Eingriffe in die Bildungspolitik

Über den Wert von Bertelsmann-„Studien“ und wie die Stiftung auf Schulsysteme Einfluss nimmt. Von Josef Kraus
Foto: dpa | Die Schüler sind die Leidtragenden permanenter Reformen.
Foto: dpa | Die Schüler sind die Leidtragenden permanenter Reformen.

Die bildungspolitische Debatte ist immer weniger orientiert an den Kriterien Rationalität und Ehrlichkeit, sondern immer mehr geprägt von Schreckensszenarien. Damit solche Szenarien ihre Wirkung entfalten können, werden sie als „Studien“ und damit als „Wissenschaft“ verkauft. Diese Art von Handwerk versteht die Bertelsmann Stiftung hervorragend – übrigens auch in den Bereichen Kommunalpolitik, Außenpolitik, Europapolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik oder Gesundheitspolitik.

Die Bertelsmann-Stiftung verfügt zu diesem Zweck über enorme Ressourcen. 1977 gegründet, hält sie mittelbar rund 77 Prozent der Aktien der Bertelsmann SE & Co. KGa. Das erlaubt ihr nicht nur die Beschäftigung von über 300 Mitarbeitern, sondern größte mediale Verbreitung über die in ihrer Hand befindlichen Sender und Printmedien. Weil die Bertelsmann-Familie Mohn rund Dreiviertel der Bertelsmann-Aktien auf die Stiftung übertragen hat, sparte sie obendrein vermutlich gut zwei Milliarden Erbschafts- und Schenkungssteuer. Die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Jahresetat von rund 60 Millionen Euro und mit einem Gesamtvolumen aller ihrer Projekte seit 1977 in der Höhe von rund 800 Millionen Euro arbeitet so gesehen also de facto mit öffentlichem Geld. Besonders wirksam dabei ist, dass zum Bertelsmann-Konzern die Sender RTL und VOX sowie zahlreiche Printprodukte von Gruner und Jahr gehören.

Beispiel 1: Unter dem Titel „Schulformwechsel in Deutschland. Durchlässigkeit und Selektion in den 16 Schulsystemen der Bundesländer innerhalb der Sekundarstufe I“ legte die Bertelsmann-Stiftung Ende Oktober 2012 eine „Studie“ auf, derzufolge es deutschlandweit jährlich 50 000 Bildungsabsteiger und 23 000 Bildungsaufsteiger gebe. Bertelsmann suggerierte damit, dass pro Jahr 50 000 Schüler in eine formal niedrigere Schulform „abgeschult“ würden und nur 23 000 den „Aufstieg“ in eine formal höhere Schulform schafften. Damit aber ignorierte die Bertelsmann-Stiftung wieder einmal, dass exakt das Gegenteil der Fall ist: Laut Statistischem Bundesamt gab es zuletzt in Deutschland (Stand: 2011) neben 324 711 Studierberechtigten aus allgemeinbildenden Schulen über 181 319 Studierberechtigte, die ihre allgemeine beziehungsweise fachgebundene oder ihre Fachhochschulreife über die beruflichen Schulen erwarben. Bezeichnend ist auch, dass Bertelsmann diese „Studie“ von Leuten hat erstellen lassen, die mit der Gemeinschaftsschule dezidiert die Ideologie der Einheitsschule vertreten. Dies gilt insbesondere für die Leiterin der „Studie“, Professorin Gabriele Bellenberg (Universität Bochum). Gar nicht ins Konzept aber dürfte den Bertelsmännern gepasst haben, dass es ausgerechnet in Bayern mit seinem ach so „selektiven“ Schulsystem mehr Bildungsaufsteiger als Bildungsabsteiger gibt.

Beispiel 2: Im März 2012 legte die Bertelsmann-Stiftung zusammen mit dem Institut für Schulentwicklungsforschung IFS der Universität Dortmund den „Chancenspiegel“ vor. Der Untertitel lautete: „Zur Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme“. Allein der Titel ließ erahnen, was die Kernaussage sein sollte: Deutsche Schulen seien ungerecht. Auch hier mangelte es wieder an wissenschaftlicher Seriosität. Zum Beispiel wärmte diese „Studie“ PISA-Daten auf, die längst diskutiert worden waren. Außerdem erfasste auch diese Bertelsmann-„Studie“ bei der Analyse der sozialen Hintergründe der Gymnasiasten nicht, dass sich das deutsche Bildungswesen (siehe Beispiel 1) durch eine ausgesprochen vertikale Durchlässigkeit auszeichnet. Die „Studie“ legte hier nämlich PISA-Statistiken zugrunde. Mit PISA aber wurden Fünfzehnjährige getestet und befragt; deren tatsächliche Bildungsabschlüsse im 20. oder 22. Lebensjahr kamen in der „Studie“ somit nicht zum Tragen.

