Eine kleine Rolle in der „Operation Walküre“

Philipp von Schulthess, ein Enkel des Hitler-Attentäters von Stauffenberg, über den Kinofilm

Bei der Europapremiere der Hollywood-Produktion „Operation Walküre“, die das Attentat einiger Verschwörer gegen Diktator Adolf Hitler vom Juli 1944 nachstellt, ging Tom Cruise nicht noch einmal auf die Debatten, dass ausgerechnet ein aktives Mitglied der umstrittenen Scientology-Sekte den Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg spielt, ein.

Vom Film profitieren

Natürlich habe er die Kontroversen wahrgenommen, sagte der Hollywoodstar, aber das habe die Entstehung des Films nicht beeinflusst: „Wir haben versucht, das Erbe der Widerständler mit maximalem Respekt zu behandeln“, sagten Cruise und die Produzenten übereinstimmend. Cruise wirkte weniger aufgedreht als sonst, sondern eher nachdenklich und erleichtert, den im Vorfeld so hitzig diskutierten Film endlich als fertiges Produkt präsentieren zu können.

Es sei wichtig, dem internationalen Publikum, „das nicht viel vom Widerstand weiß“, zu zeigen, dass es Menschen gab, die sich den Nazis entgegenstellten, sagte Cruise. Wie sehr „Operation Walküre“ dieses Ziel erreichen kann, vermag Philipp von Schulthess, ein Enkel des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, nicht zu beurteilen. Bisher jedenfalls habe er außer freundlichen Reaktionen keine Welle an Anfragen amerikanischer Journalisten erhalten, gibt von Schulthess an. Und auch beruflich habe ihm die Mitwirkung an dem Film – von Schulthess hat einen Mini-Auftritt als Adjutant des Mitverschwörers vom 20. Juli, Generalmajor Henning von Tresckow – bisher keine weiteren Angebote beschert.

Von Schulthess, ein aufgeschlossen und besonnen wirkender Mann von 36 Jahren, gibt sich angesichts des Trubels um den Film gelassen: Dass er als Stauffenberg-Enkel von den Produzenten von „Operation Walküre“ auch als Aushängeschild benutzt werden kann, um den Film zusätzlich zu legitimieren, ist ihm bewusst. Aber wenn seine Mitwirkung ein „Pakt mit dem Teufel“ sei, so witzelt von Schulthess, so beruhe der auf Gegenseitigkeit: Als Nachwuchsschauspieler profitiere er ja auch von der allgemeinen Aufmerksamkeit. Nach seiner wenig erfüllenden Ausbildung zum Investment-Bänker in Zürich, wo von Schulthess aufgewachsen ist, hat er sich erst spät, mit Ende Zwanzig, für die Schauspielausbildung entschlossen, die er in England absolvierte. Dort stand von Schulthess bisher in verschiedenen Shakespeare-Aufführungen wie als Malvolio in „Was ihr wollt“ auf kleineren Bühnen, bevor er für den „Walküre“-Dreh nach Berlin umzog.

Zunächst habe er ganz allgemein wegen des Themas Kontakt zur Produktionsfirma United Artists gesucht, bevor er sich dann auf Anraten einer Bekannten entschloss, auch bei einem Casting teilzunehmen, betont von Schulthess. Er ist nun vor allem erleichtert über einen „gelungenen Film“, der „ruhig und nicht reißerisch“ erzählt ist und „respektvoll“ mit der Geschichte seines Großvaters und der anderen Widerständler umgeht, sagt Philipp von Schulthess. Von der Seriosität des Projektes war er nach der Lektüre des Drehbuchs und Gesprächen mit den Produzenten überzeugt, sagt von Schulthess, der im Gegensatz zu einigen seiner Verwandten aus der weit verzweigten Familie nicht grundsätzlich gegen eine fiktionale Darstellung der Ereignisse vom Sommer 1944 ist.

Allein die Linie seines Großvaters umfasse heute über fünfzig Verwandte, sagt von Schulthess. Man treffe sich zwar ein- bis zweimal im Jahr, aber einen Familienrat, der sich etwa über das Verhalten gegenüber den Medien abstimme, gebe es nicht, betont er. Wie schon früher in der Schule gab er sich auch gegenüber dem Drehteam von „Operation Walküre“ nicht als Stauffenberg-Enkel zu erkennen; nur die Produzenten wussten, wen sie vor sich hatten. „Nach etwa sechs Tagen hatte es sich dann herumgesprochen“, berichtet von Schulthess, „so dass vor allem viele begeisterte Amerikaner neugierig auf mich zukamen und Fragen stellten.“ Er fühle sich nicht vom Familienerbe bedrückt oder als „Nachlassverwalter seines Großvaters“, betont der Stauffenberg-Enkel. Trotzdem verteidige er ihn etwa gegenüber Vorwürfen, dieser habe sich zu spät zum Widerstand entschlossen. Von Schulthess ist überzeugt, dass sein Großvater bereits früh ein entschiedener Gegner des Nazi-Regimes war und nicht erst, nachdem er im Krieg schwer verwundet worden war. Dafür sprächen Äußerungen, die innerhalb der Familie bekannt seien, sagt von Schulthess.

Mit Tom Cruise' Leistung ist von Schulthess zufrieden, der naturgemäß „nur die sehr ernste Seite“ seines Großvaters zeige, der nach seiner Kenntnis in früheren Lebensphasen auch viel Humor bewiesen habe. Nicht als Stauffenberg-Verwandter, aber zumindest in beruflicher Hinsicht habe ihn der Film korrumpiert, gibt von Schulthess schmunzelnd zu: „Bisher konnte ich mir nichts Schöneres als Theaterschauspielen vorstellen, aber der große Aufwand, der beim Drehen von ,Operation Walküre‘ betrieben wurde – das war schon faszinierend und hat mich sofort verführt.“

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