Er hat den eigentlichen Nerv der Romantik getroffen

Die literarischen Themen Joseph von Eichendorffs interessieren auch heute noch – Der Dichter wurde vor 225 Jahren geboren. Von Kathrin Streckenbach
Foto: dpa | Professor Daniel Müller Nielaba.
Foto: dpa | Professor Daniel Müller Nielaba.

Der in Schlesien geborene Joseph von Eichendorff hat ein umfangreiches Werk hinterlassen. Der Schriftsteller gilt nach wie vor als wichtiger Dichter und Denker der Romantik – und kann uns auch heute noch einiges zeigen, sagt Professor Daniel Müller Nielaba von der Universität Zürich.

Wo finden sich denn heute noch Spuren des Dichters Joseph von Eichendorff?

Wir können das unterteilen, zum einen in die Spuren, die sich aus seinem Lebenswerk finden lassen – beispielsweise Hinterlassenschaften in Ratibor (heute Racibórz in Polen), in Heidelberg, Halle, Neiße (Nysa), Sedlnitz (Sedlnice/Tschechien) und in Breslau (Wroclaw/Polen). Dort steht ein Standbild, das 1945 zerstört und 2012 wieder errichtet wurde. Wir haben aber im Vergleich zu anderen Dichtern und Denkern gar nicht so viele dieser Zeugnisse.

Wo gibt es heute noch Anzeichen seines künstlerischen Schaffens – vielleicht im Volkslied?

Davon gibt es in unserer Alltagskultur ganz viele – vor allem in der musikalischen und gesanglichen. Sie zeichnen sich aber dadurch aus, dass man sie häufig nicht ohne Hilfe Eichendorff zuordnen würde. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ oder auch „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad“ – das sind Lieder, die nach wie vor sehr populär sind. Die auch zum Kanon des sogenannten Volksliedes gehören – aber auf einen Dichter zurückzuführen sind und nicht auf den anonymen Volksmund. Die Spuren sind da, sie sind in unseren Lieder- und Grundschulbüchern vorhanden. Aber man wird häufig denken: Ach nein, was braucht es da einen Dichter, das ist doch ein Volkslied.

Welche Stellung hatte Eichendorff innerhalb der Romantik?

Die deutsche Romantik ist eine große zeiten- und gedankenumspannende Konstellation und nicht so einheitlich, wie man oft denkt. Innerhalb dieser relativ vielfältigen, mehrschichtigen Richtung bildet Eichendorff so etwas wie einen merkwürdig ruhenden Pol. Auch Spezialisten können nur sehr beschränkt Entwicklungslinien in seinem Werk aufzeigen. Eichendorff ist innerhalb der Romantik der Dichter, der sich ganz klar dafür interessiert, formale Elemente des Volksliedes in seine Kunstpoesie zu übernehmen. Das ist etwas, was Eichendorff auszeichnet, das hat man ihm auch attestiert – man fand ihn schön. Der zweite Punkt, in dem Eichendorff wirklich den Nerv der Romantik getroffen hat, ist die mediale Überschreitung zwischen Musikalität und Literalität.

Welche Bedeutung hat Eichendorff heute noch in der Literatur?

Man kann durchaus feststellen, dass das Interesse für Eichendorffs Dichtung vorhanden ist. Das zeigt sich nicht zuletzt, weil er Themen zu bearbeiten scheint, die auch heute noch interessieren. Was kann ein Dichter über sein sprachliches Verhältnis zu Gott sagen? Oder über die Einheit des Menschen und der Natur, die verloren ist, die aber der Dichter noch beschwören kann? Mir scheint, das interessiert heute noch. Insofern ist Eichendorff vorhanden. Der andere Punkt ist, dass ihn ganz bestimmte unverwechselbare stilistische Merkmale kennzeichnen. Diese haben durchaus so markante Dichter und Denker wie Nietzsche oder Rilke stark beeinflusst. Das tun sie bis heute weiter.

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, wenn er Sie fragen würde: Warum soll ich Eichendorff überhaupt lesen, was kann er mir zeigen?

Ich würde ihm sagen: Die Sprache, in der wir uns unterhalten, und die Sprache, in der Eichendorff schreibt, ist keine grundsätzlich andere. Es gelten dieselben Regeln. Wenn ich etwas erfahren möchte, über Möglichkeiten und Grenzen meines eigenen Sprechens, dann kann mir Eichendorff – namentlich in seiner Lyrik – dazu sehr, sehr viel sagen. Eichendorff hat experimentell Möglichkeiten durchgecheckt, mit minimaler sprachlicher Variation maximale Bedeutungsvariation zu erzielen.

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