Eine lyrische Verwandlung

Verschiedene Einflüsse, doch ein eigener Stil: Zum 100. Todestag des Expressionisten August Macke (1887–1914). Von Susanne Kessling
Foto: IN | „Landschaft mit Kirche und Weg“: Die Bilder von August Macke strahlen durch Farben und Formen eine große Leichtigkeit aus.
Foto: IN | „Landschaft mit Kirche und Weg“: Die Bilder von August Macke strahlen durch Farben und Formen eine große Leichtigkeit aus.

Es ist die sinnliche Wahrnehmung des Farberlebnisses, das leuchtende, reine Kolorit und die gefälligen Motive, die den Betrachter von Gemälden des Malers August Macke in den Bann ziehen. Er hielt Landschaften, Bildnisse, Frauen, die sich vor Schaufenstern aufhalten, Akte und Stillleben auf seiner Leinwand fest und gehört zu den wichtigsten Vertretern des Deutschen Expressionismus. In seinem Oeuvre schlägt sich die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Avantgarde vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges nieder. Es entstand in einer knapp zehnjährigen Schaffensphase ein umfangreiches Werk von rund 500 Gemälden und 500 Aquarellen. In den nahezu 9 000 Skizzenbuch- und Einzelblattzeichnungen studierte er Bewegungsabläufe von Menschen, Alltagsszenen und ließ sich von seinen Künstlerkollegen diesseits und jenseits des Rheins anregen. Seine Biographie liest sich wie ein „Who is Who“ der Modernen Kunst. So prägten den Künstler seine Ausstellungsbesuche und Reisen – er weilte allein viermal Paris. Am Ende seines kurzen Lebens, August Macke sollte nur 27 Jahre alt werden, war es die zweiwöchige Tunisreise mit Paul Klee (1879–1940) und dem Schweizer Maler Louis Moilliet (1880– 1962), die seinen künstlerischen Duktus prägte.

August Robert Ludwig Macke wird am 3. Januar 1887 in Meschede im Hochsauerland als drittes Kind des Tiefbauingenieurs August Friedrich Hermann und seiner Frau Maria Florentine geboren. Schon bald zieht die Familie nach Köln, wo der junge August seine Kindheit verbringt. Zunächst besucht er das Gymnasium und, nach dem Umzug nach Bonn, das dortige Realgymnasium. Ein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf, motivische Anregungen durch Arnold Böcklin (1827–1901) und Hans Thoma (1839–1924) sowie Bühnendekorationen für das Schauspielhaus in Düsseldorf bestimmen seine Anfänge als Maler. Wegweisend für Mackes künstlerischen Werdegang aber sollte zunächst ein Aufenthalt in Paris und der Einfluss des Impressionismus auf den jungen Mann werden. Die Bekanntschaft mit Elisabeth Gerhardt (1888–1978) und deren Onkel Bernhard Koehler (1849–1927) bilden das günstige private Umfeld. Koehler sollte später der Doyen vieler Maler im Kreis von Macke werden und durch sein Mäzenatentum die deutsche Kunstszene beleben.

Den jungen Künstler beeindrucken bei der Pleinairmalerei die Motive des Alltagslebens, Straßenszenen, die mit leichter Hand auf die Leinwand gebannt werden und mit ihrem Licht- und Schattenspiel die flirrende Metropole festhalten. Er verbringt nach seiner Rückkehr aus Paris einige Monate im Berliner Atelier von Lovis Corinth. Der Impressionismus bleibt für Macke nur eine Etappe, die wichtig ist für seine Art und Weise, Dinge künstlerisch umzusetzen. Sie ist nur ein Schritt in seiner Entwicklung zum eigenen künstlerischen Ausdruck.

Um verstehen zu können, welch aufregende Strömungen sich in dieser Zeit nicht nur in der Malerei entfalteten, sei ein kurzer Exkurs zu den für die Moderne des 20. Jahrhunderts so wichtigen Meilensteinen erlaubt. Der Grundgedanke des l'art pour l'art, dass die Kunst sich selbst genügt, hatte sich bereits bei den Literaten der Romantik durchgesetzt. In der bildenden Kunst hieß das, Motive konnten auf die Leinwand gebannt werden, ohne dass es eigener finanzieller Förderer oder eines bestimmten Auftraggebers bedurfte. Damit gelangten die Künstler zu einer größeren Freiheit bei der Umsetzung ihrer Ideen wie zum Beispiel die sich um Henri Matisse (1869–1954) scharende Gruppe von Malern, die 1905 im Salon d'Automne ausstellen und vom Kritiker Louis Vauxcelles als „Fauves“ oder „wilde Tiere“ bezeichnet werden.

In ihren Werken geben sie die Helldunkelmalerei und die den abzubildenden Gegenstand nachahmenden Farbtöne auf, an deren Stelle reine und volle Farben treten, die im Zusammenspiel der Komposition Leben einhauchen. Dann wäre Pablo Picasso zu nennen, der sich 1904 in Paris ansiedelt und mit seiner groß angelegten Komposition von 1907, die später den Titel „Les Demoiselles d'Avignon“ erhält, den entscheidenden Schritt in Richtung Abstraktion vollzieht. Das Gemälde, das stilistisch Elemente aus dem Spätwerk Cezannes aufgreift und zugleich Anklänge an schwarzafrikanische Kunst verarbeitet, ist epochemachend. Im Jahr 1900 hatte in Paris die Weltausstellung stattgefunden und eine Plattform für außereuropäische Erzeugnisse geboten, die von Picasso und den „Fauves“ begeistert rezipiert worden waren. Dann wiederum schockiert Marcel Duchamp mit seinen „ready-mades“, die ab 1914 gezeigt werden. Er definiert Kunst völlig neu und löst einen Skandal aus.

