Eine Gaudí-Kapelle in Chile

Nach Antoni Gaudís Plänen sollen bald die Bauarbeiten für eine Kapelle in Chile beginnen. Sie wird das einzige Gaudí-Werk außerhalb Spaniens sein. Von José García
Foto: Corporación Gaudí de Triana | Antoni Gaudí erstelle diese Skizze (Detail) zunächst für eine Kapelle in der Apsis der „Sagrada Familia“.
Foto: Corporación Gaudí de Triana | Antoni Gaudí erstelle diese Skizze (Detail) zunächst für eine Kapelle in der Apsis der „Sagrada Familia“.

Der Architekt Antoni Gaudí (1852–1926) steht insbesondere für einen der spektakulärsten Kirchenbauten der Gegenwart: die 1882 begonnene, bis heute unvollendete Basilika „Sagrada Familia“ („Sühnekirche der Heiligen Familie“) in Barcelona, deren Hauptaltar Papst Benedikt XVI. am 7. November 2010 weihte. Darüber hinaus ist Gaudí, dessen Seligsprechungsprozess im Jahre 2000 eingeleitet wurde, vor allem mit der Stadt Barcelona verbunden. In der zweitgrößten Stadt Spaniens entstanden mehrere Wohnhäuser nach Gaudís Plänen sowie der bekannte Park Güell (1900–1914).

Zeugnis der geistlichen Partner Spanien und Amerika

Fern von Barcelona ist jedoch Gaudís Schaffen überschaubar. Er baute etwa den Bischofspalast von Astorga (1889–1893) oder zwei weitere Häuser in Nordspanien. Außerhalb Spaniens konnte der geniale Architekt – der zusammen mit Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier zu den großen Erneuerern der Architektur im 20. Jahrhundert zählt – jedoch kein einziges Projekt realisieren: Weder das entworfene Kloster mit Krankenhaus und Schule in Tanger noch ein geplanter Wolkenkratzer in New York wurden je gebaut.

Deshalb kommt es einer Sensation gleich, dass nun in Chile eine Kapelle nach Gaudís Entwurf gebaut werden soll. „Chile wird die Ehre zukommen, das einzige gebaute Werk Gaudís außerhalb Spaniens zu besitzen“, erklärt dazu der Bauherr, die „Corporación Cultural Gaudí de Triana“, auf seiner Homepage gaudichile.cl. Die Kapelle mit 30 Metern Höhe und zehn Metern Länge wird in Rancagua, etwa 85 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago de Chile, realisiert.

Die Geschichte der Kapelle geht auf eine Reise des chilenischen Franziskanerpaters Angélico Aranda nach Barcelona im Jahre 1909 zurück. Aranda war von den Arbeiten an der „Sagrada Familia“ fasziniert. Aber erst Jahre später nahm das Projekt für eine Kapelle nach Gaudís Plänen in Chile konkrete Gestalt an: Im August 1922 schrieb der Franziskanerpater dem Architekten: „Da ich einen wirklich originellen Kapellenbau plane, habe ich an Sie gedacht.“ Aranda bat Gaudí um einen Entwurf für diese Kapelle „wie nur Sie können“. Als Gegenleistung bot der Franziskanerpater an, Gaudí in seine Gebete einzuschließen. Die Kapelle sollte Unserer Lieben Frau von den Engeln geweiht werden und ein „Ort der Versöhnung“ sein. Am 12. Oktober 1922 schickte Antoni Gaudí eine positive Antwort nach Chile. Er fügte zwei Skizzen bei, die Gaudí eigentlich für eine Kapelle in der Apsis von „Sagrada Familia“ nutzen wollte. Die chilenische Kapelle in Rancangua „wäre ein Zeugnis geistlicher Partnerschaft zwischen Spanien und Amerika“, so der Baumeister in seiner Antwort. Aus dieser Skizze wurde jedoch kein richtiger Entwurf, obwohl sich der Architekt nach Einzelheiten des Projekts sowie nach der „Kraft der dort vorherrschenden Winde“ erkundigt hatte. Antoni Gaudí starb 1926, ohne am Chile-Projekt weitergearbeitet zu haben. Bis Pater Arandas Tod 1961 ruhte das Projekt für eine Kapelle in Rancagua ebenfalls.

Erdbebensichere Bauweise in typischer Hyperbelform

Die Originale des Briefwechsels zwischen Aranda und Gaudí gingen in den Wirren des spanischen Bürgerkrieges (1936–1939) verloren. Im Jahre 1973 wurden aber Kopien der Briefe im Diözesanarchiv Barcelona wiedergefunden. Dennoch dauerte es erneut mehr als zwei Jahrzehnte, ehe 1996 der Verein „Corporación Cultural Gaudí de Triana“ mit dem Ziel gegründet wurde, in Rancagua eine Kapelle nach Gaudís Skizzen zu errichten. Neben der Kapelle, die in erdbebensicherer Bauweise mit einer Dachkonstruktion in für Gaudí charakteristischer Hyperbelform gebaut und vom gleichschenkligen Kreuz gekrönt werden wird, sollen weitere Begegnungs- und Ausstellungsräume entstehen. Darüber hinaus gehören zum Rancagua-Projekt ein für Menschen aller Konfessionen offenes „Haus der Stille“, dem touristischen Charakter des Projekts geschuldete „Ergänzungsbauten“ (Buchhandlung, Souvenirshop, Cafeteria) sowie eine Kunstgewerbeschule. Denn die Projektbetreiber erhoffen sich vom Bau der Kapelle auch einen Tourismusaufschwung. Zurzeit besuchen die Region O'Higgins, zu der Rancagua gehört, etwa 180 000 Menschen im Jahr. Mit der Fertigstellung des „Gaudí-Projekts“ erwarten die Stiftungsmitglieder eine Verdoppelung der Besucherzahlen.

Die Bauarbeiten sollen noch bis 2017 dauern

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob ein lediglich nach zwei Entwürfen des genialen Architekten entstandener Bau berechtigterweise als ein „Werk Gaudís“ angesehen werden kann. Deshalb sucht das von Christian Matzner geleitete Architektenteam einen engen Kontakt zur „Sagrada Familia“-Stiftung. Jordi Faulí, der jetzige Leiter der Bauarbeiten an der Basilika in Barcelona, hat seine Bereitschaft erklärt, dem chilenischen Projekt beratend zur Seite zu stehen. Die „Corporación Gaudí de Triana“ betont, dass sie ebenfalls auf die Hilfe des Lehrstuhls „Gaudí“ an der Technischen Hochschule Barcelona rechnen darf.

Für die Finanzierung sorgen lokale und nationale Institutionen wie das Bau- sowie das Wohnungs- und Städtebauministerium. Bei einem Besuch am 18. Dezember 2014 erklärte Chiles Präsidentin Michelle Bachelet das Projekt zur „Präsidentin-Sache“. Die Bauarbeiten sollen in der zweite Jahreshälfte beginnen und bis 2017 andauern. Die Kapelle in Rancagua soll jedenfalls vor Fertigstellung der Basilika „Sagrada Familia“, die für den hundertsten Todestag Gaudís 2026 vorgesehen ist, eröffnet werden.

Weitere Informationen unter:

www.gaudichile.cl.

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