Zadar/Kroatien

Eine Stadt, die am Kreuzungspunkt der Kulturen liegt

Unter den schönen wie geschichtsträchtigen „Perlen an der Adria“ ragt Zadars Donatus-Kirche heraus. In ihrer Bausubstanz finden sich Relikte der Bewegten Geschichte des häufig umkämpften Landstrichs, der oft Spielball politischer Interessen war.
Donatus-Kirche
Foto: Baier | Die Donatus-Kirche in Zadar in Kroatien ist eine wahre Fundgrube für Artefakte aus hunderten Jahren Kulturgeschichte.

Wer aus Vorurteil oder Unbildung Kroatien dem Balkan zurechnet, wird bei jedem Halt an der bei Touristen so beliebten Adriaküste eines Besseren belehrt. Mediterran und mitteleuropäisch präsentiert sich Kroatien nicht nur in Fauna und Flora, sondern vor allem in seiner Kultur, die ihre Epochen mit der italienischen Gegenküste teilt. Sibenik bildet als autochthone Gründung der Kroaten eine Ausnahme; die übrigen mondänen Perlen an der Adria weisen tief unter der kroatischen oder venezianischen bereits eine antike römische Schicht auf. In der Gegend von Zadar kämpften bereits im 4. Jahrhundert vor Christus die Liburner gegen griechische Siedler. Drei Jahrhunderte später wurde hier die illyrische Stadt Idassa zum römischen Municipium Iader. Auf die römische folgte die fränkische, später die oströmische Herrschaft: In Abhängigkeit vom Kaiser am Bosporus wurde die Stadt zum Sitz des byzantinischen Strategen an der Adria und zur Hauptstadt Dalmatiens.

Im 11. Jahrhundert schloss sie sich dem kroatischen Königreich an, verteidigte jedoch ihre Autonomie in beide Richtungen: gegen das übergriffige Venedig wie gegen die kroatisch-ungarischen Könige. Wer heute durch Zadar schlendert, ahnt, warum Venedig immer und immer wieder – zeitweise, aber nie dauerhaft erfolgreich – versuchte, das stolze Zadar zu beherrschen. Und auch, warum die stolzen Dalmatiner ihre Autonomie in Revolten und Aufständen wiedererrangen, so sie (wie 1116, 1202 und 1346) verloren gegangen war.

Verraten und vergessen fühlten sich viele Kroaten damals von Europa;
alleingelassen in ihrem Kampf, zum zivilisierten Europa
– zum mediterranen und mitteleuropäischen Raum –
zu gehören

Bevor die „fränkischen“ (französischen und deutschen) Kreuzfahrer 1204 Konstantinopel eroberten und plünderten, fielen sie 1202 in Zadar ein – um mit dem Diebesgut einen Teil ihrer Schulden in Venedig zu bezahlen. Am Ende machte sich Venedig 1409 nicht mit Gewalt, sondern mit Geld das selbstbewusste Zadar (Zara) untertan: Der ungarisch-kroatische König Ladislaus von Neapel verkaufte die Stadt für 100 000 Dukaten an ihren Konkurrenten auf der adriatischen Gegenküste. Bis 1797 blieb Zadar nun Hauptstadt der venezianischen Provinz Dalmazia e Albania. So geschwächt, gab es niemanden, der dem Wüten der osmanischen Truppen im dalmatinischen Hinterland Einhalt gebot. Der Doge war lediglich an der Hafen- und Handelsstadt Zadar selbst interessiert. Ihre Festung ließ er ausbauen, das Hinterland und seine Bewohner interessierten die venezianischen Kaufleute wenig. Auf die Herrschaft unter dem Markuslöwen folgte eine französische, später die habsburgische, dann ab 1920 die italienische.

