühlhausen im Kraichgau als Sohn eines Gastwirtes geboren, wurde für Hans Bender das dörfliche Panoptikum so etwas wie die Einstiegspforte in die Welt da draußen. Hier begegnete der aufgeweckte Knabe vielerlei Charakteren, und er beobachtete sie sorgfältig, hörte aufmerksam ihren Gesprächen zu, machte sich Notizen. Das rege Leben im elterlichen Gasthaus, in dem viele Reisende abstiegen, waren die Folie für Hans Benders spätere Kurzgeschichten, in denen er eine wahre Meisterschaft erlangte. Der Krieg riss den jungen Hans Bender kurz nach Beginn seines Studiums der Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft in Erlangen aus einer bis dahin eher harmonisch erlebten Welt jäh heraus. Fast zehn Jahre verbrachte er als Soldat und in russischer Kriegsgefangenschaft. Erst 1949 kehrte er zurück. Er sah besonders die Jahre der Gefangenschaft, nach den Grausamkeiten des Krieges, auch als eine Zeit der inneren Reifung. Viele seiner Erzählungen und sein Roman „Wunschkost“ (1959) handeln von dieser Zeit. Sein erster Roman „Eine Sache wie die Liebe“ erschien bereits 1954 und gibt sehr charakteristisch das Lebensgefühl junger Menschen in den fünfziger Jahren wider. Doch seine eigentliche Domäne war und blieb die Kurzgeschichte. Inspiriert durch die amerikanischen short stories war diese knappe, auf das Wesentliche reduzierte, dennoch ganz lebendige Darstellungsform einem Menschen wie Hans Bender wie auf den Leib geschrieben. Seine Kurzerzählungen, um nur einige Beispiele zu nennen, „Die Wölfe kommen zurück“, „Iljas Tauben“, „Der Brotholer“, sind längst zu Klassikern geworden und in Schulbüchern und Sammelbänden immer wieder neu vertreten, sie wurden in 40 Sprachen übersetzt.

In seiner Herausgebertätigkeit besonders für die „Akzente“, die er mit Walter Höllerer gemeinsam gegründet hat und diese dann 27 Jahre lang edierte, hat er viele zunächst noch unbekannte Autoren wie etwa Rolf Dieter Brinckmann, F.C. Delius, Hubert Fichte entdeckt und gefördert, ältere wie Kurt Heynicke, Rose Ausländer vor dem Vergessen oder Ins-Abseits-Gedrängt-werden bewahrt. Seine Unvoreingenommenheit, seine Unbestechlichkeit und fachliche Kompetenz, sein hohes Maß an Menschlichkeit und Takt halfen ihm dabei. Allerdings kosteten sie ihn auch viel Kraft. Wenn man bedenkt, dass kaum ein anderer Schriftsteller mit so vielen Gegenwartsautoren in Gespräch und Austausch gestanden hat, dann war seine Bescheidenheit schon eine ganz besondere Sache. Seine berühmten Lyrik-Anthologien „Mein Gedicht ist mein Messer“ (1964), „In diesem Lande leben wir“ (1978) und „Was sind das für Zeiten“ (1988) spiegelten die geistige Entwicklung der Bundesrepublik gebündelt wider, während die „Akzente“, dieses wichtigste literarische Organ seit 1954, kontinuierlich eine Chronik der literarischen Strömungen abbildete und es noch heute tut.

Hans Bender liebte neben der Literatur auch die Musik, die Malerei. Auf seinen Reisen schaute er sich gerne Bilder alter Meister in Museen und Kirchen an. Die Riten der katholischen Kirche, die Feierlichkeit des Gottesdienstes, der Bilderreichtum – all das war für Hans Bender zeitlebens wichtig, und das war auch während der Gefangenschaft für ihn und viele andere eine große Hilfe. „Ich sehe das, was in der Bibel steht, so wie auf den Bildern der Maler“, sagte er, „das ist für mich Glaube.“ Diese Wahrhaftigkeit im Ton, dem das Selbstmitleid fremd ist, das Bekenntnis zu einer „Weltanschauung der Zärtlichkeit“, wie er sie bereits in seinem ersten Roman formulierte, seine große Menschlichkeit haben Bender und sein Schaffen gekennzeichnet.

Mit zahlreichen Preisen, Mitgliedschaften, Dozenturen und der Ehrendoktorwürde wurde er bedacht. Stets ging es ihm um die Sprache. Nobelpreisträger Heinrich Böll bescheinigte seinem Kölner Dichterkollegen: „Fast lautlos haben Sie der Literatur dieser zweiten deutschen Republik mehr Dienste erwiesen als einer aufzählen könnte. Redakteur, Rezensent, Vortragender, vor allem: Autor. Still nicht nur, fast lautlos, auch fast unbemerkt von jener Öffentlichkeit, die das Grelle und das Geknalle mehr beachtet als Ihre Art von Wirken und Wirkung.“ Womit der nur zwei Jahre Ältere Bender ziemlich genau beschrieben hat. Fatalerweise war es der Rat von Heinrich Böll an Hans Bender, seine umfangreiche Korrespondenz nicht nach Marbach ins Literaturarchiv, sondern in das Historische Archiv der Stadt Köln zu geben. Bei dessen Einsturz im März 2009 wurde Benders 27 000 Dokumente umfassendes Privatarchiv vernichtet, was für ihn einen schweren Schlag bedeutete. Die gesamte Korrespondenz mit nahezu allen deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit liegt unter Trümmern und im Schlamm, Zeitdokumente von unschätzbarem Wert sind für die Nachwelt verloren.

Am 28. Mai ist Hans Bender in Köln gestorben. In einem Gottesdienst in der Pfarrei der Katholischen Hochschulgemeinde Köln, der Kirche Johannes XXIII wird am Sonntag, den 14. Juni 2015 um 18.30 Uhr seiner gedacht. Die Beisetzung erfolgt in einem Ehrengrab seiner Heimatgemeinde Mühlhausen zu einem späteren Zeitpunkt.

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