Ein vierstimmiges Vater unser

Die Gregorianik wieder in den Mittelpunkt gestellt: Igor Strawinskys liturgische Chormusik „Pater noster“. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Den Kern des Glaubens im Fokus: Der Komponist Igor Strawinsky.

Das Wesentliche im Einfachen zu fokussieren gehört zu den besonderen Begabungen Igor Strawinskys, der als einer der bedeutendsten Vertreter der Neuen Musik gilt. Am 17. Juni 1882 in Oranienbaum, 40 Kilometer vom Stadtzentrum St. Petersburg entfernt, geboren und am 6. April 1971 in New York City gestorben, setzte der russisch-französisch-amerikanische Komponist immer wieder überraschende Akzente. Wie viele Tonsetzer der Vergangenheit, man denke nur an Heinrich Schütz, Georg Philip Telemann, Georg Friedrich Händel oder Robert Schumann, studierte auch Igor Strawinsky auf Wunsch seines Vaters Fjodor zunächst Rechtswissenschaften in St. Petersburg, wurde im Anschluss aber Schüler bei Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow – einem der Wortführer der Gruppe der Fünf, nach dem russischen Namen „mogutschaja kutscha“ auch das mächtige Häuflein genannt. Diese Novatoren, wie sie sich selbst bezeichneten, setzten sich für eine nationalrussische Musik in der Tradition der Werke Michail Glinkas ein und wurden so zu einer Gegenbewegung in einer Musikszene innerhalb Russlands, die ausschließlich auf „Westliches“ setzte.

Doch bei aller inneren Verbundenheit mit seiner Heimat war Strawinsky selbst eher Weltbürger. Seine erste Auslandsreise führte ihn 1910 nach Paris, dem Uraufführungsort seiner Ballette „Der Feuervogel“, „Petruschka“ und „Le sacre du printemps“. Ab 1920 hielt er sich überwiegend in Frankreich auf, wurde 1934 französischer Staatsbürger, übersiedelte aber, um den Wirren den Zweiten Weltkrieges zu entgehen, 1940 nach Amerika, wo er während dreier Reisen 1925, 1935 und 1937 bereits Kontakte geknüpft hatte.

Stilistisch ist das Werk Strawinsky so vielfältig wie seine Lebenswelten. Schon in seinen Balletten zeigt sich das enorme Spektrum seiner Ausdruckskraft. Während „Der Feuervogel“ noch spätromantisch impressionistisch konzipiert ist, dominieren passend zur archaischen Thematik von „Le sacre du printemps“ insistierende Rhythmen und neue akkordische Klänge, während das melodiöse Element zurücktritt. Strawinsky arbeitet als Komponist immer auch reaktiv auf das, was er hörend wahrnimmt, und verschmilzt alles, ob es die Polytonalität und die ausgeprägte rhythmische Orientierung seiner bis zum Zweiten Weltkrieg entstandenen Werke, oder die seriellen Kompositionen der 1950er Jahre sind, zu einem ihm ganz eigenen Stil.

Sein „Pater noster“ entstand im Jahr 1926, kurz nachdem Strawinsky wieder in seine Kirche, konkret die russisch-orthodoxe Gemeinde von Nizza, zurückgekehrt war. Es war sein Wunsch, die qualitativ wenig überzeugende Kirchenmusik in den Gottesdiensten durch leicht einstudierbare, klangschöne Werke zu bereichern. Der Text des Vaterunser wurde zunächst in der russischen Liturgiesprache wiedergegeben, die lateinische Textfassung, in der das Werk weit über Strawinskys slawische Herkunftsregion, seine neue französische und später seine amerikanische Heimat hinaus bekannt geworden ist, wurde 1949 erstellt. In ganz ähnlichem Stil präsentieren sich das 1932 komponierte „Credo“ und das 1934 kreierte „Ave Maria“. Eine Verbesserung der kirchenmusikalischen Situation erhoffte sich der Komponist durch eine Bewegung zurück zu den Wurzeln. Das Bemerkenswerte und für unsere Zeit durchaus Lehrreiche ist, dass die Musik im Gottesdienst zu Strawinskys Zeit an zweierlei krankte: Zum einen war das Niveau ganz allgemein höchst mittelmäßig, zum anderen gab man einer auf Showeffekte ausgerichteten, von der italienischen Oper inspirierten Form der Musik den Vorzug. Strawinskys liturgische Kompositionen wirken demgegenüber geradezu karg, auf das Wesentliche fokussiert. Die vierstimmigen Chorsätze sind in syllabischem Stil vertont, die Harmonik ist modal, also an den überlieferten Kirchentonarten orientiert.

