Ein zärtlicher Titan

Alexander Solschenizyn galt als das „Gewissen Russlands“, dann kritisierte der gläubige Christ den Westen. Von Barbara Wenz
Jahresrückblick - Alexander Solschenizyn  gestorben
Foto: Foto: | Jenseits von links und rechts: Als gläubiger Christ passte Alexander Solschenizyn in kein politisches Schema.dpa

Aus dem Jahre 1974, der zwangsexilierte Solschenizyn war vorübergehend bei Heinrich Böll untergekommen, stammt ein Schwarzweiß-Porträt: Mit andächtigem Blick steht Alexander Issajewitsch auf der Plattform vor dem Kölner Dom. Ebenso hingerissen wie beeindruckt schaut er mit großen Augen empor – sein Bart ist noch schwarz, er trägt eine russische Pelzmütze auf dem Kopf und er staunt: „Mehr als die verschlungene Ornamentik berührte mich die spirituelle Aussagekraft dieses Gebäudes, seine Türme und ihre Spitzen, die himmelwärts streben. Ich hielt den Atem an … und die Reporter, die um mich herum waren, machten diesen Schnappschuss von mir, wie ich den Dom anstarrte.“

Zu diesem Zeitpunkt war der 1918 geborene Schriftsteller auf dem Zenit seiner Berühmtheit, ein literarischer Star, der vier Jahre zuvor den Literaturnobelpreis verliehen bekommen, aber nicht nach Stockholm hatte ausreisen dürfen, und zugleich der bekannteste russische Dissident, der nicht nur im Westen als moralische Autorität hoch angesehen und verehrt wurde. Im Osten galt er als „das Gewissen Russlands“.

Der einstmals überzeugte Leninist und Kriegsheld der Roten Armee wurde von der Front weg verhaftet, weil er so leichtsinnig gewesen war, in Briefen an einen „Freund“ Kritik an Stalin zu üben. Dafür wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt, die er zunächst in einem Spezialgefängnis für Wissenschaftler – er war studierter Mathematiker – und danach in einem Arbeitslager verbrachte. Dort begegnete er den zum Christentum konvertierten jüdischen Arzt Boris Kornfeld, der ihn zutiefst beeindruckte und nach einem letzten nächtlichen Gespräch über den Glauben von Unbekannten mit acht Hammerschlägen auf den Kopf in seiner Zelle ermordet wurde.

Solschenizyn aber, dessen orthodoxgläubiger Großvater in der Revolutionszeit von den Bolschewisten verfolgt und in den Tod getrieben worden war, bekehrte sich. Seine Konversion fasst er in ein Gedicht mit den Anfangszeilen: „Des höchsten Sinnes mildes Licht, das sich erst später mir offenbart“ und er bekennt: „Auf dem verfaulten Gefängnisstroh habe ich die erste Regung des Guten verspürt.“ Im Jahre 1953 wird er aus dem Gulag, eine Abkürzung für Glawnoe Upravlenie Lagerej – Hauptverwaltung der Lager – entlassen und sogar rehabilitiert, doch erkrankt er an Krebs mit einer so geringen Überlebenswahrscheinlichkeit, dass er seine Heilung als ein „Wunder Gottes“ bezeichnet. Er hat diese Erfahrung später in „Krebsstation“ veröffentlicht.

Sein wichtigstes Werk wird für alle Zeiten jedoch „Archipel Gulag“ bleiben, ein in der Literaturgeschichte erratisch dastehendes Werk, welches Erinnerungen, Erzählungen, Sitzungs- und Gerichtsprotokolle, Gesetzestexte, Impressionen und Eindrücke zu einer verstörenden Collage montiert, für die er nicht nur vom Geheimdienst beobachtet und verfolgt wurde, sondern vor dessen Lektüre auch idealistisch gesinnte westliche Linke lange Zeit wie der Teufel vorm Weihwasser zurückscheuten. Während der sogenannten „Tauwetter“-Periode ab dem Tode Stalins 1953 unter der Ära Chruschtschow durfte er „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ veröffentlichen, eine – leichter als der „Archipel“ zu lesende – Erzählung über den Alltag in einem sowjetischen Arbeitslager.