Beispiel 3: Im Januar 2010 präsentierte Bertelsmann eine „Studie“ mit dem Titel „Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung“. Autor der „Studie“ war im Auftrag der Stiftung Professor em. Klaus Klemm (vormals Universität Duisburg-Essen). Der Grundtenor bestand auch hier in Alarmismus. Selbst wenn die von Bertelsmann errechnete Summe von 1,5 Milliarden Euro an Ausgaben stimmen sollte, ist dies kein Grund zur Panik. Diese Summe bedeutet nämlich nichts anderes, als dass pro Jahr und Schüler im Durchschnitt 100 Euro ausgegeben werden. Man sollte diesen Betrag einmal in Relation setzen zu den Kosten, die junge Leute für ihre Mobiltelefone ausgeben. Vor allem aber sind es sehr unterschiedliche Gründe, die zu Nachhilfe führen: Wenn Nachhilfe in Anspruch genommen wird, weil ein Kind längere Zeit krank war, kann das sinnvoll sein. Wenig sinnvoll ist Nachhilfe, wenn Eltern damit Verantwortung delegieren, statt selbst für effektives eigenverantwortliches Lernen zu sorgen; oder wenn der Ehrgeiz mancher Eltern größer ist als das Leistungsvermögen der Kinder. Daraus, wie Bertelsmann dies tut, ein Versagen des Schulwesens konstruieren zu wollen, ist völlig unangebracht.

Beispiel 4: Im November 2009 gab die Bertelsmann-Stiftung eine „Studie“ mit dem Titel „Was unzureichende Bildung kostet. Eine Berechnung der Folgekosten durch entgangenes Wirtschaftswachstum“ zum besten. Beauftragt mit der Erarbeitung der „Studie“ hatte man den Bildungsökonomen Ludger Wößmann vom ifo-Institut. Die Kernaussage dieser „Studie“ war an Phantasterei nicht zu übertreffen: Wenn alle Schüler an deutschen Schulen einen PISA-Wert von mindestens 420 erreichten, so die „Studie“, brächte das bis zum Jahr 2090 (sic!) Wachstumserträge von 2,8 Billionen Euro (in Zahlen: 2 800 000 000 000 Euro). Diesen Wert von 420 erreichen nämlich in Deutschland rund 20 Prozent der Fünfzehnjährigen nicht. Dem aber nicht genug: Das Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung Jörg Dräger, schob noch hinterher: „Pro Jahr könnten so mehr als 400 Fälle von Mord und Totschlag, mehr als 13 000 Raubüberfälle und mehr als 300 000 Diebstähle vermieden werden.“

Beispiel 5: Im September 2009 gab es eine Bertelsmann-„Studie“ mit dem Titel „Klassenwiederholungen – teuer und unwirksam“. Darin wird beklagt, dass das Sitzenbleiben in der Schule angeblich jedes Jahr 931 Millionen Euro koste. Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hatte dies der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm berechnet. Tatsächlich handelt es sich hier um statistisch keinerlei belastbare Daten. Die „Studie“ ist nämlich eine Art Sammelreferat zu Sitzenbleiber-Studien überwiegend der Schuljahre zwischen 1962 und 1967. Wissenschaftlich ist eine solche Datenbasis wenig brauchbar. Zudem wird die sozialpolitisch und pädagogisch durchaus relevante Frage, ob es denn nicht des Geldes wert sei, Sitzenbleibern ein Jahr zur Konsolidierung zu gönnen, gar nicht erst gestellt.

Die Bertelsmann-Stiftung unterhält zudem das Programm „SEIS“ (Selbstevaluation in Schulen). Es handelt sich hierbei um ein Instrument zur Evaluation der Schulen mittels Fragebögen. Mitgetragen wird SEIS von einem Länderkonsortium, das aus den Ländern Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt besteht. Die Finger dicke im Spiel hatte Bertelsmann auch bei der Rechtschreibreform. Am 1. Juli 1996 war in Wien ein Abkommen der deutschsprachigen Staaten zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung unterzeichnet worden. Während der Duden-Verlag dann noch sechs Wochen brauchte, um dieses Abkommen in der 21. „Duden“-Ausgabe umzusetzen, konnte Bertelsmann exakt zum Termin der Vertragsunterzeichnung sein neues Rechtschreibwörterbuch auf den Markt bringen. Das Vorwort dazu schrieb Klaus Heller, Mitglied der damals für die Reform verantwortlichen Zwischenstaatlichen Kommission. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Die Autoren, denen Bertelsmann Aufträge für „Studien“ zukommen lässt, stehen für ein einheitliches Schulwesen. Seltsam mutet die Doppelbödigkeit der Bertelsmann-Politik an. Hinter der sich bildungsbeflissen gebenden Stiftung steht ein Konzern, der sich als Hauptanteilseigner bestimmter privater Fernsehsender nicht gerade als Förderer von Bildung profiliert hat.

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