„Ein Werkzeug des Teufels“

Cesare Borgia: Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Renaissance zwischen unverhohlener Bewunderung und tiefster Abscheu. Von Ulrich Nersinger
Foto: IN | Bei den „Drei Kopfstudien eines Mannes“ von Leonardo da Vinci soll es sich um Skizzen zu Cesare Borgia handeln.
Foto: IN | Bei den „Drei Kopfstudien eines Mannes“ von Leonardo da Vinci soll es sich um Skizzen zu Cesare Borgia handeln.

In den frühen Morgenstunden des 12. März 1507 verstarb Cesare Borgia im Alter von nur 31 Jahren. Der Sohn Papst Alexanders VI. ließ in einem blutigen Gefecht am südlichen Fuß der Pyrenäen sein Leben; Augenzeugen gaben zu Bericht, dass Cesare trotz schwerster Verwundungen bis zu seinem letzten Atemzug mit dem Schwert in der Hand gekämpft hatte. Der Leichnam wurde in der Pfarrkirche von Viana beigesetzt. Das prachtvolle Grabmal des Borgiasprösslings schmückte ein Epitaph, das der Poet Soria verfasst hatte: „In wenig Erde ruhet hier, er ließ die Welt erbeben, der den Frieden und den Krieg in seinen Händen hielt. Bist Du, Besucher, auf der Suche nach würd'gen Dingen, die man rühmt, und willst das Rühmlichste wohl sehn, bist Du schon hier am rechten Ort, brauchst weiter nicht zu gehen.“ Die Grabstätte sollte jedoch nicht lange existieren. Der Bischof von Calahorra, dessen Vorgänger zu Zeiten Alexanders VI. in der Engelsburg durch die Hand des spanisch-römischen Adelsgeschlechts den Tod gefunden hatte, ließ sie zur Gänze einreißen und die Knochen des Cesare Borgia vor den Stufen der Kirche verscharren.

So wie das Geschehen um die irdische (Un)ruhestätte des Papstsohnes, so bewegt sich auch die Würdigung des kurzen Lebens einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Renaissance zwischen unverhohlener Bewunderung und tiefster Abscheu. 1475 wird Cesare als Sohn des Kardinals und Vizekanzlers der Kirche, Rodrigo Borgia, und seiner Mätresse Vannozza de Cattanei geboren. Der „Neffe“ des einflussreichen spanischen Purpurträgers, dem von seinem Vater aus kirchenpolitischen Gründen zunächst die Legitimation als Sohn verweigert wird, ist für eine klerikale Laufbahn ausersehen. Mit sieben Jahren wird er zum Apostolischen Protonotar ernannt; weitere kirchliche Ämter wie Kanonikate und die Verleihung von Bischofssitzen folgen. 1493 erhält Cesare aus den Händen seines Vaters, der mittlerweile als Alexander VI. den Stuhl des heiligen Petrus bestiegen hat, den römischen Purpur. Als sein älterer Bruder Juan ermordet wird, legt er die Kardinalswürde nieder, um die politischen und militärischen Interessen des Papstes durchsetzen zu können. Cesare wird danach trachten, dem Vater die Herrschaft über Rom und Mittelitalien zu sichern – im Kampf gegen die Feinde im Inneren der Päpstlichen Staaten wie auch gegen die Bedrohung, die sich von außerhalb durch fremde Machthaber zeigt. Trotz mancher Siege, die er nicht selten mit unvorstellbarer Brutalität errungen hat, scheitert er letztendlich.

Cesare Borgia verkörpert wie kaum ein anderer die Epoche der italienischen Renaissance, einer Zeit, die sich gleichermaßen durch ein feinsinniges Kunstverständnis und unvorstellbarer Korruption, erstaunlicher Prachtentfaltung und beispielloser Gewalt, großer Mildtätigkeit und hemmungsloser Raffgier, echter Frömmigkeit und sexuellen Ausschweifungen definierte. Leonardo da Vinci arbeitete für ihn als Militäringenieur; das Universalgenie entwarf für Cesare neuartige Kriegsmaschinen, so ein rotierendes Abschussgerät für sechzehn Armbrüste mit Schnellfeuerfunktion. Niccolo Machiavelli sah in ihm das Idealbild seines „Fürsten“ – „Cesare wurde die Inkarnation der politischen Ideen Machiavellis“, so Uwe Neumahr. Vertreter einer betont christlichen Ethik betrachteten den Papstsohn als eine Abkehr von jeglichem sittlichen Bewusstsein; der protestantische Dichter Barnabe Barnes (1569–1609) beschrieb ihn in seiner Tragödie „The Devil's charter“ unverhohlen als ein Werkzeug des Teufels. Für Friedrich Nietzsche hingegen war Cesare Borgia ein Mensch „jenseits von Gut und Böse“, der für eine neue Ethik stand, die mit der alten christlichen Moral brach. Italienische Historiker des 19. Jahrhunderts glaubten in dem Papstsohn einen Vorläufer Giuseppe Garibaldis zu erblicken, dessen Ziel eine Einigung Italiens und der Widerstand gegen das Bestreben ausländischer Invasoren war.

„Cesare fasziniert und polarisiert bis heute. Idealisierung geht mit Dämonisierung einher“, schreibt Uwe Neumahr gegen Ende seiner eindrucksvollen Biografie „Cesare Borgia. Sohn des Papstes, Stratege der Macht, Fürst der Renaissance“. Neumahr, promovierter Historiker und langjähriger Mitarbeiter der Forschungsstelle zur spanischen Renaissance an der Universität Kiel, legt in Zeiten einer medialen Borgiamania ein überaus lesenswertes Buch vor. Angenehm unaufgeregt vermittelt er wissenschaftlich fundiert und spannend geschrieben die Lebensgeschichte Cesares. Der Autor unterlässt jede plakative Darstellung und verfällt nicht den Verlockungen jahrhundertealter durch die Geschichtsschreibung tradierter Vorurteile. Er ist um ein Höchstmaß an Sachlichkeit bemüht – ohne zu langweilen. Uwe Neumahr nimmt den Leser seines Buches ernst und entbindet ihn nicht von einer eigenständigen Ausein-andersetzung mit dem Geschriebenen.

Uwe Neumahr: Cesare Borgia. Sohn des Papstes, Stratege der Macht, Fürst der Renaissance, 304 Seiten, Abbildungen, Register, Casimir Katz Verlag, Gernsbach 2011, ISBN: 978-3-938047- 58-3, EUR 24,80

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