Eine Mauer um die Friedensbotschaft Bethlehems

Arbeitslosigkeit, Isolation und Platzmangel: Die kleine palästinensische Stadt kämpft mit vielen Hindernissen. Von Johannes Zang
Foto: dpa | Ein Bild, das um die Welt ging: Franziskus ließ den päpstlichen Konvoi stoppen, um an der israelischen Sperranlage zu beten.
Foto: dpa | Ein Bild, das um die Welt ging: Franziskus ließ den päpstlichen Konvoi stoppen, um an der israelischen Sperranlage zu beten.

Bethlehem/Besetztes Palästinensisches West-Jordanland: Die deutschen Pilger wünschen einen Halt an der israelischen Sperranlage, um Graffiti und Aufrufe fotografieren zu können. „American Money, Israeli Apartheid“ steht da beispielsweise oder „Willkommen im Ghetto“. Doch auch Tröstliches ist zu finden, etwa „2 Völker – 1 Vater“ oder „Earth has no sorrow that heaven cannot heal“. Gut möglich, dass die Botschaften auf Arabisch, Englisch, Italienisch, Spanisch oder Deutsch in einigen Wochen wieder übermalt werden, von einheimischen Schulklassen, internationalen Malkampagnen oder vom britischen Aktionskünstler Banksy, der sich auch auf der mausgrauen Mauer verewigt hat. Mittlerweile bieten gewiefte Palästinenser gegen gutes Geld auch Touristen die Gelegenheit, ihre Bilder oder Appelle auf der etwa acht Meter hohen Betonmauer zu hinterlassen. Dieser Wall trennt seit zwölf Jahren Bethlehem von seiner Schwesterstadt Jerusalem. Doch schon seit Beginn der 1990er Jahre hat das israelische System der Magnetkarten und Passierscheine der freien Fahrt von Bethlehem nach Jerusalem einen Riegel vorgeschoben. Wer heutzutage die begehrte Reisegenehmigung erhält, darf die Kontrollpunkte in der Mauer weder im Fahrzeug noch per Fahrrad überqueren, sondern lediglich zu Fuß.

Trennbarriere heißt die Sperranlage auch, die zu etwa zwei Dritteln fertiggestellt ist. Offizielle israelische Stellen bevorzugen den Begriff Sicherheitszaun, Palästinenser und israelische Friedensaktivisten dagegen halten Landraub- oder Apartheidmauer für treffendere Bezeichnungen. Verliefe sie auf der international anerkannten Grenzlinie zwischen Israel und den Besetzten Gebieten, der sogenannten Grünen Linie, dann hätte sie im Falle Bethlehems einige hundert Meter in Richtung Jerusalem gebaut werden müssen. Da sie das nicht tut, verleibt sie Hunderte, wenn nicht Tausende von Olivenbäumen dem Staat Israel ein. Die amtierende Bürgermeisterin von Bethlehem, Vera Baboun, wird konkret und nennt der „Tagespost“ Zahlen: „Die historische Größe Bethlehems war einmal 35 Quadratkilometer. Jetzt sind es nur noch 7,2 – wegen der Mauer, wegen Siedler-Bypass-Straßen, militärischer Sperrgebiete und Siedlungen.“ Für sie stellt die Mauer auch eine Mauer um die Botschaft Bethlehems dar – die Botschaft des Friedens.

Der lutherische Pfarrer von Bethlehem nennt die politische Lage „aussichtslos“. Mitri Raheb, der ein wenig wie Mahatma Gandhi aussieht, ist auch in Deutschland ein bekanntes Gesicht – dank seiner Kirchen- oder Katholikentagsauftritte, Interviews oder seiner Bücher, worunter das Bekannteste „Ich bin Christ und Palästinenser“ sein dürfte. Er liebt deutliche Worte. „Allein auf Bethlehemer Land erheben sich 22 Siedlungen. Es ist wie eine Zange von Siedlungen, wodurch Bethlehem nicht mehr wachsen kann. Die Mauer ist da gebaut, wo das letzte Haus im Ort steht. Eine Stadt, die nicht wachsen kann, ist zum Tode verurteilt.“

Bethlehem, Stadt der Geburt – Stadt des Todes?

