Eine christliche Gesellschaft schaffen

Fast schon modern: Zwei Untersuchungen zu Justinian und seiner Zeit. Von Clemens Schlip
Foto: IN | Justinian, Mosaik aus der Kirche San Vitale in Ravenna.
Foto: IN | Justinian, Mosaik aus der Kirche San Vitale in Ravenna.

In manchen Gegenden Deutschlands prägte seine Gesetzgebung bis zur Einführung des BGB am 1. Januar 1900 den Alltag der Gerichte; dem Gesetzeswerk „Corpus Juris Civilis“ des byzantinischen Kaisers Justinian (482–565) war ein Nachwirken beschert, das örtlich weit über die Grenzen und zeitlich weit über das Ende des oströmischen Reiches hinausgriff. Allgemein bekannt ist er als Erbauer der Hagia Sophia. Zwei Neuerscheinungen widmen sich dem Kaiser. Hartmut Leppins Monographie „Justinian. Das christliche Experiment“ (Klett-Cotta) und ein von Mischa Meier herausgegebener Sammelband „Justinian“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).

Der Frankfurter Althistoriker Hartmut Leppin hat eine Biographie des Kaisers verfasst, die sich sowohl durch umfassende Aufarbeitung der Quellen wie durch einen kritischen Umgang mit ihnen auszeichnet. Leppin zeichnet den Lebensweg des Kaisers nach, von seiner Karriere am Hof zu Konstantinopel über seinen Herrschaftsantritt und die verschiedenen Bewährungsproben seiner fast vierzigjährigen Regierung – Aufstände, auswärtige Kriege, innerchristliche Glaubensstreitigkeiten – bis zu seinem „Ende in Isolation“.

Dabei entsteht ein Bild der damaligen Gesellschaft, die von einer erstaunlichen sozialen Durchlässigkeit geprägt war, für die der Bauernsohn Justinian aus dem lateinisch-sprachigen illyrischen Grenzgebiet eines der besten Beispiele ist. Märchenhaft war der Aufstieg seines Onkels Justin, der vom einfachen Mitglied der kaiserlichen Garde schließlich – obwohl Analphabet – zum Kaiser aufstieg und so seinem Neffen den Weg zum Thron ebnete. Justinians Gattin Theodora war in ihrer Jugend Schauspielerin – und wohl auch Prostituierte – gewesen, und es bedurfte einer Gesetzesänderung durch seinen Onkel Justin, um diese Heirat möglich zu machen.

Die Zeit war von theologischen Kontroversen geprägt. Leppin zeigt, wie Justinian an ihnen aktiven Anteil nahm und schließlich selbst zum theologischen Schriftsteller wurde. Im Vordergrund stand der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des Konzils von Chalkedon, das die Lehre von den zwei Naturen Christi (göttlich und menschlich) dogmatisiert hatte. Die Miaphysiten erkannten nur die göttliche an, während die orthodoxe Partei – Leppin selbst vermeidet den Begriff „Orthodoxie“ in übergroßer Vorsicht und spricht von „Chalkedoniern“ – treu zum Konzil stand. Justinian stand auf der Seite Chalkedons; seine Gattin Theodora dagegen begünstigte die Miaphysiten. Beide Gruppen hatten somit einen Ansprechpartner. Ob das eine bewusste Arbeitsteilung innerhalb des Kaiserpaares war? Trotz seiner orthodoxen Haltung zeigte Justinian gegenüber den Miaphysiten – trotz grundsätzlicher Ablehnung – auch Offenheit.

Persönliche Heiligkeit beeindruckte ihn auch bei theologischen Gegnern. Von besonderem Interesse sind die Beziehungen Justinians zu den Päpsten. Mehr als einen von ihnen konnte er in Konstantinopel willkommen heißen. Den Papst Vigilius zwang er, ungerechte lehrmäßige theologische Verurteilungen, die er, Justinian, verfasst hatte, zu unterschreiben. Dass dieses Einknicken des Papstes unter dem Druck des Kaisers nach Leppin „ein schwieriges Problem für alle diejenigen“ sein soll, „die die Unfehlbarkeit des Papstes“ behaupten, zeigt freilich nur, dass der Autor die Lehre von der Unfehlbarkeit nicht wirklich kennt. Am Ende wandte sich Justinian der christlichen Sekte der Aphtartodoketen zu, und wurde somit für die Orthodoxen zum Häretiker.

