Rembrandt

Frankfurter Städel Museum präsentiert die Schau „Nennt mich Rembrandt!“

Anfangs konnte Rembrandt die Preise bestimmen, später war er kein Trendsetter mehr. Das Frankfurter Städel Museum präsentiert die attraktive Schau „Nennt mich Rembrandt!“
Gruppenbildnis der Regentessen und Aufseherinnen des Amsterdamer Spinhuis, Rembrandt 1638.
Foto: Veit-Mario Thiede | Die Damen fühlen sich bei der finanziellen Abrechnung mit Kassenbuch und Münzschale gestört: Gruppenbildnis der Regentessen und Aufseherinnen des Amsterdamer Spinhuis (Frauenzuchthaus), festgehalten von Rembrandt 1638.

In Amsterdam stieg der 1631 aus Leiden zugewanderte Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606–1669) trotz erheblicher Konkurrenz schnell zum Marktführer der Porträt- und Historienmalerei auf. Seinen Durchbruch und Erfolgsweg in der Welthandelsmetropole verfolgt eine attraktive Schau im Frankfurter Städel Museum. Auch seine Schüler und Konkurrenten werden mit äußerst ansehnlichen Werken vorgestellt. Die Schau wartet mit insgesamt 140 Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken auf.

Den Durchbruch auf dem heiß umkämpften Amsterdamer Kunstmarkt verdankte Rembrandt seiner Porträtkunst, mit der er nicht zuletzt auch sich selbst und seine Ehefrau Saskia ins rechte Licht setzte. Auf dem aus Washingtons National Gallery of Art angereisten Gemälde „Saskia van Uylenburgh“ (um 1634/35–1638/40) scheint sich uns die junge Dame mit freundlichem Blick zuzuwenden. Ihre rechte Gesichtshälfte lässt Rembrandt hell beleuchtet aus der Dunkelheit hervortreten. Mit großer feinmalerischer Akribie hat er den über Saskias Haar gelegten hauchdünnen Schleier, ihren mit Goldfäden durchwirkten weißen Kragen und die goldenen Glieder ihrer Ketten gemalt. Der Wechsel von eher summarisch dargestellten und sorgfältig gemalten Partien im starken Lichtkontrast kennzeichnet auch sein aus Madrids Museo Nacional Thyssen-Bornemisza eingeflogenes „Selbstbildnis mit Hut und zwei Ketten“ (um 1642/43) – und viele weitere Gemälde.

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Die Porträtkunst brachte den Durchbruch

Rembrandt porträtierte die zahlungskräftige Oberschicht. Aber selbst der waren dessen Preisvorstellungen gelegentlich zu happig. So brachte zum Beispiel erst das Urteil eines Schiedsgerichts Andries de Graeff dazu, für sein 1639 gemaltes Porträt die von Rembrandt geforderten 500 Gulden zu bezahlen. Besagtes „Bildnis eines stehenden Mannes (Andries de Graeff)“, Leihgabe der Kasseler Gemäldegalerie Alte Meister, hängt in der Ausstellung nun neben dem von Nicolaes Eliasz. Pickenoy ebenfalls lebensgroß und ganzfigurig gemalten „Bildnis eines stehenden Mannes“ (1628), Leihgabe der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Etwas steif, aber würdevoll steht der von Pickenoy porträtierte wohlhabende Herr auf dem Fliesenboden eines Innenraums und schaut unverwandt zu uns herüber. Geradezu lässig wirkt dagegen der von Rembrandt ins Bild gesetzte Andries de Graeff. Den linken Fuß zierlich vorgeschoben, ist er vor sein Haus getreten. Rembrandt macht daraus eine kleine Bildgeschichte: Die Tür steht offen – will uns der Hausherr etwa hineinbitten?

Zu diesen beiden Herren gesellen sich zahlreiche andere Porträtierte. Von Rembrandt stammt die aus Den Haags Mauritshuis ausgeliehene „Tronie (Charakterstudie) eines Mannes mit Federbarett“ (1635–1640). Rembrandts sorgfältig herausgeputzter Schüler Ferdinand Bol schiebt auf seinem „Selbstbildnis“ (1647, Springfield, Museum of Fine Arts) anmutig mit der Linken einen Vorhang zur Seite, um sich uns zu präsentieren. Spektakulärer Blickfang ist das von Rembrandts Konkurrent Dirck van Santvoort gemalte „Gruppenbildnis der Regentessen und Aufseherinnen des Amsterdamer Frauenzuchthauses“ (1638).

„Ein vielfach variiertes Markenzeichen Rembrandts und seiner Mitarbeiter war dabei die Darstellung
schwebender Engel, wie zum Beispiel das aus seiner Werkstatt hervorgegangene Gemälde
‚Der Engel verlässt Tobias und seine Familie‘“

Das aus dem Amsterdam Museum angereiste Großformat zeigt einen recht dunklen Innenraum mit vier schwarz gekleideten Frauen. Strahlend weiße Hauben und Mühlsteinkragen fassen ihre sorgfältig porträtierten Gesichter ein. Die beiden Regentessen sitzen an einem Tisch, wobei die linke argwöhnisch, die rechte aber freundlich zu uns blickt. Die hinter dem Tisch stehende Aufseherin schaut uns ernst an, während die am rechten Bildrand stehende damit beschäftigt ist, Münzen in ihre Hand zu zählen. Damit ist auch klar, warum uns die drei anderen Damen anzusehen scheinen: Wir haben sie bei der Abrechnung gestört, für die auf dem Tisch ein offenes Buch und eine rote Schale voller Münzen vorbereitet sind.