Im Mai 1967 schrieb er an den sowjetischen Schriftstellerkongress einen Brief, in dem er die Abschaffung der Zensur forderte. Sein tschechischer Kollege Pavel Kohout trug diesen Brief kurze Zeit später in Prag öffentlich vor dem dortigen Schriftstellerkongress vor – der darauffolgende Aufstand der Intellektuellen gilt als Auslöser für den Prager Frühling.

Der Westen kam mit Solschenizyn in keiner Weise zurande – geehrt und gelobt für sein monumentales anklagendes Werk gegen den Stalinismus, stieß er alsbald im Exil in Cavendish im US-Staat Vermont die Machthaber mitsamt den Massenmedien vor den Kopf. Sie hatten nie realisiert, dass dieser Mann kein liberaler, verweichlichter Opponent war. Alexander Solschenizyn, der Mann mit den weichen Gesichtszügen, denen der Vollbart Konturen verlieh, war kein Intellektueller im westlichen Sinne. Solschenizyn besaß die überragende Intelligenz eines militärischen Analytikers, er hatte gedient, er hatte gekämpft. Das Schwert seines Geistes war zwiefach gehärtet worden – an der Front und im Lager – und sein Herz brannte für das russische Volk.

Wer den Horror des Stalinismus erfahren und verstehen will, muss seinen Archipel Gulag oder den Ersten Kreis der Hölle lesen. Wer das russische Volk verstehen will, lese seine Erzählung „Matrjonas Hof“. Wer den Menschen Solschenizyn verstehen will, greift nach seinen Erzählungen und besser noch, seinen Prosaminiaturen, die in Deutschland unter dem Titel „Was geschieht mit der Seele während der Nacht?“ veröffentlicht wurden. Diese Miniaturen beschreiben zum Beispiel das Demütigsein vor einem Gewitter im Gebirge, vor der einzigartigen, entzückenden Schönheit eines gelben Entenkükens, vor längst aufgelassenen Schützengräben. In ihnen kommen „Kirchtürme wie Zarentöchter“ vor, oder eindrückliche Bilder und Aussagen wie diese: „Die Tiefe der Volksseele atmet“ – und „Jedem Lebenden ist nur dies beschieden, seine Arbeit und seine Seele“. Zum Gedenken an die Toten heißt es: „Es ist uns von Menschen überantwortet, die ihr Leben weise und heilig verbracht haben. Den dahinter verborgenen Sinn zu erfassen, ist uns nicht in der Zeit der lebhaften Jugend gegeben … Sondern erst mit den Jahren.“

Sogar zwei selbstverfasste Gebete umfasst diese Sammlung. In einem bekennt der Dichter „Wie leicht ist es mit Dir zu leben, o Herr! Wie leicht ist mir, an Dich zu glauben!“ Es ist dieser Solschenizyn, den zu entdecken sich lohnt, denn er ist es, dessen Herz und Seele den Krieg, den Gulag und das Exil ertragen und überleben konnte, ohne daran irre zu werden oder zu zerbrechen. Den zärtlichen Titanen, der nicht nur gegen die Zustände in der sich in Auflösung befindlichen Sowjetunion aufstand, sondern auch den Westen scharf kritisierte, für dessen Willenlosigkeit, mangelnden Mut und seine mangelnde Moral, für das er – man muss es zweimal lesen – das humanistische Menschenbild verantwortlich machte, das in einem standardisierten Dasein des Wohlstands und Konsums, ausgehend von dem Denken der Renaissance und seinen Höhepunkt in den aufklärerischen Schriften des 18. Jahrhunderts gefunden habe.

Doch was störte ihn an dieser Lebenshaltung genau? Solschenizyns einziges Streben, das Zentrum seines Denkens und Schreibens – und er schrieb diszipliniert jeden Tag, bis auf die Jahre im Lager, da lernte er das zu Schreiben Habende innerlich auswendig –, das war die Frage nach der Wahrheit. Eine Frage, die man im Westen gründlich verlernte hat zu stellen – indem man die Wahrheit einfach dekonstruiert hatte.

