Eine obskure Mischung aus Religion und Ideologie

Lawrence Wright verknüpft den Weg von El Kaida zum 11. September mit den Schicksalsfäden um die Beteiligten

John O'Neill war gewiss ein Sünder. Aber hatte er genau diesen Tod wirklich verdient? Noch am 22. August 2001 wurde der FBI-Agent mit einer kleinen Feier von seinen Kollegen verabschiedet. Am nächsten Tag trat der Neunundvierzigjährige seinen neuen Job als Sicherheitschef im World Trade Center an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte John O'Neill wie niemand sonst in der amerikanischen Bundespolizei Osama Bin Laden gejagt. Kein anderer im FBI wusste mehr über den arabischen Terroristen. Keiner hatte sich so bis an den Rand der völligen Erschöpfung für die Enttarnung des Terrornetzwerks El Kaida eingesetzt wie John O'Neill.

„Die alten Lateiner haben ihr Los „fatum“ genannt. Die noch

älteren Griechen

„moira“. Die Araber sagen heute noch

„Kismet“, wenn eine höhere Macht das Leben einer Person

entscheidend

beeinflusst“

Aber der Geheimagent war auf ganzer Linie gescheitert. Sein Cannae war der Rivalität zwischen dem Inlandsdienst FBI und dem Auslandsdienst CIA geschuldet. Sein Bezwinger war kein Hannibal mit einem geschickt agierenden karthagischen Heer, sondern eine stumpfsinnige Bürokratie. Bürokratie gibt es überall auf der Welt. Bürokratie ist wie ein bösartiger Tumor, gegen den es kein Heilmittel gibt. Sie bevorzugt weder die Freiheit noch Diktaturen besonders. Sie ist, so scheint es, überall da, wo Menschen versuchen, einigermaßen systematisch und effizient zu arbeiten. In einem solchen Umfeld verspritzt sie mit perfider Vorliebe ihr lähmendes Gift. Bei FBI und CIA scheint die Bürokratie besonders heimisch geworden zu sein. Genau das hat John O'Neill jenen Spielraum genommen, den ein Terroristenjäger ebenso dringend braucht, wie Menschen die Luft zum Atmen.

1995 war der gläubige Katholik irischer Abstammung zum Leiter der Abteilung Terrorismusbekämpfung geworden. Am 1. Januar 1997 übernahm er die Abteilung für Nationale Sicherheit im New Yorker FBI-Büro. Im Laufe der Jahre ist er so etwas wie Osama Bin Ladens amerikanischer Spiegel geworden. Das ging bis tief in seine Intimsphäre hinein. Seine Frau betrog er mit gleich drei Geliebten zur selben Zeit. Der Muslim Osama Bin Laden kann sich solch patriarchalische Freuden ganz legal und offen leisten. Er hat vier Frauen geheiratet. Die Scharia erlaubt ihm das. John O'Neill war trotz einer ganzen Reihe privater und finanzieller Probleme einer der Besten. Doch gegen das, was am 11. September 2001 geschah, wäre gewiss auch jeder andere für die Sicherheit der Twin-Towers Verantwortliche machtlos gewesen. Um 8.46 Uhr New Yorker Ortszeit schlägt Flug AA 11, eine Boing 767, im Nordturm des World Trade Centers ein. Um 9.03 Uhr trifft eine zweite Boing 767 den Südturm. Das war Flug UA 175. Mit zusammen rund 90 Kubikmeter Treibstoff waren die Jets große Brandbomben. Der Südturm stürzte nach 56 Minuten um 9.59 Uhr ein. Der Nordturm um 10.28 Uhr. 2 123 Menschen, darunter 343 Feuerwehrmänner, befanden sich noch in den Türmen und wurden beim Einsturz getötet.

Wäre es möglich gewesen, den sicherlich spektakulärsten Terroranschlag auf die freie westliche Welt zu verhindern? Diese Frage ist so umstritten wie keine andere in den vergangenen Jahren. Wer das Buch „Al-Quaida und der Weg zum 11. September“ von Lawrence Wright gelesen hat, wird sie mit „Nein“ beantworten. Wright hat für seine detailreiche Analyse den Pulitzerpreis erhalten. „Der Tod wird euch finden“ ist der – möglicherweise etwas zu reißerische – Titel der deutschen Ausgabe. Im amerikanischen Original heißt es „The Looming Tower“. Das ist ohne Zweifel subtiler. Denn „looming“ heißt „sich anbahnend, sich andeutend, heraufziehend“. Zudem sagt man für die deutsche Wendung „Gefahr voraus“ im Angelsächsischen „dangers looming ahead“.

