Eine Stadt im Literaturrausch

Die Leipziger Buchmesse lockt mit populären wie unbekannten Namen und einem gigantischen Leseparcour. Von Max-Peter Heyne
Foto: dpa | So kennt man die Leipziger Messehallen mit dem Buchlogo: Junge Menschen lesen und plaudern. Natürlich über Bücher.
Foto: dpa | So kennt man die Leipziger Messehallen mit dem Buchlogo: Junge Menschen lesen und plaudern. Natürlich über Bücher.

Zusammen mit der Leipziger Buchmesse (14.–17. März) wird auch Europas größtes Lesefestival eröffnet, das im Vergleich zum Vorjahr noch einmal ausgebaut wurde. Mit 2 800 Veranstaltungen und 2 900 Mitwirkenden an 365 Orten blickt „Leipzig liest“ „auf eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen zurück“, wie es offiziell heißt. In der Tat bietet sich den Besuchern jedes Mal ein eindrucksvolles Bild, wenn in Leipzig nahezu an jeder Ecke, in nahezu jedem Café, Geschäft oder Saal eine andächtig dasitzende Schar von Zuhörern einem Stück Sachwissen, Literatur oder Lyrik lauscht. So unterschiedlich die Veranstaltungsorte und Bücher, so auch die Stimmungen, die Erinnerungen an sehr ferne Zeiten aufkommen lassen, in denen sich Menschen, die sonst keinerlei Informationsquelle hatten, in einer Art rituellem Akt um einen Vorleser oder Geschichtenerzähler versammelten.

In diesem Jahr öffnet zum Beispiel die Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank ihre Tore, damit dort die CDU-Politiker Kurt Biedenkopf und Thomas de Maiziere über dessen Buch „Damit der Staat den Menschen dient. Über Macht und regieren“ (Siedler Verlag) diskutieren. Darin legt der Verteidigungsminister seine politischen und persönlichen Grundüberzeugungen dar, von denen er den Glauben an die Auferstehung als ein Beispiel nennt. Zeitgleich will Autorin Elke Worg mit ihrem Buch „Irgendwie kriegen wir das schon hin“ (Droemer Knaur) im Maternus Senioren- und Pflegezentrum anhand von Beispielen Familien Mut machen, die mit einem Pflegefall konfrontiert ist. Zur selben Zeit unternimmt Autor Thomas Bauer mit seinen Zuhörern im Leipziger Berufsförderungswerk eine Reiselesung mit Bildershow, französischer Musik, Baguette, Rotwein und Käse nach Frankreich, dessen 15 Regionen er 4 000 Kilometer durchradelt hat: „Frankreich erfahren – Eine Umrundung per Postrad“ (Drachenmond Verlag). Ebenfalls parallel wollen die Autoren Jan Cornelius und Doina Rusti bei der Lesung aus ihrem Buch „Lizoanca“ (Horlemann Verlag) nicht nur die Themen Kindesmissbrauch und Prostitution behandelt, sondern auch „den destruktiven Umgang der Medien mit diesen“. Und die Ex-Therapeutin und Schriftstellerin Eva Weaver liest im Haus für Jüdische Kultur aus ihrem Roman „Jakobs Mantel“ (Ringier Publishing/Cicero) über das Überleben eines Jungen im Warschauer Ghetto.

Diese wenigen Beispiele von über 230 Lesungen an einem einzigen Abend lassen erahnen, wie breitgefächert das Angebot ist und vor welcher Zerreißprobe das interessierte Publikum steht. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die rund 500 Veranstaltungen, bei denen Neuerscheinungen für Mädchen und Jungen unterschiedlichen Alters zum Teil von den Autoren selbst vorgestellt werden. So wie sich die Messe insgesamt der neuen osteuropäischen Literatur widmet, werden in diesem Jahr unter dem Motto „ViVaVostok“ Kinder- und Jugendliteratur aus Polen, der Ukraine und Weißrussland vorgestellt. Mit welchen Formen der Zensur und Beeinflussung Autoren und Künstler in diesen Ländern und vielleicht auch in Polen zu kämpfen haben, soll zusammen mit Verlegern und Übersetzern auf der Leipziger Buchmesse ausdrücklich diskutiert werden. Zeitgemäß sind die „Literaturtipps für Kids und Teens“, die auch eine Orientierung über das Angebot digital, also auf Mobilgeräten abrufbarer Bücher geben. Insbesondere für die kleinen Verlage eine wirksame Möglichkeit, auf sich und seine Titel aufmerksam zu machen. Eine Lesung in ungewöhnlicher Kulisse ist allemal effektiver als ein kleiner Stand zwischen 2 063 Ausstellern mitten im Messetrubel. „Unsere Aufgabe sehen wir darin, für das Lesen und die Literatur zu begeistern“, betont der Leiter der Buchmesse, Oliver Zille. Entsprechend bietet die Messe neben hoher Literatur auch Lesungen mit hohem Unterhaltungswert und etliche Promis, die ihre Biografien im Gepäck haben. Prominentester von ihnen dürfte ohne Frage Michail Gorbatschow sein, der seine Autobiografie „Alles zu seiner Zeit. Mein Leben“ vorstellt. Das 50. Jubiläum feiert in diesem Jahr die Reihe die „Schönsten Bücher aus aller Welt“ am 15. März um 15.00 Uhr am Stand der Stiftung Buchkunst in der Halle 3. Um die Auszeichnung die „Goldene Letter“ konkurrieren diesmal rund 600 Bücher aus über 30 Ländern. Die 50 bisherigen Preisträger dieses besonderen Wettbewerbs um ästhetische Gestaltung können auf der Messe bewundert werden – das Auge liest schließlich mit, möchte man dazu sagen. Der zunehmende Einfluss digitaler Produktionstechniken, die das Selbstdrucken und -verlegen von Büchern ermöglicht, ist Thema der Veranstaltungsreihe „bücher.macher“, die einen Blick in die Zukunft werfen will.

Es geht um Literatur, aber auch um Verständigung

Während die Entscheidungen der literarischen Fachjury über die mit insgesamt 45 000 Euro dotierten Leipziger Buchpreise erst am Donnerstag verkündet werden, stehen einige Auszeichnungen bereits fest: Den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält der Literaturwissenschaftler an der Universität Bielefeld, Klaus-Michael Bogdal (65), für seine bahnbrechende Studie „Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“, in der Bogdal die sechshundert Jahre alte, allmähliche Verfertigung eines historischen Vorurteils gegen das imaginäre Kollektiv der Zigeuner, das mangels Schrift den Fremddeutungen, Zuschreibungen und Projektionen anderer hilflos ausgeliefert war, historisch auffächert. Unter der Website www.preis-der-leipziger-buchmesse.de kann die Preisverleihung der Leipziger Buchpreise am Donnerstag ab 17 Uhr live von zu Hause aus verfolgt werden.

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