Eine unakademische Diskussion

Zeitungsschau: Die spanische Regierung will die Verfassung auf „gendergerechte Sprache“ hin überarbeiten lassen. Von Andrea Schultz

Die seit gut einem Monat amtierende, sozialistische Regierung in Spanien arbeitet weiter am weltanschaulichen Gesellschaftsumbau. Nach den angekündigten Änderungen im Schulbereich (DT vom 18. Juli) kommt die „gendergerechte Sprache“, die mit dem Euphemismus „inklusive“ (Frauen einschließende) Sprache übersetzt wird, an die Reihe. Bereits zu deren Vereidigung setzte die Sánchez-Regierung diesbezüglich ein Zeichen – nicht nur, weil sie erstmals ohne religiöse Symbole stattfand. Außerdem nennt sich die Regierung nicht „Ministerrat“, sondern „Ministerinnen- und Ministerrat“ (Consejo de Ministras y de Ministros). Das weckt Erinnerungen an die „Wortschöpfung“ der ersten Gleichstellungsministerin des Landes in der Regierung von Rodríguez Zapatero: Im Jahre 2008 sprach Bibiana Aído von „miembros y miembras“ – was sich im Spanischen genauso lachhaft anhört wie deren wörtliche Übersetzung ins Deutsche: „Mitglieder und Mitgliederinnen“.

Die neue Gleichstellungsministerin Carmen Calvo möchte aber noch einen weiteren Schritt gehen: Unabhängig von einer eventuellen juristischen Verfassungsreform sei es „notwendig, zunächst einmal über einen Text zu verfügen, der uns Frauen einschließt“. Ihrer Meinung nach sei der Verfassungstext zu einer Zeit (1978) entstanden, in der eine „männliche Gesellschaftssicht dominiert“ habe. „In der männlichen Form sprechen“ schaffe „männliche Bilder“. Deshalb hat die Gleichstellungsministerin die spanische Sprachakademie „Real Academia Espanola“ RAE – deren Entscheidungen wie in Frankreich bindenden Charakter haben – um eine Stellungnahme gebeten. Sie soll „die erforderlichen Veränderungen“ benennen, damit die Verfassung eine „Frauen einschließende“ Sprache aufweise.

Die spanischen Zeitungen haben unterschiedlich auf den Vorstoß reagiert. Die ABC zitiert nicht nur konservative Politiker, die darin ein politisches Manöver sehen: „Pedro Sánchez versucht damit zu kaschieren, dass er über kein politisches Programm verfügt“. Zu Wort kommt ebenfalls die spanisch-uruguayische Schriftstellerin Carmen Posadas. Sie hält diese Diskussion für „einen Nachteil für die Frauen, weil sie die Debatte auf ein absurdes Terrain führt“. „El Mundo“-Redakteurin Isabel García-Zarza nimmt es wiederum von der lustigen Seite: „Die Reden, die etwa mit ,Bürgerinnen und Bürger‘ beginnen, bringen mich zum Gähnen. Damit kommen wir in Sachen Gleichheit nicht voran. Wir verlieren nur Redezeit.“ Sie fühle sich von der männlichen Mehrzahlform „keineswegs diskriminiert. In unserer Sprache ist dies die Form, die beide Geschlechter einschließt.“

Die regierungsaffine „El País“ berichtet scheinbar eher neutral. Sie gibt beispielsweise ein Interview mit dem RAE-Präsidenten Darío Villanueva wieder, in dem er von der „politischen Korrektheit“ als „einer Art perverse Zensur“ spricht. „Wir erarbeiten die Sprache nicht. Wir stellen lediglich die Wirklichkeit fest. Und die Realität lässt sich nicht dadurch ändern, dass Wörter geändert werden.“

Da jedoch die RAE nicht allzu geneigt scheint, auf den Vorschlag der Ministerin einzugehen, stellt die linksliberale Zeitung die Zuständigkeit der Sprachakademie in Frage. Sie lässt zunächst Juana Gallego, Gleichstellungsbeauftragte an der Autonomen Universität Barcelona, zu einem moderaten Wort kommen: „Ich finde es gut, dass die RAE ihre Ansicht äußert. Sie sollte aber nicht als Einzige die Regierung beraten. Es sollten auch die Meinungen von Sprachwissenschaftlerinnen und von Journalistinnen Gehör finden.“ Einige Tage später wird der Ton im Blatt allerdings rauer. Dabei zitiert „El País“ die Sprachwissenschaftlerin Teresa Meana: „Ich habe überhaupt keine Achtung vor der Akademie. Für die englische Sprache gibt es eine solche [Sprachakademie] nicht, und das spielt keine Rolle. Warum sollte ein Club übel gelaunter Männer beibehalten werden, die die Gleichheit nicht respektieren? Ihr Wörterbuch spiegelt nicht die Sprache, sondern die Macht wider.“

In dem Beitrag mit dem Untertitel „Die Feministinnen sehen den Augenblick gekommen, dass das Grundgesetz die Geschlechtergleichheit sichtbar macht und fördert“ lässt „El País“ sozusagen die Katze aus dem Sack. Denn hier wird auf den Wortlaut von Art. 15 der spanischen Verfassung Bezug genommen: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche und moralische Unversehrtheit“. Daran sei, so die Autorin, jahrelang die Diskussion um die Abtreibung ins Stocken geraten. Sie zitiert die „historische Feministin“ Justa Montero mit den Worten: „In die Formulierung ,Jeder‘ passen auch die Föten. Wenn es geheißen hätte ,Jede Person‘ wäre dies vielleicht nicht der Fall gewesen. Dann hätten wir uns die Spitzfindigkeiten sparen können, die von den Abtreibungsgegnern so häufig ins Feld geführt wurden.“

Bei der Diskussion um eine „geschlechtergerechte“ Reform der spanischen Verfassung geht es also mitnichten lediglich um sprachliche oder um akademische Fragen. Die von „El País“ angeführte Debatte um die Abtreibung verdeutlicht, dass vielmehr damit der Feminismus neuen Aufschwung erhalten soll.

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