Ein Verlorener, der die rettende Planke suchte

Eleganz der Sprache mit einem asphaltglatten Stil: Vor 75 Jahren starb der österreichische Moses Joseph Roth in Paris. Von Urs Buhlmann
Foto: dpa | Der österreichische Schriftsteller Moses Joseph Roth mit der Morgenzeitung.
Foto: dpa | Der österreichische Schriftsteller Moses Joseph Roth mit der Morgenzeitung.

Es war wohl jene ungeheure Traurigkeit, die seit langem von ihm Besitz ergriffen hatte und die er nicht mehr abschütteln konnte: Der traurige Trinker-Tod von Joseph Roth vor 75 Jahren in Paris, am 27. Mai 1939, setzt den Schlusspunkt zum Leben des in Ostgalizien geborenen Schriftstellers und österreichischen Legitimisten, dem wir einige der besten Romane deutscher Sprache des letzten Jahrhunderts verdanken. Dort liegt ein Problem, denn über den ergreifenden „Hiob“ (1930), den Glanz und Zerfall der Donaumonarchie eindringlich widerspiegelnden „Radetzkymarsch“ (1932) und den das Schicksal einer zum Untergang verurteilten Welt deutenden Essay „Juden auf Wanderschaft“ (1927) drohen die trefflichen anderen Werke des Vielschreibers, der durchaus auch Zweitrangiges produziert hat, unterzugehen. In besonderer Weise sind bei Roth Lebensschicksal und Werk miteinander verwoben: Die Herkunft aus Wolhynien nahe der russischen Grenze wollte Roth in mehrfacher Weise verwischen.

Die jüdische Abkunft suchte er durch Phantastereien vom Vater als illegitimen Adelsspross oder Sohn eines Wiener Fabrikanten zu verdecken. Doch traf dies ebenso wenig zu wie die Behauptung, er habe in Armut und Not seine Kindheit gefristet. Nach allem, was man weiß, wuchs Roth unter bürgerlichen Umständen auf, nahm Violine-Stunden und erwarb die Matura als „Vorzugsschüler“, wie man in Österreich sagt. (Später schilderte er einen solchen, in der unsympathischen Variante, in einer Erzählung). Doch war die Jugend vom Verlust des geisteskrank gewordenen Vaters und dann von dem der Heimat gezeichnet – Roth und seine Mutter lebten ab 1914 in Wien, nur noch als Soldat kehrte er kurz nach Galizien zurück. Mit Ehrgeiz begann Roth ein Germanistikstudium und machte sich mit ersten journalistischen Arbeiten einen Namen. Sie lassen bereits die Eleganz seiner Sprache, einen klug beobachtenden, dabei asphaltglatten Stil erkennen, der auf den Boulevards von Wien, später Berlin und Paris seinen Schliff erhalten hatte.

Der junge Roth wird als zuweilen arrogant auftretender Dandy – wienerisch „Gigerl“ – geschildert, aber eben mit Talent. Geschichtspessimismus und vielfältige Verlustgefühle sollten ihn, der 1916 beim Begräbnis Kaiser Franz Josephs als Soldat Spalier stand und sich der historischen Bedeutung des Tages völlig bewusst war, nie mehr verlassen. Das galt auch für das Private: Die über alles geliebte Friederike Reichler, die er 1922 geheiratet hatte, zeigte schon bald Symptome des Wahnsinns. Sie entwand sich allmählich, aber unaufhaltsam seiner liebenden Sorge, sie entfernte sich von ihm. Roth wollte das nicht akzeptieren, selbst eine Art Exorzismus durch einen chassidischen Wunderrabbi ließ er durchführen. Doch war der Weg in die völlige Apathie nicht aufzuhalten. Ihr Mann war schon ein Jahr tot, als Friedl Roth 1940 in der NS-Tötungsanstalt Hartheim vergast wurde.

