Endlich die Missverständnisse beseitigen

„Die ganze Wahrheit...“ über die jüdische Kultur zeigt das Jüdische Museum in Berlin. Von Rocco Thiede
Foto: Thiede | Täglich sitzt ein Jude in einer Glasvitrine der Ausstellung und gibt Auskunft über seine Kultur, hier bei einer Pressekonferenz des Jüdischen Museums.
Foto: Thiede | Täglich sitzt ein Jude in einer Glasvitrine der Ausstellung und gibt Auskunft über seine Kultur, hier bei einer Pressekonferenz des Jüdischen Museums.

Dreißig Fragen, die groß und sichtbar auf magentafarbene, windschiefe Kuben geschrieben wurden, führen die Besucher durch 180 Objekte aus Religion, Alltagswelt und zeitgenössischer Kunst des Judentums. Mit diesem Prinzip will die Ausstellung „Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ im Jüdischen Museum in Berlin auf die Besonderheiten des jüdischen Lebens aufmerksam machen. Es ist eine moderne Auseinandersetzung „mit Gerüchten und Missverständnissen über verschiedene Aspekte des Judentums, vor denen weder Juden noch Nichtjuden gefeit sind“, bemerkt dazu Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums.

„Kann man Jude und zugleich Christ sein?“

Die Frage selbst sieht Blumenthal als rhetorisches Mittel, das „tief in der jüdischen Tradition verankert“ ist, „von den vier Fragen an Pessach bis zu den Lehren der Thora“. Interessant ist sicher auch, dass diese Sonderschau ausgerechnet eine Woche vor Pessach beginnt. „Das ist kein Zufall“, erklärt Cilly Kugelmann, die Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, „wir eröffnen alle unsere Frühjahrsausstellungen in der Regel eine Woche vor Ostern, weil dann auch viele Touristen in der Hauptstadt sind.“ Die Schau gibt mit ihren Installationen, Fotos, Videos, Hördokumenten, Texten und Objekten mehr als einen Einblick in jüdisches Denken. Tangiert werden auch innerjüdische Identitätsdebatten, das Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt oder ganz aktuell die Beschneidungsdiskussion in Deutschland. Mit Fragen wie „Darf ein Deutscher Israel kritisieren?“, treffen die Ausstellungsmacher sicher auch einen Nerv permanenter politischer Auseinandersetzungen.

Eine auf den ersten Blick skurrile Besonderheit gehört ebenso zum Konzept der Sonderschau. Zu ausgewählten Zeiten nimmt in einer Vitrine ein jüdischer Gast Platz und bezieht zur Frage Stellung: „Gibt es noch Juden in Deutschland?“ Zum Pressetermin war die Vitrine mit dem Journalisten Leeor Engländer besetzt, der Funk und Fernsehen Rede und Antwort stand.

Viele Ausstellungsstücke wurden extra für diese Exposition erworben, wie das „Goldene Kalb“, eine Deko der Berliner Meschugge Partys oder ein hoch hängendes Kruzifix – Holz, bronziert, Kunststein und „Made in China“ von 2012, dass eine Brücke zu den „jüdischen Katholiken“ schlägt. Zu diesem Thema hat Professor Christoph Schmidt von der Hebrew University of Jerusalem einen lesenswerten Beitrag unter dem Titel „Kann man Jude und zugleich Christ sein?“ in dem die Ausstellung begleitenden Journal verfasst.

Zur Ausstellungseröffnung kam als Special Guest der aus Erftstadt bei Köln stammende Kochstar Thomas Franz, der zum Judentum konvertierte und seit 2004 in Tel Aviv lebt. Er konnte natürlich die Fragen nach koscherem Essen besonders gut beantworten, weil er bereits mehrere populäre Kochwettbewerbe in Israel gewonnen hat. Ihm oblag es insbesondere, die Fragen nach den deutsch-israelischen Beziehungen aus seiner ganz persönlichen Sicht zu beantworten.

Ein Kollege vom Hörfunk meinte nach der Pressekonferenz mit einem Augenzwinkern: „Eigentlich wünschte ich mir eine derartige, didaktisch gut aufgearbeitete Ausstellung auch einmal über das Christentum.“

Die Ausstellung findet im Jüdischen Museum Berlin statt, Altbau 1. OG, Lindenstr. 9-14, 10969 Berlin-Kreuzberg und ist bis 1. September geöffnet. Öffnungszeiten: Mo. 10–22 Uhr, Di.-So. 10–20 Uhr.

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