Ein Web-Präsident ist Obama nicht

Der amerikanische Präsident hat sich zwar eine mediale Allpräsenz aufgebaut, er verhindert aber politische Transparenz

Ist der amerikanische Präsident Barack Obama wirklich der erste Web-Präsident der Geschichte, als den ihn seine Anhänger feiern? Die Antwort fällt leicht. Denn wer im Internet auf der maßgeblichen Regierungsseite www.whitehouse.gov nachschaut, kann sich überzeugen, dass hier noch Wesentliches fehlt. Denn alle Welt, und das ist nicht übertrieben zu sagen, wartet seit hundert Tagen darauf, was wohl unter der Rubrik „Ethik“ zu lesen sein wird. Auch wenn der Präsident sonst sein Programm hier dargestellt hat, ist unter „Ethik“ lediglich vermerkt, dass diese Sektion noch zurückgestellt ist, um darüber nachzudenken. Hoffentlich denkt er gründlich nach. Religion steht übrigens nicht unter den Punkten auf der Agenda, vielleicht fällt sie bei Obama nur unter Ethik.

Der amerikanische Nachrichtensender CNN hat am Montag gemeldet, die Person Obamas sei unter Amerikanern wesentlich beliebter als seine Politik. Hierin ist sicher auch das Geheimnis seines medialen Erfolgs zu sehen. Im Mittelpunkt der Politik steht ein Personenkult, der vom Wahlkampf bis heute unter dem Motto zu stehen scheint „Kein Tag ohne Obama-Ereignis“. Es ist dieser eigentlich der Religion entborgte, aber ins Politische gedrehte, Bekenntnisstil, der Obama und seine Wählergemeinde zusammenschweißt. Seit dem Wahlkampf konnte Obama Millionen Helfer im Internet mobilisieren, um seine Politik voranzutreiben. Aber was Web-Blogger oder Bürger über „Youtube“, „Twitter“, „Facebook“ oder per SMS zustande bringen, ist immer von Subjektivität, Parteilichkeit und Polemik geprägt. Für den Medienwissenschaftler Norbert Bolz steht fest: „Authentizität ist den Bloggern wichtiger als Objektivität. Den Autoren geht es um Selbstpräsentation.“ Ganz wie Obama selbst. Das wird daran deutlich, dass er die am Weißen Haus etablierten Journalisten sowie auch bisher dominierende Zeitungen bei Interviews häufig übergeht, um sich an von ihm ausgesuchte Medien zu wenden oder gleich an die Bürger etwa in Youtube-Clips. Obama unterläuft so den kritischen Journalismus und damit die kritische Öffentlichkeit und schafft sich eine eigene Öffentlichkeit, von der er wohl hofft, dass sie ihm bald mehr glaubt als den Journalisten. So wird die Omnipräsenz des angeblichen „Web-Präsidenten“ zur Farce. Ebenso sein Blog-Raum auf der Regierungsseite whitehouse.gov, wo die angeblichen Blogs nichts als eine Selbstdarstellung der Regierung sind. Die gesamte neue Kommunikationsstrategie der Transparenz erscheint so nur als PR-Manöver, solange die eigene Ethik verschwiegen wird.

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