Alter Glanz, Erbe der Antike und des Mittelalters – verblüht und verweht? Wir schlendern (kostenlos und unbelästigt) über das antike Forum; das Mittelmeer im Rücken. Vom Meer her, so wissen wir nun, bedrohten hellenische, venezianische, italienische Schiffe die Stadt, vom Hinterland her die Osmanen und zuletzt die serbischen Freischärler. Noch tobte der kroatische Unabhängigkeitskrieg, als ich 1992 den damaligen Bischof von Augsburg, Josef Stimpfle, nach Zadar führen konnte. Der Bürgermeister weinte, als er den ersten ausländischen Gast seit Beginn des Freiheitskampfes in seiner Stadt begrüßte. Granaten schlugen ein paar Straßen weiter ein, während er uns durch seine Stadt zur berühmten Donatus-Kirche führte. In der Halle des größten Hotels war ein Matratzenlager für die Flüchtlinge aus dem Hinterland errichtet worden. Ihre Gärten waren noch voller serbischer Minen. Verraten und vergessen fühlten sich viele Kroaten damals von Europa; alleingelassen in ihrem Kampf, zum zivilisierten Europa – zum mediterranen und mitteleuropäischen Raum – zu gehören. Die erste Anerkennung Kroatiens kam 1991 vom Vatikan, und so war es nicht überraschend, dass Papst Johannes Paul II. wie ein Superstar gefeiert wurde, als er im Juni 2003 seine hundertste Auslandsreise nach Kroatien unternahm.

Der Besuch Johannes Paul II. stärkte das kroatische Selbstbewusstsein

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Damals stand ich als Korrespondent der „Tagespost“ – nach Stationen in Dubrovnik und Rijeka – am Pfingstmontag des Jahres 2003 neuerlich auf dem antiken Forum von Zadar. Selten waren die zu Papstreisen akkreditierten Journalisten so frei und unbeaufsichtigt wie hier, wo der bereits gesundheitlich schwer gezeichnete Papst mit der Donatus-Kirche im Rücken und die Adria vor Augen von begeisterten Kroaten umjubelt wurde. Nur Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano blätterte mit mürrischem Bürokratenblick in seinen Papieren, während Johannes Paul II. auf den Ruinen des antiken Forums mit brüchiger Stimme predigte. Eine Steintafel am benachbarten Bischofspalais erinnert heute noch an den historischen Besuch des geliebten Gastes aus Rom.

Die Donatus-Kirche hieß freilich nicht immer so, sondern trägt erst seit dem 15. Jahrhundert den Namen ihres Erbauers, des kroatischen Bischofs Donatus. Dieser nicht nur später heiliggesprochene, sondern offenbar ausgesprochen diplomatisch begabte Bischof von Zadar vermittelte Anfang des 9. Jahrhunderts zwischen dem Kaisers Ostroms und dem ersten karolingischen Kaiser des Abendlands, Karl dem Großen. Der byzantinische Kaiser Nikifor beschenkte Donatus dafür mit Reliquien der frühchristlichen Märtyrerin Anastasia, die bis heute in der nach ihr benannten Kathedrale Sveti Stošija aus dem 12. Jahrhundert ruhen. Die Kirche, die Donatus selbst hier in Zadar im 9. Jahrhundert errichten ließ, widmete der fromme Hirte der heiligsten Dreifaltigkeit. Wer sie besucht, findet Spuren des frühbyzantinischen Stils, aber auch Parallelen zu San Vitale in Ravenna und zur Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen: Ein einzigartiger Brückenschlag zwischen Ost und West, wie er der diplomatischen Tätigkeit des gut vernetzten Bischofs entspricht.

Überall findet man Zeugnisse der Kultur der Antike

Dass zur Errichtung des imposanten Rundbaus Fragmente antiker Säulen, Balken und Kapitelle verwendet wurden, darf man wohl weniger als Plünderung des antiken Forums denn als Hommage an die Antike und das lateinische Erbe an der Adria sehen. Da findet sich ein Rest eines antiken Altars und einer Götterstatue. Aufschriften erinnern an die Verehrung der Römer für Jupiter und Juno. Das Eingangstor besteht aus antiken Architraven. Vielleicht ein Bild dafür, dass wir die Geschichte der Glanzzeit Zadars – das Mittelalter – nur von der Antike her kommend verstehen können? Jedenfalls ein Beweis für die Zugehörigkeit der Region zum lateinischen Europa.

Der imposante Rundbau mit seiner großzügigen Galerie verwendete antike Reste zum Aufbau seiner frühmittelalterlichen Sakralkunst: Ein gelungener Brückenschlag zwischen heidnischer Antike und christlichem Mittelalter.
In der von Donatus gestifteten Dreifaltigkeitskirche fanden über Jahrhunderte – bis zum Jahr 1798 – katholische Gottesdienste statt; heute finden in der nach Donatus benannten Kirche musikalische Veranstaltungen statt, die die außergewöhnliche Akustik dieses noch außergewöhnlicheren Rundbaus nutzen. Nicht nur geografisch, auch geschichtlich kreuzen sich hier die Kulturen.

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