Nimmt man eine Mauer- und Kontrollpunktkarte zur Hand, wie sie die Agentur OCHA der Vereinten Nationen regelmäßig und aktualisiert veröffentlicht, fragt man sich in der Tat: Wohin soll Bethlehem noch wachsen? Wo könnte man ein neues Wohngebiet erschließen, oder ein Industriegebiet? Pfarrer Raheb von der Weihnachtskirche in Bethlehem erklärt weiter: „Das ganze Land hinter der Mauer gehört Christen von Bethlehem. Wegen der Mauer können sie nicht mehr ihre Olivenhaine pflücken. Nach Qalqilya ist Bethlehem die vom Mauerbau am meisten betroffene Stadt.“ Und das ganze, kleine West-Jordanland, nicht einmal so groß wie Unterfranken, charakterisiert der Mann, der in Marburg studiert hat, so: „Palästina sieht immer mehr wie ein Stückchen Emmentaler Käse aus. Israel bekommt dabei den Käse und die Palästinenser werden in die Löcher verdrängt.“

Es ist nicht die erste Wunde, die der kleinen palästinensischen Stadt zugefügt wird. Schon im 19. Jahrhundert verließen viele aus wirtschaftlichen Gründen die Region Bethlehem, manche trieb buchstäblich der Hunger in die weite Welt. Als 1908 das Osmanische Reich begann, Christen in ihre Armee einzuziehen, gehörten Bethlehemiten zu den ersten, die emigrierten. Zwischen 1860 und 1914 wanderten über eine Million Menschen aus dem Osmanischen Reich in die Vereinigten Staaten, aber auch nach Chile, Argentinien, Brasilien, El Salvador und Honduras aus. Die Zahl der auswandernden Christen war laut Mitri Raheb „besonders groß“. Die Zahl der im Ausland lebenden, aber aus Bethlehem oder dem Nachbarort Beit Jala stammenden palästinensischen Christen samt ihrer Nachkommenschaft allein beträgt etwa 150 000.

Dann schlug der Erste Israelisch-Arabische Krieg 1948/49 eine tiefe Wunde in das Stadtgefüge, da er überwiegend palästinensisch-muslimische Flüchtlinge und Heimatvertriebene in die Stadt spülte. Drei Flüchtlingslager in und um Bethlehem zeugen bis heute von der noch nicht verheilten Wunde der Nakba (arabisch für Katastrophe), womit die Palästinenser Heimat- und Besitzverlust, Flucht und Vertreibung von einer dreiviertel Million Landsleuten umschreiben. Der Krieg, nach israelischer Lesart der Unabhängigkeitskrieg, löste ebenso eine weitere Auswanderungswelle aus wie der Sechs-Tage-Krieg 1967. Seitdem ist der christliche Bevölkerungsanteil Bethlehems stetig zurückgegangen, zuletzt noch einmal dramatisch durch die Auswanderung von mindestens 100 christlichen Familien während oder infolge des zweiten Palästinenseraufstandes (2. Intifada, 2000–2004). Dazu kommt eine deutlich höhere Geburtenrate unter muslimischen Palästinensern.

Fragt man in Bethlehem nach Zahlen, hört man oft: ein Drittel Christen, zwei Drittel Muslime. Mitri Raheb – aber auch seine Zahlen sind schon sieben Jahre alt – spricht von 28 Prozent Christen. Die Internetseite der Stadtverwaltung Bethlehem präsentiert noch ältere Zahlen und bleibt zudem vage (Absicht?): „Die Region Bethlehem hat 61 000 Einwohner, zur Hälfte Muslime beziehungsweise Christen. Die Stadt Bethlehem hat 27 000, Beit Jala und Beit Sahour, die Nachbar- und Schwesternstädte haben 13 000 beziehungsweise 12 000 Einwohner. Nur in Beit Jala und Beit Sahour stellen Christen die Mehrheit.“ Schwester Maria Grech, eine Malteserin, die seit Jahrzehnten in Bethlehem arbeitet, hält all diese Zahlen für geschönt. Nicht einmal 20 Prozent der Einwohnerschaft Bethlehems seien noch Christen. Diese gehören einem halben Dutzend Kirchen an: Griechisch-orthodox, römisch-katholisch, griechisch-katholisch-melkitisch, lutherisch, armenisch und syrisch-orthodox.

