Embryonen auf einer Reise ohne Wiederkehr

Der Freistaat Sachsen fördert die Laborzeugung von Kindern demnächst mit bis zu 3 600 Euro aus Steuermitteln

Asterix und Obelix sind weit herumgekommen. Zumindest nach Maßstäben, bei denen weder Autos noch Flugzeuge eine Rolle spielen. Selbst in Ägypten und in Amerika waren die weltbekannten Geschöpfe des französischen Zeichners Albert Uderzo schon. Briten und Belgier suchten die so sympathischen wie schlagkräftigen Gallier ebenso heim wie Spanier und Schweizer. Nur nach Sachsen kamen die beiden Raufbolde bislang nie. Und doch ahnt man sofort, was der sein Herz auf der Zunge tragende Obelix uns wohl über das Völkchen mitzuteilen hätte, wenn er in diesen Tagen dort zu tun hätte: „Die spinnen, die Sach....“ Und – „beim Teutates!“ –, er hätte recht.

„Der Freistaat Sachsen ist damit das erste

und einzige Bundesland, das Behandlungen zur assistierten

Reproduktion finanziell

unterstützt“

Denn ab dem kommenden Monat betreibt der Freistaat Sachsen eine Wirtschaftsförderung der besonderen Art. Gesetzlich krankenversicherte Paare, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen wollen, können dort ab dem 1. März mit staatlichen Zuschüssen rechnen. Bis zu jeweils 900 Euro der als „Eigenanteil“ zu zahlenden Kosten will der Freistaat verheirateten Paaren für den zweiten und dritten Versuch dann aus Steuermitteln erstatten. Sofern ein vierter Versuch erwogen wird, zahlt der Freistaat dann auch gern das Doppelte. Macht in Summe maximal 3 600 Euro, mit denen die Landesregierung Paare, die mittels künstlicher Befruchtung zum Kind kommen wollen, künftig bezuschussen wird.

Voraussetzung ist, dass „die Maßnahmen der assistierten Befruchtung in einer im Freistaat Sachsen befindlichen Einrichtung durchgeführt werden“ und die verheirateten Paare „seit mindestens einem Jahr“ ihren „Hauptwohnsitz im Freistaat Sachsen“ haben. Auch dürfen die Frauen nicht älter als 40 Jahre und die Männer nicht älter 50 Jahre alt sein.

„Der Freistaat Sachsen ist damit das erste und einzige Bundesland, das Behandlungen zur assistierten Reproduktion finanziell unterstützt“, lässt sich die sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß (CDU), auf einem von ihrer Behörde vertriebenen Werbe-Flyer zitieren, den gleich auch die Kontaktdaten von fünf Einrichtungen zieren, die in Dresden und Leipzig ihre Brötchen mit sogenannten Kinderwunschbehandlungen verdienen.

Dabei dürfte der Hauptgrund für diese außergewöhnliche, als familienpolitische Leistung getarnte regionale Wirtschaftsförderung der immense Umsatz-Einbruch sein, den die Babymacher seit dem Jahr 2004 in Deutschland zu verzeichnen haben.

Im Jahr 2003 waren 16 961 Kinder nach künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen, im darauffolgenden Jahr waren es nur noch knapp 10 000. Seitdem seien die künstlichen Befruchtungen um 43 Prozent zurückgegangen, wie es bei Deutschen In-Vitro-Fertilisations-Register in Bad Segeberg heißt. Der Grund: Das Gesundheitsmoderisierungsgesetz (GMG). Danach müssen gesetzlich versicherte Paare, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, die Hälfte der anfallenden Kosten selbst übernehmen. Und die können beträchtlich sein. Durchschnittlich rund 3 200 pro Versuch kostet es, ein Kind im Labor durch einen Reproduktionsmediziner erzeugen zu lassen. Und nur selten klappt das beim ersten Versuch. Zudem zahlen die Kassen nur noch für drei – statt wie bis dahin für vier – Versuche. Kein Wunder. Bei der Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI), die als die „erfolgreichste“ unter den Methoden gilt, derer sich die Reproduktionemediziner bedienen, um Eltern zu einem Kind zu verhelfen, beträgt die so genannte „baby-take-home“-Rate laut einer 2005 im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlichten Studie gerade einmal 18,4 Prozent.

Angesichts derart bescheidener Erfolge hatte sich Gesetzgeber damals gegen die Fortsetzung der üppigen Subventionierung versicherungsfremder Leistungen gewehrt, und das GMG genutzt, um die bis dahin gültige Praxis zu reformieren.

Ethische Überlegungen, wie etwa die Tatsache, dass sich im Vorfeld künstlicher Befruchtungen die Frau einer belastenden Hormonbehandlung unterziehen muss, oder dass im Zuge solcher „Behandlungen“ statistisch betrachtet neun von zehn künstlich erzeugten Embryonen auf eine Reise ohne Wiederkehr geschickt werden, spielten dabei damals genauso wenig eine Rolle wie jetzt.

„Der Vorstoß im Osten könnte Schule machen. CDU-geführte Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen sollen bereits prüfen, ob sie dem Beispiel Sachsens folgen“

Damit nicht genug: Nun hat sich auch noch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf das Thema gestürzt. Am Montag lobte die Ministerin vor Journalisten in Berlin den vom Freistaat Sachsen eingeschlagenen Weg und nannte, es „durchaus denkbar“, die Eigenbeteiligung bei künstlichen Befruchtungen staatlich zu bezuschussen.

Die Antwort aus dem zuständigen SPD-geführten Gesundheitsministerium kam postwendend. „Es ist weiterhin Haltung des Ministeriums, dass die Einschränkungen aus dem Jahr 2004 richtig waren.“ Schließlich handele es sich bei der Künstlichen Befruchtung um eine „versicherungsfremde Leistung“, wurde eine Ministeriumssprecherin zitiert.

Doch die Familienministerin, von der es heißt, sie traue sich auch die Leitung des Gesundheitsministerium zu, setzte nach: „Die Sehnsucht nach einem eigenen Kind ist viel zu ernst für politisches Zuständigkeitsgerangel“, erklärte von der Leyen gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Schlimmer noch: Der Vorstoß Sachsens könnte Schule machen. CDU-geführte Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen sollen bereits prüfen, ob sie dem Beispiel Sachsens folgen.

Die katholische Kirche lehnt die künstliche Befruchtung seit langem als ethisch nicht akzeptabel ab. Ende vergangenen Jahres bekräftigte sie ihre Haltung in der von der Vatikanischen Glaubenskongregation veröffentlichten Instruktion „Dingnitas personae“.

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