Empört Euch gefälligst!

Empörung in Deutschland oder Frankreich ist schick derzeit. Allerdings wird sich auf global betrachtet höchstem Niveau – was die Lebensverhältnisse betrifft – empört. Die Empörung kann ihre Berechtigung haben, aber sie wird zur Maskerade, wenn sie einzig der Regulation des persönlichen und öffentlichen Gefühlshaushaltes dient. Von Richard Wagner
Foto: dpa | Proteste gegen das Projekt Stuttgart 21 eskalieren: Die Empörung gegenüber dem Handeln des Staates ergreift auch den Mittelstand in Deutschland.
Foto: dpa | Proteste gegen das Projekt Stuttgart 21 eskalieren: Die Empörung gegenüber dem Handeln des Staates ergreift auch den Mittelstand in Deutschland.

„Ludert Miley Cyrus ihren Ruf kaputt?“ So jedenfalls hieß es vor kurzem in einer deutschen Zeitung. Die Empörung über das Nachmittags-Serien und Teenie-Sänger-Idol war in den Vereinigten Staaten groß. Eine weitere Station auf dem Weg zur öffentlichen Präsentation der Gefühle, zur Schamlosigkeit? Amerikas „Lena“ hatte auf der Konzertbühne in der Tat zwar wenig an, aber immer noch etwas mehr als die Damen der Autowerbung.

Ein vergleichsweise überschaubares Problem, könnte man meinen. Denn die Trennung von „privat“ und „öffentlich“ gibt es längst nicht mehr, diffundiert ineinander und dass es so ist, lässt sich gewiss nicht allein daran erkennen, dass die Unterwäsche nicht mehr drunter, sondern mit Vorliebe drüber getragen wird.

Während wir wieder einmal alles für möglich halten, und kaum etwas davon für wahrhaftig, werden die Klagen über das Reale und das Tatsächliche immer häufiger. Da wir im Zeitalter des Individualismus leben, in dessen Archiven es zuweilen wortgewaltig um die Menschenrechte geht, staunen wir zunehmend über das Naheliegende und den Nächsten. Wir halten unsere Gesellschaft mehrheitlich nicht für verkommen, aber doch für weitgehend gescheitert. Dabei waren die Lebensbedingungen in Europa nie so vorteilhaft, so kommode. Gleichzeitig erscheint die Perspektive brüchig wie eh und je. Das kommt bekanntlich daher, dass das Bild der Erlösung durch die Idee der Lösungen ersetzt wurde, ohne dass uns etwas Besonderes dazu einfiele.

In der Verschaltung des persönlichen Erlebnis mit dem Ganzen toben sich die Gefühle aus. Von ihnen muss ständig die Rede sein, sonst fielen sie nicht ins Gewicht. Alles wird im Grunde von Gefühlen dominiert. Alles dreht sich um das Selbst, verschafft sich Platz und will dabei aber gleichzeitig irgendwie doch nicht erkannt werden, sich nicht preisgeben – obwohl man sein Herz bereits im Fernsehen ausgeschüttet hat. Was bleibt einem dann unter solchen irritierend paradoxen, verqueren Voraussetzungen anderes übrig, als sich nicht über sich selbst, sondern über den Stand der Dinge zu empören? Kurzum, das Schicksal nimmt seinen Lauf. Das aber freut vor allem die von uns gerne bezichtigten Medien, die das alles der Öffentlichkeit zutragen.

Ohne sie ist man ein vergessener Idiot. Dass die Empörung ihre Vorteile haben kann, liegt auf der Hand. Kulturwissenschaftlich ins Visier genommen, erweist sie sich als eine interdisziplinäre, eine alarmierende Schimpfrede, die einen nicht nur ins Recht setzt, sondern auch der Pflicht enthebt, einen womöglich aussichtslosen Kampf zu führen. Empörung ist ein Ritual, gegen das sich kaum einer stemmt. Es ist das Ritual der Guten. Das sind jene, die wissen, was sie tun, es aber so anstellen, als wüssten sie nicht, dass wir es auch wissen. Das Wichtigste an der Sache ist, dass die Empörung einem ein gutes Gefühl gibt, man kommt sich endlich wieder authentisch vor, obwohl die Barrikade, auf die man zu stehen kommt, eher eine virtuelle ist.

Wir leben mit dem Gedanken, dass wir es ihnen doch noch zeigen werden. Gemeint ist die politische Klasse, gemeint sind aber auch zunehmend die Institutionen unserer Demokratie. Wie sollte man anders den virulenten Protest in Stuttgart wegen eines abzureißenden hässlichen Bahnhofsgebäudes erklären, dessen altmodische Konstruktion auch noch die Modernisierung der Strecke nach Paris beeinträchtigen würde. Wir erinnern uns: Der Fortschritt war auch einmal ein Ritual, und wurde als solches genau von den Leuten, die jetzt ihren Bahnhof wie ein Kulturerbe verteidigen, mitgetragen.