„Looming“ kann sich auch auf eine Luftspiegelung beziehen. Was bei einem Anschlag aus dem Geist der arabischen Wüstenwelt durchaus Sinn macht. Lawrence Wright hat sich mit guten Gründen für die Vieldeutigkeit entschieden. Sie passt zu seiner Geschichte perfekt. Doch eine Fata Morgana ist das Ende der „Twins“ leider nicht gewesen. Auch darauf wird der Besuch von Papst Benedikt XVI. Mitte April im „Ground Zero“ erneut hinweisen. Die himmelsstürmenden New Yorker Zwillingstürme waren das sichtbarste Zeichen für den mitreißenden Schwung der Vereinigten Staaten. Für den Bandenchef der El Kaida sind sie deshalb zum Stein des Anstoßes geworden. Von ihrem Ende erhoffte sich Osama Bin Laden das Signal zum letzten Gefecht. Er sollte sich nicht verrechnet haben. Doch ob sein Kalkül vom Sieg der Kämpfer Allahs über die Weltmacht USA aufgeht, steht auf einem anderen Blatt, und gehört zu einer Partie, die noch andauert und in der nicht nur Amerikaner und Al-Quaida verwickelt sind, sondern auch wir.

Wer Wrights Bestseller gelesen hat, bekommt mehr als eine Ahnung für das, was wir Schicksal nennen. Die alten Lateiner haben ihr Los „fatum“ genannt. Die noch älteren Griechen „moira“. Die Araber sagen heute noch „Kismet“, wenn eine höhere Macht ohne menschliches Zutun das Leben einer Person entscheidend beeinflusst. Doch ist Osama Bin Laden wirklich das Werkzeug Allahs? Es gibt so gut wie keinen sinnvollen Grund daran zu zweifeln, dass nicht nur Osama Bin Laden von seiner Gottesgesandtheit fest überzeugt ist, sondern mit ihm Tausende, die seiner Ideen wegen sogar zu sterben bereit sind.

Wer im Januar 1958 als Sohn eines der reichsten Männer Saudi-Arabiens geboren wird, muss sich Selbstbewusstsein und Stolz nicht erst mühsam erwerben. Er bekommt beides in die Wiege gelegt. Wer als Sohn eines arabischen Bauunternehmers aufwächst, der die großen Moscheen in Mekka, Medina und Jerusalem restaurieren oder gar neu errichten durfte, der hat einen so intensiven privilegierten persönlichen Zugang zu den drei wichtigsten islamischen heiligen Stätten, wie nur wenige sonst auf dieser Welt.

Ohne Öl bricht die westliche Zivilisation zusammen. Ohne Öl gäbe es keinen arabischen Reichtum. Die saudischen Ölquellen sind in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts von einem amerikanischen Firmenkonsortium erschlossen worden. Ohne die großzügige Starthilfe dieses Konsortiums wäre der Analphabet Mohammed Bin Laden kaum in der Lage gewesen, zum Gründer der „Saudi Binladin Group“ und damit zum steinreichen Stammvater der Bin-Laden-Dynastie emporzusteigen. Aus Mohammed Bin Ladens Lenden erwuchsen mehr als ein Dutzend Kinder. Einer von ihnen ist sein Sohn Osama. Was diesen Spross zum meistgesuchten Terroristen der Welt gemacht hat, ist eine obskure Mischung aus Religion und Ideologie, aus Allmacht und Ohnmacht – und zugleich eine vielgliedrige Kette erstaunlicher historischer Abläufe. Den Schlüssel zu dieser Kette kann man Zufall, Schicksal, göttliche Fügung oder wie auch immer nennen. Doch an den unbequemen Fakten, die einen saudischen Wüstenjungen dazu bringen, seinen ererbten Reichtum nicht als Playboy an den Luxusschauplatzen dieser Erde zu vergeuden, sondern als Führer einer weltweit zuschlagenden Terrororganisation, ändert das nichts.

„O'Neill ist in das

World Trade Center

zurückgekehrt. Er wollte Leben retten. Dabei ist ihm das seine verlorengegangen. Für einen antiken Dichter wäre ein solches Ende Stoff für eine Tragödie im klassischen Stil

gewesen“

Der 1947 geborene Amerikaner Lawrence Wright ist durch intensive jahrelange Recherchen zum Meister dieser Fakten geworden. Als mehrfach ausgezeichneter Autor, Drehbuchschreiber und Journalist für den „New Yorker“ besitzt er die zweifellos hochzuschätzende Fähigkeit, uns den Weg von El Kaida so spannend zu präsentieren, wie eine Geschichte über den Terror von „Nine-Eleven“ nur sein kann. Wer sein Buch liest, wird von ihm nicht nur in ein Netzwerk des Terrors versetzt, sondern Wright besitzt überdies die Gabe, uns an jene Fäden des unergründlichen Schicksals zu erinnern, das in der griechischen Mythologie in den Händen der drei Moiren liegt.

Alle drei sind Töchter des Zeus und der Themis gewesen. Klotho spann den Lebensfaden, Lachesis teilte die Länge zu und Atropos schnitt ihn ab. Wieviel Zeit Osama Bin Laden auf Erden noch gegeben ist, kann kein Mensch vorhersagen. John O'Neills Lebensfaden wurde am 11. September 2001 gekappt. Obwohl es ihm kurz nach 9 Uhr noch gelang, den brennenden Nordturm zu verlassen, hat sich der Sicherheitschef danach nicht in eine ungefährdete Zone begeben. O'Neill ist in das World Trade Center zurückgekehrt. Er wollte Leben retten. Dabei ist ihm das seine verlorengegangen. Für einen antiken Dichter wäre ein solches Ende Stoff für eine Tragödie im klassischen Stil gewesen.

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