Emotionen beherrschten die Wahlnacht

Voreilig haben Medien die SPD in Hessen gefeiert – Als die CDU aufholte, war es für kompetente Analysen schon zu spät

Blitzlichtgewitter. Mikrofone zusammengebunden wie ein bunter Blumenstrauß, die auf einem Menschenmeer zu wogen scheinen. Fernsehkameras mit gleißenden Lichtaufsätzen, die kämpfen, in dieser Leibermasse freie Sicht zu behalten.

Männer und Frauen mit Stöpseln in den Ohren, die reden, reden, reden – nur den guten alten Notizblock, auf den Journalisten ihre Beobachtungen schreiben, den hat der Betrachter auf den Bildern von den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen am vergangenen Sonntag nicht gesehen. Sinnbild für die Wahlkampfberichterstattung an diesem Tag: Schnelligkeit ist alles, das zuerst eingefangene Wort, und sei es noch so floskelhaft und bedeutungslos, ist alles. Der Nachrichtenwert in den entscheidenden Stunden nach 18 Uhr an diesem Tag bemisst sich nur noch – ja, an was bemisst er sich?

Zunächst, zuerst und zuletzt an Emotionen. ARD und ZDF verkünden in der ersten Prognose nach 18 Uhr, dass die SPD in Hessen knapp vor der CDU liegt. Und schon schwenkt die Kamera zu den Genossen in Wiesbaden, fängt frenetischen Beifall ein, in Höhe gereckte Hände, das Stakkatoklatschen der Anhänger Andrea Ypsilantis, und fängt freudetrunkene Juso-Stimmen auf, die ins Mikrophon plärren: „Koch ist weg. Alles andere ist egal.“ Ypsilanti tritt kurz vor 19 Uhr als erste der beiden Spitzenkandidaten vor die Kameras, ruft erst einmal mit harscher Geste die Journalisten zur Räson, dass sie aus dem Weg gehen sollten, damit die Südhessin direkten Sichtkontakt zu ihren SPD-Mitstreitern habe und erklärt sich unter „Andrea, Andrea“-Rufen zur Siegerin.

Dieses emotionale Bild beherrscht dann im Anschluss große Teile der weiteren Berichterstattung, verselbstständigt sich, setzt sich als „Sieg der SPD“ im Kopf fest, und dampft den komplexen und prekären politischen Inhalt der Hessen-Wahl, wie er sich zwischen 18 und 19 Uhr darstellt, auf die Frage ein: Wie bekommt Andrea Ypsilanti eine Regierung zusammen? Warum ist Roland Koch gescheitert? Sicher beschäftigen diese Fragen um diese Zeit nicht nur die Journalisten, sondern auch den Zuschauer am Fernsehen, der von den Bildern mitgerissen wird. Nur – um diese Zeit, und auch zwischen 19 und 22 Uhr, ist es eben noch nicht tatsächlich klar, ob die SPD vom Wähler überhaupt den Auftrag bekommen hat, eine Regierung zu bilden, ob Ypsilanti die neue Ministerpräsidentin ist. Egal: ARD und ZDF vor allem, weniger die Nachrichtensender n-tv oder N24, noch weniger die Berichterstattung im Radio, haben ihre Analyse- und Meinungsmaschine angeworfen. Wohl wissend, dass sie keine tragfähigen Antworten zu dieser Zeit bekommen können, bemessen jetzt die Fernsehjournalisten, nachdem die Emotionalität ein wenig in den Hintergrund getreten ist, den Nachrichtenwert ihrer weiteren Berichterstattung an dem Kriterium Prominenz: Was sagen Ursula von der Leyen (CDU) oder der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil oder gar Christian Wulff, der CDU-Wahlsieger von Niedersachsen, zu möglichen Koalitionen in Hessen? Natürlich nichts, aber das kümmert die Fragesteller wenig – und auch die Experten in den Studios von ARD und ZDF, Politikwissenschaftler und Demoskopen, dringen mit ihren Mahnungen zur Geduld bei der Interpretation, weil das Ergebnis der Wahl noch nicht feststeht, nicht mehr durch.

Selbst die Souveränsten ihres Faches erliegen jetzt dem Strudel an Emotionalität und Prominenz, den die Regie des Fernsehens in Szene gesetzt hat und den es nicht mehr stoppen kann. Beispiel: Auch der hochgelobte Claus Kleber vom ZDF-„heute-journal“ verliert das journalistische Gleichgewicht. Er interviewt zu einer Zeit, zu der das vorläufige amtliche Endergebnis immer noch nicht feststeht, und auch die Frage nicht geklärt ist, ob die SPD stärkste Partei in Hessen wird, den hessischen FDP-Spitzenkandidaten Jörg-Uwe Hahn zu einer möglichen Koalition mit der SPD. Doch Hahn lässt sich von der Rhetorik und der intensiven Gesprächsführung Klebers nicht beeindrucken, beharrt auf den inhaltlichen Gegensätzen zur SPD: „Die FDP wird nicht das Stützrad von Rot-Grün sein.“ Und so entfährt es Kleber in Richtung Hahn mit sichtlich genervtem Unterton und Mimik: „Dann wollen Sie also die SPD in eine Koalition mit der Linkspartei treiben.“ Claus Kleber hat hier unversehens in der Hektik des Abends, der von den ersten Bildern des Jubels der SPD in Hessen bestimmt ist, die Rolle des politischen Akteurs übernommen und die des Journalisten verlassen – was im Gegensatz zu Kleber an diesem Abend Tom Buhrow in der ARD nicht passiert ist.

Schließlich kurz vor 23 Uhr: Das vorläufige amtliche Endergebnis in Hessen steht endlich fest, die CDU ist auf den letzten Metern noch an der SPD vorbeigezogen, um 0,1 Prozentpunkte. Was an dem Absturz Kochs und der CDU nichts ändert, aber zur Folge hat, dass Andrea Ypsilanti eben längst noch nicht Ministerpräsidentin von Hessen, und die Koalitionsfrage äußerst kompliziert geworden ist. Doch da waren die Berichterstatter schon zu erschöpft, um dies zu registrieren und jetzt die richtigen Fragen zu stellen. Ein Lehrstück.

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