Duchamp signiert beispielsweise einen Flaschentrockner aus Eisen und erklärt ihn zum Artefakt. Die Kunstwelt empört sich, als er ein Urinal auf einen Sockel stellt und behauptet, dass bereits hinter der Auswahl eines Objektes ein künstlerischer Gedanke zugrunde liege. Hinter seiner Idee steht das Konzept des „Objet trouvé“, des gefundenen Gegenstandes und die Umsetzung stellt alles bis dahin Dagewesene auf den Kopf. Das mag aus heutiger Sicht ein wenig verwundern, stellt sich der Ausstellungsbesucher doch häufig die Frage nach dem Sinn eines ausgestellten Kunstobjektes – in einer Zeit, in der der Betrachter an visuellen Eindrücken übersättigt ist und viel „passieren“ muss, um noch einen wirklichen Skandal auszulösen. Doch sieht man die Entwicklung des ersten „Ready-mades“ im Kontext seiner Zeit, so lässt sich konstatieren, dass seither immerhin 90 Jahre vergangen sind. Ganz so provokant mögen die Gemälde von August Macke nicht auf den kunstsinnigen Zeitgenossen gewirkt haben. 1908 unterbricht er für ein Jahr seine Malerei, um seinen Militärdienst abzuleisten. Die Reisen nach Paris 1907, 1908 und 1909 hatten ihm den Zugang zur Farbe geebnet, wie sie bei Paul Gauguin (1848–1903), Paul Cezanne (1839–1906) und vor allem Henri Matisse Verwendung findet. „Der Satz von Matisse in ,Notes d'un peintre‘ – ,wenn alle meine Beziehungen der Farbtöne gefunden sind, so muss sich daraus ein lebendiger Akkord ergeben, eine Harmonie, analog der musikalischen – toutes mes couleurs chantent ensemble‘ – war ganz nach Mackes Sinn“, so Werner Haftmann in seiner 1954 erschienenen bahnbrechenden Untersuchung zur Malerei im 20. Jahrhundert. Im Sommer 1909 heiratet August Macke Elisabeth Gerhardt, 1910 und 1913 werden die Söhne Walter und Wolfgang geboren.

Der Künstler hatte Franz Marc während seiner Hochzeitsreise, die das Paar auch an den Tegernsee geführt hatte, kennengelernt. Zusammen mit dem sieben Jahre älteren Maler besuchte er 1912 die französische Hauptstadt und begegnete Robert Delaunay (1885–1941). Beide waren von den Eiffelturm-Bildern des Franzosen begeistert, die mit ihrer Zerlegung und Aufsplitterung eine ganz neue Formensprache, den „Orphismus“, begründeten. Guillaume Apollinaire, der Dichter und Wegbereiter der modernen Kunst, prägte diese Bezeichnung für die Variante des von Picasso und Braque entwickelten Kubismus. Haftmann bringt es auf den Punkt: „Macke schwebte immer etwas Reines, Klares, Kristallinisches vor, Bild als Kristall, in den man hineinsieht und aus dessen vielfältigen Brechungen das Bild der Welt lyrisch verwandelt zurückleuchtet.“ In einem Brief an Macke schreibt Marc über die Wirkung von Farben und kategorisiert diese, indem er ihnen eine bestimmte emotionale Wirkung zuordnet: „Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muss.“

Gegenüber intellektuellen Theorien war er skeptisch

Franz Marc war es auch, der Macke mit Wassily Kandinsky (1866–1944) und den Malern des „Blauen Reiter“ zusammenbrachte, dem Macke aber ambivalent gegenüberstand. Zu sehr unterschied sich seine diesseitig geprägte, fröhliche Natur von den eher intellektuell und spirituell ausgerichteten Theorien der Gefährten. Dem Almanach des „Blauen Reiter“ steuerte Macke den kunsttheoretischen Beitrag „Die Masken“ bei. Er ließ sich künstlerisch von den Strömungen der damaligen Zeit inspirieren und entwickelte dabei aber seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Dieser kennzeichnet sich durch die Wiedergabe des unmittelbar Erlebten und weniger durch eine alles erfassen wollende Wesensschau. Macke wird zwar immer mit dem„Blauen Reiter“ in Verbindung gebracht, jedoch ist eine Zuordnung zum „Rheinischen Expressionismus“ treffender.

Im Frühjahr 1914 fuhren Macke, Louis Moilliet und Klee von Marseille aus nach Tunis. „Und hier entstand ihm aus dem ergriffenen Erlebnis der mittelmeerischen Landschaft die ganze Welt als gemalte Legende, wurde ihm das Bild der rein geordneten Schönheit der Welt. In wunderbarer Kantilene steigt in der kostbaren Reihe der Aquarelle aus Tunesien die dichterische Vision der afrikanischen Frühlingslandschaft.“ (Haftmann) Nur wenig später, im Kriegsjahr 1914, fiel August Macke am 26. September bei Perthes-les-Hurlus in der Champagne und wurde auf dem dortigen Soldatenfriedhof beigesetzt. 1991 öffnete das ehemalige Wohnhaus des Künstlers in Bonn als Museum seine Pforten. Erst 2007 war das Gemälde „Frau mit Papagei in einer Landschaft“ von 1914 in Berlin für knapp 2, 4 Millionen Euro versteigert worden. Es hatte zur Sammlung von Hildebrand Gurlitt gehört. Das Kunstmuseum in Bonn zeigt seine eigens August Macke und Franz Marc gewidmete Ausstellung vom 25. September 2014 bis 4. Januar 2015. Sie wurde in Kooperation mit der Städtischen Galerie im Lenbachhaus konzipiert. In München zu sehen vom 28. Januar bis 3. Mai 2015.

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