Anhand von Grafiken sowie einem Landschaftsgemälde und dem Ölbild „Stillleben mit Pfauen“ (um 1639, Amsterdam, Rijksmuseum) belegt die Ausstellung die thematische Vielseitigkeit Rembrandts. Aber neben den Porträts war die Historienmalerei seine Paradedisziplin. An ihr rühmten die Zeitgenossen Rembrandts Erfindungsreichtum und die Fähigkeit, Altbekanntes im neuen Gewand zu präsentieren. Ein vielfach variiertes Markenzeichen Rembrandts und seiner Mitarbeiter war dabei die Darstellung schwebender Engel, wie zum Beispiel das aus seiner Werkstatt hervorgegangene Gemälde „Der Engel verlässt Tobias und seine Familie“ (um 1637–1640, Privatsammlung) veranschaulicht.

Der Meister signierte mit dem Vornamen

Erzengel Raphael begleitete in menschlicher Gestalt den Hundehalter Tobias auf seiner Reise, von der er mit einer Ehefrau und Fischgalle zur Heilung der Blindheit seines Vaters Tobit heimkehrte. Das hochformatige Gemälde zeigt den von Hundegebell begleiteten Moment, in dem sich der Erzengel dem alten Tobit und seiner Ehefrau, ihrem Sohn Tobias und Schwiegertochter Sara zu erkennen gibt und entschwebt. Sie sind von Staunen und Ehrfurcht übermannt.

Nebenan hängt nun Jan Victors aus dem J. Paul Getty Museum von Los Angeles angereistes Gemälde „Der Engel verlässt Tobias und seine Familie“ (1649). Victors war kein Schüler Rembrandts, aber wie viele andere Künstler auch entlehnte er Motive und Ideen aus dessen Bildern, wie dieses querformatige Gemälde veranschaulicht. Seit Mitte der 1650er-Jahre aber geriet Rembrandts kontrastreicher Malstil aus der Mode. Er blieb zwar nach wie vor ein Neuerer, war nun jedoch kein Trendsetter mehr.

Bedacht, seine Signatur groß erkennbar zu setzen

Großer Beliebtheit erfreuten sich beim Amsterdamer Publikum die Darstellungen der Helden des Alten Testaments. Ein absolutes Meisterwerk dieser Gattung besitzt das Städel Museum: „Die Blendung Simsons“ (1636). Rembrandt versetzt uns in ein Zelt, aus dem eine Frau mit Schere in der Rechten und einem abgeschnittenen Haarschopf in der erhobenen Linken enteilt. Und auch hier gilt das für Rembrandt charakteristische Gestaltungsprinzip „Licht aus, Spot an!“ Das Licht fällt auf einen Mann, der sich vor Schmerzen bis in die erhobenen Zehenspitzen krümmt. Denn einer der fünf Männer, die ihn überfallen, sticht ihm die Augen aus. Mit einzigartig blutspritzender Drastik schildert Rembrandt die Geschichte des Richters Simson, dem Gott übermenschliche Stärke verliehen hat. Die hielt so lange an, wie Simsons Haar ungeschnitten blieb. Dieses Geheimnis entlockte ihm seine Geliebte Delila und lieferte den Schlafenden nach dem Haarschnitt seinen Feinden aus: den sie für ihren Verrat gut bezahlenden Philistern.

Und was hat es mit dem Ausstellungstitel „Nennt mich Rembrandt“ auf sich? Der bezieht sich darauf, dass der Meister, bald nachdem er sich in Amsterdam niedergelassen hatte, nur noch mit seinem Vornamen signierte. Dabei nahm er sich ein Beispiel an berühmten italienischen Künstlern wie Tizian, Michelangelo und Raffael. Groß, aber in brauner Unauffälligkeit hat er sein „Rembrandt“ unter den geblendeten Simson ins Gemälde gesetzt. Weitaus effektvoller kommt seine Signatur in dem geheimnisvollsten Gemälde der Schau zum Einsatz. Das aus Madrids Museo Nacional del Prado angereiste Meisterwerk von 1634 trägt den Titel „Judith beim Bankett des Holofernes (?)“. Das Fragezeichen verrät, dass es sich bei diesem Titel nur um eine Vermutung handelt. In der linken Bildzone ist in der Dunkelheit ein Kopf angedeutet. Soll das der Feldherr Holofernes sein, dem Judith den Kopf abschneiden wird, um ihre Heimatstadt zu retten? Hell beleuchtet reißt Rembrandt die prachtvoll gekleidete Blondine aus der Bilddunkelheit. Sie sitzt neben einem Tisch. Auf dem hat sie mit der Linken einen grauen Gegenstand aufgerichtet. In goldenen Buchstaben funkelt auf ihm Rembrandts Signatur. Man könnte meinen, er habe das Bild nur gemalt, um seine Signatur so eindrucksvoll in Szene zu setzen.


Bis 30.1.2022 im Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main.
Di. bis So und Feiertage 10–18 Uhr, Do. 10–21 Uhr.
Informationen: 069-6 05 09 82 00, Internet: www.staedelmuseum.de.
Eintritt 16,– Euro, Sa., So., Feiertage 18,– Euro.
Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet im Museum 39,90 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro

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