Ähnlich gelagert ist der Kasus des Flughafens Berlin-Brandenburg International, BBI, in Berlin-Schönefeld. Er wird mittlerweile im Jargon der Demonstranten als „Fluchhafen“ bezeichnet. Wofür kämpft man dort, an welcher Front der Gemütlichkeit ist man engagiert? Ja, richtig, es sind die Flugrouten über die Schrebergärten und sonstigen Grundstücke und Besitztümer der braven Leute aus dem südlichen Berlin, Lichtenrade, und alles andere.

Auf den Transparenten der Demonstranten stehen die üblichen Sprüche. „Die Politik hat uns betrogen“. „Wir wehren uns gegen Fluglärm“. „Nachtruhe statt Nachtflug“. Auf einem der Plakate liest man sogar „BBI 21“, womit Stuttgart und Schönefeld zusammengelegt werden, wohl zwecks Bildung eines größeren Empörungszusammenhangs, aus dem heraus ein Anschlag auf die Autorität vorbereitet werden kann und dessen Gefühlskomponente die Demonstranten ausleben.

Der Bürger macht sich zum Spießer. Dieser demonstriert nicht spontan, er ist vielmehr rundum angemeldet, jedes Detail ist auf Legalität geprüft. Der zivile Ungehorsam ist nicht dem Forderungskatalog zu entnehmen, sondern an der gesellschaftlichen Rolle des Urhebers zu messen. Auf der rituellen Straße des Protestierens ist jetzt überall der Mittelstand zu sehen.

Seine Empörung hat etwas von Geschäftigkeit. Er fühlt sich übergangen. Bis vor kurzem hat er sich noch mit der Soziologie begnügt, mit Habermas und Freunden. Er nimmt plötzlich kollektiv die Mitte ab und gibt sich den Anschein, als wolle er in seiner Freizeit, wenn schon nicht die Revolution, dann wenigstens die Anarchie in Stellung bringen. Er bezeichnet die Lage als verzweifelt, aber ist sie das wirklich? Zelebrieren wir nicht seit geraumer Zeit eine Ausweglosigkeit erster Klasse? Die Grundrechte sind zu Grundansprüchen geworden. Das aber kann fatal sein.

Die Empörung eignet sich ja auch dazu, die Unverhältnismäßigkeit zu kaschieren. So tritt der zivile Ungehorsam in den Dienst des Rituals. Stephane Hessel, ein 93-jähriger französischer Ex-Diplomat, Sohn des legendären Franz Hessel und Mitverfasser der UN-Charta der Menschenrechte von 1948, ruft in einem zum Bestseller avancierten Pamphlet in Paris den Bürgern zu: Indignez-vous! Auf deutsch heißt das „Empört euch“, aber auf französisch, das sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, klingt es vornehmer. Zur Sache: Was waren das für Zeiten, als ein Schriftsteller sich noch zum „J'accuse“ aufraffte. Ich klage an. Zola. Jetzt heißt es nur noch: Empört euch gefälligst. Hessel war in der Resistance, dem französischen Widerstand gegen die Hitler-Besatzung und in Buchenwald. Er dürfte wissen, wovon er redet. Sollte er tatsächlich der Auffassung sein, dass die Erlebnisgesellschaft eine Art virtuelles Vichy-Regime ist, gegen das er zum Widerstand aufruft, weil angeblich das soziale Denken in Gefahr sei? Seine Vorwürfe bilden die Parolen ab, mit denen man den alten Sport der Intellektuellen zum Thema Kapitalismus wieder aufs Tapet bringt. Der von diesen praktizierte Nachweis der Unzulänglichkeiten der Kapitalwirtschaft hat noch nie zu einer Behebung der angezeigten Mängel geführt und schon gar nicht zur Überwindung der marktgerechten Gesamtaufstellung.

Angesichts der allgemeinen Lethargie aber ist es vielleicht nicht nur unumgänglich, sondern auch in gewissem Maße verständlich und in mancher Hinsicht sogar begrüßenswert, dass die Leute sich wieder empören. Empörung allein bringt uns jedoch nicht weiter. Ihre schlichte Botschaft beinhaltet letzten Endes die Vermessung von Schilda, und auch dessen Vermessenheit. Empörung ist leicht zu haben, man richtet aber auch wenig damit aus. Es sei denn, man hat als bescheidenes Ziel das Bedürfnis, sich ein gutes Gefühl zu geben. Eines aber sollte man bedenken: Egal, was man anstrebt, der Sachverhalt lässt sich nicht überspringen.

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