„Er ist ein Theologe von Weltrang“

Wohl der einzige Papst, der ein Buch über Jesus von Nazareth geschrieben hat – Ein Gespräch mit dem Verleger Manuel Herder über Benedikt XVI. Von Oliver Maksan
Papst Benedikt XVI. mit Manuel Herder bei einer Präsentation aller Bücher von Benedikt XVI.
Foto: Herder | Manuel Herder bei einer Präsentation aller Bücher von Benedikt XVI.

Herr Herder, mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. haben Sie einen einzigartigen Autor im Verlagsprogramm. Wie geht man mit einem Papst als Autor um?

Es ist für unseren Verlag eine Freude und Auszeichnung, aber auch eine große Verantwortung, das Werk des Jahrhunderttheologen Joseph Ratzinger, der dann Benedikt XVI. wurde, zu verlegen. Die Wahl 2005 hat sicher manches verändert. Mit der Papstwahl wurde das Werk Ratzingers, das auch davor schon international Beachtung fand, noch bekannter. Es gab eine große Nachfrage an den Rechten für seine Bücher und Texten aus fast allen Sprachräumen.

Seit wann kennen Sie Ratzinger persönlich?

Ich habe ihn kennengelernt, als ich etwa zwölf Jahre alt war. Mein Vater nahm mich damals mit nach München zu einer Begegnung mit ihm. Er ist seit 1956 Autor unseres Verlages, insofern gab es eine gute Beziehung zwischen meinen Eltern und ihm. Sein erster Beitrag bei Herder war ein Artikel zur Auferstehung im Lexikon für Theologie und Kirche. Seither sind viele Beiträge in Sammelwerken sowie eigene Bücher gefolgt. Derzeit führen wir in unserem Verlagsprogramm 56 lieferbare Titel von ihm.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Joseph Ratzinger nach seiner Wahl zum Papst verändert?

Eigentlich gar nicht so sehr. Über Monsignore, später Erzbischof, Georg Gänswein hatten wir immer einen schnellen und direkten Kontakt zum Papst. Gänswein bat mich, die anstehenden Fragen so konkret wie möglich zu stellen, dass sie mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden konnten. Die Antworten vom Papst folgten immer sehr schnell und unkompliziert über den Privatsekretär. Das beeindruckte mich stets, denn von Ferne konnte ich ja nur ahnen, welch' unglaubliches Arbeitspensum auf den Schultern des Papstes und auf denen seines Sekretärs lastete.

In dieses Pontifikat fiel ja auch die vielleicht spektakulärste Bucherscheinung Joseph Ratzingers: die Jesus-Trilogie. Der erste Band erschien 2007.

Ja. Das sind drei herausragende, letztlich einmalige Bücher. In der Kirchengeschichte gibt es ja Vieles: Päpste haben Kathedralen gebaut, Päpste haben Kriege geführt, Päpste haben Frieden gestiftet. Aber gab es je einen Papst, der ein Buch über Jesus von Nazareth geschrieben hat? Es war ein einmaliger Vorgang, der faszinierte: da ist dieser Mann, auf den die ganze Welt schaut und der ein hohes Reise- sowie Arbeitspensum hatte. Und dann veröffentlichte er nicht die eine oder andere Pressemeldung aus der Hand von geschliffenen PR-Beratern, sondern ein ganzes Werk in drei Bänden. Das ist wirklich ein Werk, das Geschichte geschrieben hat, von einem Mann, der Geschichte geschrieben hat.

Wie haben sich die Bücher verkauft?

Der erste Band war sein erfolgreichstes Buch. Es wurde von der Leserschaft mit großer Spannung erwartet und hat sich weltweit in kurzer Zeit in großer Auflage verkauft. Die vorab veröffentlichte Einleitung des Autors, dass der Leser frei sei, ihn zu kritisieren, hat die Menschen und die Medien sehr für ihn eingenommen.

Mit der Gesamtausgabe der Werke des Theologen Joseph Ratzinger haben Sie eine verlegerische Mammutaufgabe übernommen.

