Eine gut behütete Kindheit in Buenos Aires

Dora Maar wächst als Tochter eines großen Architekten auf – Picasso bringt nur den Ausdruck ihres schmerzvollen Innenlebens auf die Leinwand. Von Susanne Franken

Dass Pablo Picasso so manche Muse hatte, ist bekannt, darunter auch Dora Maar, geboren als Henriette Theodora Markovitch am 22. November 1907. Aber wer ahnt, dass sie ihre Kindheit in Buenos Aires verbracht hat und ihr Vater Joseph Markovitch (Josip Markoviæ) durch manche architektonische Hinterlassenschaft noch heute in der Stadt präsent ist.

Joseph Markovitch kam am 16. Februar 1874 in Sisak (Kroatien) zur Welt. Er studierte später Architektur in Zagreb und Wien und kam 1896 nach Frankreich. Im Jahr 1900 wird er mit dem österreichisch-ungarischen Pavillon für die Pariser Weltausstellung beauftragt und lernt Louise Julie Voisin kennen, die spätere Mutter Doras. Geboren wurde Louise in Cognac, am 28. Februar 1877. Gegenüber Picassos Biographen John Richardson behauptet ihre Tochter Dora später, ihre Familie mütterlicherseits sei mit Toulouse-Lautrec aus Albi verwandt. Joseph und Louise heiraten standesamtlich in Zagreb, kirchlich in Trsat in Kroatien, weitab der französischen Familie, möglicherweise eine „Vorsichtsmaßnahme“ des Bräutigams angesichts seiner Herkunft.

Tochter Dora wird in Tours geboren, die Eltern leben zunächst in London, Ende 1909/Anfang 1910 wandern sie nach Buenos Aires aus, erscheinen aber nicht in den Listen des Hotel de Inmigrantes, trotz vieler Markovitch in unterschiedlichster Schreibweise.

Aktenkundig wird der Vater im Telefonbuch und der „Guía Peuser“, einem Straßenverzeichnis des 1855 nach Argentinien eingewanderten Jacobo Peuser (geboren 1843), das bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts herausgegeben wurde. Er findet Arbeit bei seinem Landsmann Nicolas Mihanovich aus Doli nahe Dubrovnik, der rund 5 000 Landsleute für sein Schifffahrtsunternehmen, das größte in Südamerika, angeheuert hatte. Auch am argentinischen Karrierestart des jungen Aristoteles Onassis war er beteiligt.

Im Hause Markovitch in Buenos Aires spricht man französisch und spanisch. Durch die Glaswand zwischen ihrem Zimmer und dem Salon erlebt Dora Eifersuchtsszenen ihrer Eltern mit, ihre Mutter wittert stets Gründe zu Verdächtigungen und macht die kleine Tochter seit deren fünftem Lebensjahr zur „Verbündeten“. „Wahrscheinlich war sie durch den Tango nicht mehr ganz richtig im Kopf“, lässt Nicole Avril diese in ihrem Roman „Dora Maar. Picassos geheimnisvolle Muse“ sagen. Dennoch blieben die Eltern zusammen, Mutter Louise betreibt zeitweise ein kleines Hutgeschäft.

Im Jahr 1912 ist das Domizil der Familie in der Calle Sarmiento 487 nachgewiesen, zwei Jahre später in Juramento 1991 in Belgrano. Dort verbringt Dora den größten Teil ihrer behüteten, aber recht einsamen Kindheit. Sie besucht die noch heute existierende staatliche Escuela N° 2 Casto Munita neben dem Museo Sarmiento. Nach 1915 erscheint Dora nicht mehr in der Namensliste der Schule. Belegt ist, dass sie in der Laienspielgruppe der Alliance Française die Elvira in Molieres „Don Juan“ gespielt hatte – erste Station in ihrem Leben als fallengelassene Geliebte? Nicht weit von Familie Markovitch wohnte Nicolas Mihanovich, in Juramento 1938, zwischen den Straßen 3 de Febrero und O'Higgins. Erworben hatte er die luxuriöse Villa 1907. Bald war der „Palacio Mihanovich“ dank seiner rauschenden Feste stadtbekannt. Dieses Juwel der Architekten Christophersen und Kihlberg wurde offenbar in den siebziger Jahren abgerissen.

Aus dem vornehmen Belgrano zieht Familie Markovitch 1918 ins Zentrum, in die Straße Reconquista 554, in ein sechsstöckiges, von einem kleinen Tempel bekröntes Gebäude. Vater Markovitch hatte es für Antonio Devoto entworfen, einen Emigranten, der sich wie Mihanovich zu Reichtum emporgearbeitet hatte und einem ganzen Viertel den Namen geben sollte. Er starb 1916. Begraben liegt er zusammen mit seiner Frau, Comtesse Elina Pombo de Devoto, in der Krypta der Kirche San Antonio de Padua in der Av. Lincoln 3751, die Antonio Devoto hatte vollenden lassen. Architekt war Joseph Markovitch.

Die Verleihung des Ordens mit dem Doppeladler durch Kaiser Franz Joseph für den inzwischen erfolgreichen Architekten scheiterte, da das Schiff mit dem Orden aus Wien Verspätung hatte. Der Botschafter musste die Feier absagen.

1918 gibt Vater Markovitch sein Büro auf, die neue Adresse, die 1921 im Telephonbuch erscheint, ist nun Avenida de Mayo 651. Sie existiert noch heute. Im folgenden Jahr lautet die Anschrift Belgrano 342, Ecke 5 de Julio. Der Vater lebt immer mehr getrennt von Frau und Tochter, Dora besucht ihn ein letztes Mal 1929.

Im Stadtbild von Buenos Aires begegnen wir Markovitch noch in dem unscheinbaren Gebäude Esmeralda 433, dem Petit Hôtel in 25 de Mayo 244, dem mit Turm und Kugel bekrönten Gebäude Avenida Alem/Perón/25 de Mayo, ursprünglich Sitz der Schifffahrtsgesellschaft Nicolás Mihanovich. Auch der „Wetteranzeiger“, die aus weißem Marmor gefertigte „Columna meteorológica“ im Jardín Botánico, ein Geschenk der österreichisch-ungarischen Gemeinde von Buenos Aires anlässlich der Hundertjahrfeier 1910 stammt von Doras Vater. Ihr ursprünglicher Standort war gegenüber der österreichisch-ungarischen Botschaft in der Avenida Belgrano/Perú, bevor sie 1923 an ihren heutigen Platz „umzog“. Angesichts der 200-Jahrfeier des Landes übernahm wiederum die österreichische und ungarische Gemeinde in Argentinien die kostspielige Restaurierung.

So weit die argentinische Geschichte der späteren Muse Picassos und ihrer Familie. In die Geschichte eingegangen ist sie, selbst Fotografin und Malerin, nicht als Bekannte von Georges Bataille oder Freundin von Paul Éluard, André Breton, Jacques Lacan oder des ungarischen Fotografen Brassai, sondern als die „Weinende Frau“ (1937), ein Gemälde Picassos, Ausdruck der Tragik des Bürgerkrieges – und ihrer eigenen. Zum Weinen war schließlich auch ihr Schicksal: Nachdem sie in der Gunst Picassos von Françoise Gilot abgelöst worden war, verfiel sie zunehmend in Wahn und Mystizismus. Seine Gemälde in ihrem Besitz verwahrte sie in einer Art Krypta. „Sie war ein so dunkler Mittag, dass man die Sterne sehen konnte“, sagte Picasso über sie.

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