Solschenizyn war ein Mensch, der um Gut und Böse wusste – anlässlich einer Rede vor dem US-amerikanischen Gewerkschaftsbund, zu der man ihn 1975 eingeladen hatte, rief er aus: „Heutzutage, im 20. Jahrhundert, wird man fast zum Gespött, wenn man von ,Gut‘ und ,Böse‘ redet. Diese Begriffe sind fast altmodisch geworden.“ Dabei belässt er es nicht, sondern fährt mit großer Entschiedenheit fort: „Das Böse in der Welt, voll riesigen Hasses und riesiger Kraft, konzentriert sich. Es verteilt sich über die Erde. Man muss sich entgegenstellen, anstatt eilig alles an das Böse abzutreten, was auch immer es verschlingen möchte.“ Wenn wir uns nun, zehn Jahre nach dem Tod dieses Mannes, besonders in Europa, aber auch weltweit umblicken, so werden wir feststellen, dass diese Handlungsanweisung – für uns Christen jedenfalls – aktueller ist denn je. 1978 hielt Solschenziyn, immer noch in Amerika weilend, seine Rede für die Abschlussfeierlichkeiten der berühmten Harvard-Universität. Eigentlich hatte man von ihm „Dankesbezeugungen eines Flüchtlings an den großen atlantischen Staat der Freiheit, das Besingen seiner Macht und jene Tugenden, die in der Sowjetunion fehlten“, erwartet, erinnert er sich.

Doch ein Sturm der Entrüstung fegte monatelang über den Redner hinweg, der es gewagt hatte, das verweichlichte westliche Wohlstandsdenken, seinen politischen Apparat, geführt von willenlosen Bürokraten, die den Bedrohungen durch den Terrorismus nichts entgegenzusetzen hätten, und die Rolle der Massenmedien dabei zu kritisieren. Letzteres vor allem anderen brachte ihm natürlich viel schlechte Presse, aber es gab auch Leserstimmen, die erkannt hatten, dass hier einer zu den Vereinigten Staaten spräche wie ein alttestamentarischer Prophet zum Volk Israel.

Dieser eigenwillige, an der Wahrheit und am sittlich Guten ausgerichtete Mahner hatte sich damit nicht nur mit dem sowjetischen, sondern auch mit dem westlichen System angelegt und wurde fortan von zwei Seiten beschossen. Seine Erinnerungen dazu tragen den bezeichnenden Titel „Zwischen zwei Mühlsteinen“.

1990 wieder eingebürgert, kehrte Solschenizyn am 27. Mai 1994 nach Russland zurück. Er reiste durch die Provinzen und Städte, und sprach mit vielen hundert Menschen. Über seine Liebe für sein Heimatland schreibt er: „… hätte es mich unersättlich noch weiter durch Russland getrieben, an jedem Ort hätte ich mein Herz gelassen.“ Bereits vier Jahre später veröffentlicht der Unermüdliche, inzwischen Achtzigjährige, seinen Titel „Russland im Absturz“. Es ist eine gnadenlose Zustandsbeschreibung der für das Land und die Russen so desaströsen und chaotischen neunziger Jahre, welche nachvollziehbar macht, warum sich das Land heute politisch unter den Bedingungen findet, die sich uns präsentieren – nicht zuletzt auch, wie es zur Ukraine-Krise kommen konnte.

Solschenizyns Leben und Werk bietet nicht nur demjenigen, der sich für die russische Geschichte, Kultur, die Menschen und die russische Seele interessiert, ein Jahrhundert Russland in nuce, sondern auch einen kritischen Blick auf den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustand des „freien Westens“.

Für Christen, die sich den Herausforderungen der kommenden zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts stellen müssen, zeigt es vorbildliche Tugenden auf und ermutigt dazu, an den jeweiligen Platz gestellt, mit Zähigkeit und Gottvertrauen das Richtige zu sagen und zu tun. Alexander Issajewitsch Solschenizyn starb am 3. August 2008 in Moskau und wurde im Donskoj-Kloster beigesetzt.

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