Die abgrundtiefe Melancholie des Joseph Roth und sein Alkoholismus haben Wurzeln. Schuldgefühle spielen wohl auch eine Rolle, denn schon relativ früh hatte er sich Geliebte genommen, die er, wie schon zuvor seine Frau, eifersüchtig zu überwachen suchte. Gleiche Widersprüchlichkeit zeigt sich auch im Werk: Vom Brotberuf her gut bezahlter Journalist, fand er nichts dabei, als „Roter Joseph“ für sozialistische Zeitungen, aber auch für den Berliner Börsen-Courier, die ziemlich rechten „Münchner Neuesten Nachrichten“ oder die bürgerliche Frankfurter Zeitung gleichzeitig oder nacheinander zu schreiben, dabei emsig zwischen Wien und Berlin pendelnd. Ursprünglich linksstehend, wandelte er sich zum Anhänger der nicht mehr existierenden Monarchie und sah in der katholischen Kirche ein Bollwerk für die von ihm schon früh als größte Gefahr erkannte „braune Pest“. Klarsichtig, wie er immer war, schrieb er am Tag der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 dem Freund Stefan Zweig: „Inzwischen wird Ihnen klar sein, dass wir großen Katastrophen zustreben... Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“

Roth geht nach Frankreich und kann dort als bekannter Autor zunächst gut leben. Kurz vor Kriegsbeginn kommt es, durch den jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch induziert und die hoffnungslose Lage verschärft, zum physisch-psychischen Zusammenbruch, dem am 27. Mai 1939 der Tod in einem Pariser Armenhospital folgt. Zuvor hatte ihm Otto von Habsburg strikt jeden Alkohol verboten. Er gehorchte sofort – kurz darauf starb er. Wenige Wochen vor diesem Ende war die Erzählung „Die Legende von heiligen Trinker“ entstanden: Ein Pariser Clochard, zum Mörder geworden am Gatten seiner Geliebten und nach dem Zuchthaus abgestürzt, bekommt von einem vornehmen Herrn 200 Franc mit der Auflage geschenkt, sie später der heiligen Therese von Lisieux in der Kapelle zu Batignolles zurückzuzahlen. Doch er ist Trinker, vertut dieses und weiteres Geld. Schließlich trinkt er bis zum Umfallen in einem Bistro, lässt sich in die Kapelle schaffen und stirbt dort: Sinnbild des Sünders, der nur noch seine Schuld Gott darbringen kann.

Ging die Forschung früher davon aus, dass Roth – weniger aus religiösen, mehr aus weltanschaulichen Gründen – katholisch geworden war, wird heute betont, dass es dafür keinen Beleg gibt. Die letzte Geliebte, die Schriftstellerin Irmgard Keun, erinnert sich nicht, dass er jemals zur Messe gegangen sei. Bei der Beerdigung auf dem katholischen Teil eines Pariser Friedhofs kommt es jedenfalls zu grotesken Szenen, als sowohl österreichische Kaisertreue als auch Juden und Kommunisten ihn für sich zu reklamieren suchten. Doch nicht für sein ebenso reiches wie tragisches Leben muss man Roth in Erinnerung behalten – und die Erinnerung durch Lektüre auffrischen – sondern wegen seiner schriftstellerischen Kunst, die mit völliger Treffsicherheit, dabei schlicht und genau formulierend, das Typische in Zeitgeschehen und Menschenleben festzuhalten vermochte. Er durchlebte und durchlitt in eigener Person die Zerrissenheit der Zeit, ahnte, wo die Rettungsmittel waren, ohne sich ihrer zu bedienen. „Es kommt nicht auf die Wirklichkeit an, sondern auf die innere Wahrheit“, dieser Satz erhellt Manches. Roth war ein tragischer Moralist, der ein Leben lang mit der Schwachheit kämpfte, auch der eigenen, und gegen die Niedertracht anrannte, die der anderen. Er war und blieb österreichischer Patriot, obwohl das Land die Menschen seiner Herkunft nicht schätzte. Am Ende der „Kapuzinergruft“, der nicht völlig gelungenen Fortsetzung des „Radetzkymarsch“, heißt es: „Österreich ist kein Staat, keine Heimat, keine Nation. Es ist eine Religion.“ Roth gehört zu deren Propheten. Wer ihn neu entdecken will, lese die späten Werke wie „Das falsche Gewicht“, die Geschichte vom gestrengen Eichmeister Eibenschütz, dessen Welt nach einer außerehelichen Liebschaft seiner Frau aus den Fugen gerät, bis alle Gewichte und Maßstäbe sich verschoben haben – Sinnbild einer Zeit, die am Ende auch ihren scharfsinnigen Diagnostiker Roth begrub.

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