Die innere Verwandtschaft von Strawinskys „Pater noster“ mit der gregorianischen Fassung des Gebets ist klar erkennbar. Der Komponist arbeitet mit einer gesungenen Rezitation des Gebetes auf dem Tenor, also dem Rezitationston C. Ungeachtet der bewusst schlichten, einfachen, aber darum umso eindrucksvolleren Struktur, ist jeder Ton bewusst gesetzt. Die drei Bitten, in denen Gott angesprochen wird, sind mit einer Kadenz in G-Dur versehen, der Dominanttonart, die einen erhöhenden Effekt hat, der die Verbindung von Himmel und Erde versinnbildlicht. Über dem Wort „terra“ für Erde hingegen verwendet Strawinsky den eher irdischen Grundklang c-Moll. In ihm entfalten sich die kommenden Textzeilen, mit einer bedeutsamen Ausnahme: Bei „sicut et nos dimittimus debitoribus nostris“, wie auch bei „wir vergeben unsern Schuldigern“ kadenziert der Komponist wieder in die Dominante G-Dur und macht so erfahrbar, dass durch das demütige Vergeben die Verbindung zum Himmel geöffnet wird. Strawinskys „Pater noster“ wurde 1926 in Paris in der russischen Kirche an der Rue Daru in Anwesenheit des Komponisten aufgeführt, der in diesem Gottesdienst in den Schoß seiner Kirche zurückgekehrt, zum ersten Mal seit 1910 wieder kommunizierte. Das ist gut zu wissen und leider nicht selbstverständlich, da es durchaus Pfarrer gibt, die ihren Kirchenmusikern sagen „Wenn Sie geistliche Bedürfnisse haben, müssen Sie sich eine andere Gemeinde suchen – hier sind sie angestellt“. Strawinsky versuchte mit seinem „Pater noster“ ebenso wie mit anderen kirchenmusikalischen Werken wie seinem „Credo“ und seinem „Ave Maria“ sich, ähnlich wie die Mönche von Solesmes, die sich so sehr für die Restauration des Gregorianischen Chorals einsetzten, und diesen der Kirche ureigenen Gesang wieder neu ins Bewusstsein der Gläubigen brachten, für eine Form der Kirchenmusik einzusetzen, die den glühenden Kern des Glaubens in fokussierenden Klängen lebendig werden ließ.

Der Komponist griff dabei auf seine Erfahrung mit dem liturgischen Sängerchor am St. Petersburger Hof zurück, in dem auch sein Vater als Sänger aktiv gewesen war. Dieser Chor hatte schon zu der Zeit, als Strawinsky sich noch überwiegend in Russland aufhielt, nicht nur die damals besonders beliebten Vertonungen der liturgischen Gesänge von Dimitri Stephanowitsch Bortnjanski, Alexander Dimitrijewitsch Kastalsky, Alexei Fjodorowitsch Lwow, Alexander Musitschenko oder Pjotr Iljitsch Tschaikowsky gesungen, die eher romantisierend waren, sondern auch die responsoriale Psalmodie der armenischen, georgischen und syrischen Tradition präsentiert, deren modale Struktur dem Text gewissermaßen den Vortritt lässt und nicht in die Gefahr gerät, ihn durch üppige Harmonik zu überlagern. Die Transferierung seines „Pater noster“ ins Lateinische war eine bewusste Entscheidung, nicht nur für eine leichtere Rezeption in anderen christlichen Gemeinden im Westen, sondern für die Sprache selbst. Strawinsky formulierte dies so: „Es [das Latinische] hat den Vorzug, ein Material zu sein, das nicht tot ist, aber versteint, monumental geworden und aller Trivialität entzogen.“ Statt versteint würde man heute vielleicht kristallisiert sagen und damit das innere Leuchten beschreiben, das von einer lateinischen Liturgie ausgeht, deren tiefe Ruhe und Konzentration sich oft so wohltuend von der lärmenden Geschwätzigkeit volkssprachlicher liturgischer Feiern unterscheidet.

Nachhören können Sie das Pater noster von Strawinsky in der lateinischen Textfassung auf der CD Strawinsky. Psalmensinfonie, Messe, Canticum Sacrum, erschienen beim Label Hyperion. Es singt der Westminster Cathedral Choir unter der Leitung von James O'Donnel.

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