Die Bevölkerung hielt dem Sturm der Araber nicht stand

Stets präsent ist in dem Buch das, was schon der Titel als „christliches Experiment“ bezeichnet: Das Bestreben Justinians, eine christliche Gesellschaft zu schaffen, wie es sich in seiner Gesetzgebung niederschlug, die für Leppin einen ungewöhnlich systematischen, fast schon modernen Charakter hat. Fürsorge für die sozial Schwachen aus christlicher Verantwortung war eines ihrer Hauptanliegen. Ein anderes Anliegen Justinians war das sittliche Leben: Hier sticht sein entschiedenes Vorgehen gegen die Homosexualität hervor, ein Erbe aus dem alten Griechenland, das zur Zeit des Kaisers auch in die Reihen des höheren Klerus Eingang gefunden hatte. Justinian verhängte drakonische Strafen. Freilich wurde diese Anklage auch zu politischen Zwecken missbraucht. Kritisch sieht Leppin die Maßnahmen, die Justinian gegen die Juden, die verbliebenen Heiden und andersgläubige christliche Gruppen ergriff. Die Sekte der Montanisten etwa erlosch unter seiner Regierung. Im Jahre 529 schloss Justinian die alte platonische Akademie zu Athen, 537 den berühmten Isis-Tempel in Philae. Justinian betrachtete sich als verantwortlich für das Seelenheil seiner Untertanen und sah sich zur Ausübung von Zwang berechtigt. Leppin stellt auch eine „Liturgisierung“ des Alltags fest, der zunehmend von christlichen Riten – zum Beispiel Prozessionen – geprägt war. Heilige Bilder und Reliquien wurden immer wichtiger. Unter Justinian gewann das Christentum an architektonischer Präsenz; Beispiel par excellence dafür ist die Hagia Sophia, die Leppin kenntnisreich vorstellt. Häufig wurden Relikte der alten heidnischen Zeit durch christliche Symbole ersetzt, wie eine Statue des Christenfeindes Julianus Apostata durch ein Kreuz.

Dass Leppin weitgehend darauf verzichtet, das Handeln des Kaisers nach modernen Kriterien zu beurteilen, verdient positiv hervorgehoben zu werden, trotz einiger störender hyperkritischer Untertöne. Insgesamt belässt er Justinian in seiner Zeit und nimmt die Religiosität des Herrschers ernst. Das Buch ist einem weiten Publikum zu empfehlen. Es gibt weniges, das so faszinierend ist, wie der Prozess der Transformierung der spätantiken Gesellschaft in eine christliche. In diesem Prozess bezeichnet Justinians Regierung eine wichtige, abschließende Etappe.

Eher an Leser, die im Bereich akademischer Lehre und Forschung tätig sind, richtet sich der von dem Tübinger Althistoriker Mischa Meier herausgegebene Sammelband „Justinian“; er bietet anhand ausgewählter Aufsätze einen repräsentativen Überblick über die Justinian-Forschung der letzten Jahre. Theologisch interessant ist der Aufsatz von Karl-Heinz Uthemann über „Kaiser Justinian als Kirchenpolitiker und Theologe“, der die christologischen Verwerfungen, mit denen Justinian sich auseinanderzusetzen hatte, wesentlich detaillierter darstellt, als dies im Buche Leppins möglich war. Dieser ist auch in dem Sammelband vertreten, mit einem Beitrag über „Die Anfänge der Kirchenpolitik Justinians“ und mit einem umfassenden Überblick über die Tendenzen der jüngeren Justinianforschung. Von den weiteren Beiträgen des Sammelbandes, die sich Spezialfragen widmen, verdient die medizinhistorische Studie Karl-Heinz Levens über die Pestepidemien zur Zeit des Justinian Erwähnung. Wer weiß schon, dass nicht zuletzt diese „justinianische“ Pest durch die Schwächung, die sie der Bevölkerung zufügte, die Vorbedingung dafür schuf, dass der Arabersturm des 7. Jahrhunderts über den Nahen Osten und Ägypten hinwegfegen konnte, ohne auf größere Gegenwehr zu stoßen? Mit der politischen Propaganda Justinians beschäftigt sich Karl Leo Noethlichs. Wichtig scheint seine Beobachtung, dass der Kaiser keine Restauration des alten römischen Imperiums anstrebte. Ein Grund dafür war seine Überzeugung von der moralischen Überlegenheit seiner Gegenwart; diese aber wurzelte für ihn im orthodoxen Christentum. Wer sich mit Justinian wissenschaftlich auseinandersetzt, wird an diesem Band nicht vorbeikommen.

– Hartmut Leppin: Justinian. Das christliche Experiment, Klett-Cotta, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-608-94291-0, EUR 27,95 – Mischa Meier (Hg.): Justinian (Neue Wege der Forschung), Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-23001-3, EUR 39,90

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