Viele der Christen arbeiten im Bildungssektor, sei es an christlichen Privatschulen, der katholischen Universität Bethlehem oder im Tourismus. Dazu gehören Hotels und Restaurants, Werkstätten für das Perlmutt- und Olivenholzhandwerk sowie Andenkenläden. In den letzten fünf Jahren haben die Besucherzahlen im Heiligen Land enorm zugenommen. An guten Tagen kommen 100 Pilgergruppen nach Bethlehem, ja, man baut neue Hotels, wie das kürzlich eingeweihte zwölfstöckige St. Gabrielshotel beweist. Trotzdem hat Khouloud Daibes Abu Dayyeh in ihrer zweiten Amtszeit ihren Posten als palästinensische Tourismusministerin abgegeben – niedergeschlagen, enttäuscht. „Sie können sich vorstellen, wie schwierig das ist, ein Land unter Besatzung zu vermarkten. Wir haben kein Einfallstor, keinen Flughafen. Wir kontrollieren unsere Grenzen nicht. Wir dürfen keine Visa erteilen. Unsere eigene Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt.“ Dann wird die Frau, die seit kurzem der palästinensischen Vertretung in Berlin vorsteht, konkret: „Die Einnahmen aus dem Tourismus bleiben zu 90 bis 95 Prozent auf israelischer Seite. Fünf bis zehn Prozent der Einnahmen durch die 3,5 Millionen Besucher bekommen die Palästinenser. Das ist sogar eine Verbesserung gegenüber früher. Die meisten Touristen geben auf palästinensischer Seite nichts aus. Sie kommen ohnehin nur für ein paar Stunden, besuchen die Geburtskirche und das war's. Sie kaufen nicht einmal eine Flasche Wasser. Das ist das Programm für Bethlehem.“

Es fehlt für alle am Nötigsten

Und so existiert trotz steigender Besucherzahlen Arbeitslosigkeit und Armut – unsichtbar für Pilger, die nur die Geburtskirche und den Krippenplatz zu Gesicht bekommen. Es fehlt nicht nur in den ausschließlich von Muslimen bewohnten Flüchtlingslagern am Nötigsten, auch christliche Familien sind davon betroffen. Manche finden den Mut, und dann auch den Weg zu Schwester Maria Grech ins Franziskanische Familienzentrum in der Milchgrottengasse. Sie kennt Familien, die beim Tante-Emma-Laden um die Ecke tief in der Kreide stehen, sich seit Wochen kein Fleisch leisten konnten oder die Kinder aus den christlichen Privatschulen nehmen mussten, weil sie die Schulgebühr nicht aufbringen konnten. Dutzende junger Paare kommen zu der Franziskanerin in die Beratungsstelle wegen Schwierigkeiten in der Ehe oder Spannungen in der Großfamilie. Hintergrund: Sie alle sind gezwungen, in einem gemeinsamen Haushalt mit Eltern oder Schwiegereltern zu leben; für eine eigene Wohnung reicht das Geld beileibe nicht. Denn die Männer können wegen nicht genehmigter Passierscheine die vergleichsweise gut bezahlten Arbeitsstellen in Israel nicht (mehr) erreichen und bleiben in Bethlehem entweder arbeitslos oder verdingen sich als Tagelöhner. Der durchschnittliche Tageslohn beträgt laut Palästinensischem Statistikamt PCBS 104 Schekel pro Tag, knapp 22 Euro, nicht viel bei ähnlich hohen Lebenshaltungskosten wie in Deutschland. Dieses Amt hat keine aktuellen Arbeitslosenzahlen für Bethlehem, die jüngste Erhebung von 2012 beziffert die Arbeitslosigkeit mit 22,5 Prozent. In der Stadt selbst kann man auf den Straßen auch höhere Zahlen hören. „Seit die Mauer steht, haben die Menschen hier sehr große Probleme und keine Arbeit“, sagt Schwester Maria.

Angesichts so vieler alter Wunden und neuer Hindernisse ist Bürgermeisterin Vera Baboun nicht um ihr Amt zu beneiden. Seit Ende 2012 steht die 51-jährige Christin, ein Politikneuling, an der Spitze der Stadt, deren Name auf arabisch Haus des Fleisches, auf hebräisch dagegen Haus des Brotes bedeutet. Die Witwe von fünf erwachsenen Kindern – ihr Mann starb an den Spätfolgen israelischer Haft – steht einem 15-köpfigen Stadtrat vor, in dem acht Christen, sieben Muslime und insgesamt drei Frauen sitzen. Ihren Angaben zufolge ist es ein gutes Miteinander zwischen beiden Religionen, sowohl im Stadtrat als auch in der Stadt. Eine Botschaft hat sie noch für die Christen in Deutschland: „Bethlehem ist ein wesentlicher Bestandteil der palästinensischen Gebiete. Aufgrund von (jüdischen) Siedlungen, Kontrollpunkten und der Mauer ist die Straße des Glaubens zwischen Bethlehem, wo Jesus geboren und Jerusalem, wo er gekreuzigt wurde, unterbrochen. Das Herz unseres christlichen Glaubens ist durchbrochen. Diese Straße des Glaubens zwischen Bethlehem und Jerusalem muss aber durchlässig sein. Es ist wichtig, dass wir von der Wiege der Hoffnung und des Friedens den Siedlungsbau um Bethlehem ansprechen.“ Und es klingt wie eine flehentliche Bitte, wenn sie noch nachschiebt: „Die Gläubigen Bethlehems brauchen dringend ein Zeichen der Hoffnung.“

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