Ja, das ist eine Herausforderung, denn so ein Werk konnte sich zunächst kaum jemand vorstellen. Aber wir liegen mit dem Erscheinen der einzelnen Bände gut im Zeitplan. Ich habe Monsignore Gänswein relativ schnell nach der Wahl auf das Thema angesprochen. Es ging mir darum, dass der Theologe Ratzinger sichtbar bleibt, gerade auch neben den starken Eindrücken, die Papst Benedikt XVI. hinterlassen würde. Es ging darum, das theologische Werk Ratzingers für die theologische Welt und darüber hinaus ansichtig zu machen. Es hat etwas gedauert, bis eine Antwort kam. Aber dann hatte der Papst offenbar Gefallen daran gefunden und um Vorschläge gebeten. Das Werk ist auf sechzehn Bände konzipiert, wovon bereits ein guter Teil erschienen ist. Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Bischof Rudolf Voderholzer fungieren als Herausgeber. Sie treffen die Entscheidungen in allen editorischen Fragen.

Inwiefern nimmt Papst Benedikt noch Anteil an den Arbeiten der Gesamtausgabe?

Formal sind, wie gesagt, die Herausgeber verantwortlich. Es würde mich wundern, wenn die Herausgeber nicht große Freude daran hätten, mit einem geistig so präsenten Autor regelmäßig Rücksprache zu halten. Bei der Frage der bibliophilen Ausstattung der Reihe habe ich ihn direkt gefragt. Ich sandte die ersten Entwürfe an Monsignore Gänswein und besuchte diesen einige Tage später zur persönlichen Rücksprache und Abstimmung. Er überreichte mir den Modell-Band. Die einzelnen Stilelemente versehen mit einem Stempel: „vista dal Santo Padre“, gesehen vom Heiligen Vater und gezeichnet mit dem Kürzel B16.

Angesichts einer so engen Zusammenarbeit: Wie sehr hat es Sie als Verleger eigentlich geärgert, dass die „Letzten Gespräche“, die Benedikt XVI. mit Peter Seewald geführt hat, nicht im Hause Herder erschienen sind, sondern bei Droemer? Was war der Grund dafür?

Das müssen Sie ihn selbst fragen.

Sie sind Ihrem Autor zahlreiche Male begegnet. Welches Treffen ist Ihnen in besonderer Erinnerung?

Eigentlich immer das jeweils letzte. Und Anfang Mai werde ich wieder die Ehre haben, ihn zu sehen. Aber ein Treffen ragt doch heraus: Anlässlich des Deutschland-Besuchs 2011 organisierten wir eine Ausstellung in unserem Stammhaus in der Diözese Freiburg, in der wir alle Titel Joseph Ratzingers aus all seinen Verlagen, in allen Ausgaben und allen Sprachen, zeigten. Es ging uns darum, deutlich zu machen, dass er ein Theologe von Weltrang ist. Papst Benedikt konnte sich die Ausstellung auch persönlich ansehen, denn außerhalb Freiburgs wurde sie in Castel Gandolfo, der päpstlichen Sommerresidenz, extra für ihn aufgebaut. Er hat sich viel dafür Zeit genommen und sich ebenso erstaunt wie erfreut gezeigt, in wie vielen Sprachen sein Werk Verbreitung gefunden hat. Die Besichtigung seines umfassenden Werkes mit ihm persönlich wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Wie feiern Sie den 90. Geburtstag Ihres Autors verlegerisch?

Wir haben einen kleinen Band vorbereitet, der in vielen Buchhandlungen geführt wird. Er heißt „Alles Gute!“ und bietet nach einem Vorwort von Papst Franziskus die schönsten Texte und Bilder von Papst Benedikt XVI. Außerdem werden spannende und überraschende Anekdoten aus seinem Leben erzählt, die den Menschen Benedikt näherbringen. Der Geburtstag selbst ist ja am Tag der Auferstehung des Herrn. Schöner kann es kaum kommen. Viele Menschen werden am Ostersonntag für ihn beten. Ich werde einer von ihnen sein.

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