„Ein Stück Weite des Reiches Gottes erleben“

Marie-Sophie Lobkowicz schreibt über den Glaubensweg ihrer Großeltern Marie-Louise und Albrecht zu Castell

In ihrem neuesten Buch beschreibt die junge Katholikin Marie-Sophie Lobkowicz die zahlreichen Wendepunkte im geistlichen Leben ihrer evangelischen Großeltern. In ihrem ersten Buch „Ich werde da sein wenn Du stirbst – eine wahre Liebesgeschichte“ hatte sie über ihr eigenes, inneres Leben erzählt. Sowohl die Fürsten zu Castell, als auch die Fürsten von Waldeck und Pyrmont können zu den ersten Familien gezählt werden, die in ihren Grafschaften Castell (Franken) und Grafschaft Waldeck (Nordhessen) die Reformation eingeleitet haben. Marie-Louise und Albrecht zu Castell, beide von Jugend auf in evangelischen Familientraditionen, heirateten 1951 in Arolsen, eine Ehe, aus der acht Kinder und in späterer Folge 31 Enkel, darunter die Autorin dieses Buches, sowie nach momentanem Stand vier Urenkel hervorgehen sollten.

Der Umstand, dass das Thema „Glaube“ in den ersten Ehejahren des Fürstenpaares keine besondere Rolle spielte, führte neben anderen Gründen wohl dazu, dass Marie-Louise und Albrecht zu Castell in eine immer tiefer gehende Ehekrise sanken, die vielen in der Umgebung nicht verborgen bleiben sollte. Erst ein Cousin von Marie-Louise zu Castell, Christian Fürst zu Bentheim, hatte den Mut, das unglückliche Ehepaar zu deren Teilnahme an einer Tagung des „Marburger Kreises“ zu überreden, einer religiösen Organisation, die sinnsuchenden und fragenden Menschen Zugänge zum christlichen Glauben anbieten will.

Im Zuge dieser Tagung, spürten Marie-Louise und Albrecht zu Castell zum ersten Mal, was es bedeutet, Teil einer lebendigen Glaubensgemeinschaft zu sein. Die „unbeschreiblich befreiende und entlastende“ Wirkung der Einzelbeichte, der gegenseitigen Aussprache tief liegender Probleme, des gemeinsamen Betens sowie der bewussten, öffentlichen Übergabe ihres Lebens in die Hände Christi – diese Erfahrungen bewegten beide tief und sollten nicht nur in das eigene Leben eingebracht werden, sondern begeisterten das Paar sprichwörtlich dazu, sich in die Aufbauarbeit des Marburger Kreises einzubringen. Albrecht zu Castell organisierte eifrig mehrere Tagungen in Castell, die sich hauptsächlich auf das Frankenland konzentrierten und unter zahlreichen Teilnehmern die erhoffte Wirkung zeigten. Aber nicht nur die Aktivitäten im und rund um den Marburger Kreis, sondern vor allem die Bekehrung zu Jesus Christus und das Wachsen in diesem neu erlebten Glauben ließen Marie-Louise und Albrecht stärker reifen.

Offenbar hatte das Fürstenpaar parallel zu diesem Engagement an den ökumenischen Kirchentagen in Königstein teilgenommen, da sie in diesen ein Angebot der Weiterentwicklung gefunden hatten und wahrscheinlich aus diesem Grund ihre aktive Mitarbeit in dem von einer schweren strukturellen und ideellen Krise heimgesuchten Marburger Kreis beendeten. So lässt es jedenfalls die Autorin anklingen.

Im ersten Moment mag diese nicht näher begründete Entscheidung als eine Abwendung empfunden werden; das fürstliche Paar aber sah in diesem Vorgehen keinen Bruch, sondern vielmehr die Notwendigkeit zu einer Weiterbildung ihres Glaubens, dessen „Grundschule“ sie im Marburger Kreise dankbar erhalten hatten.

Die Konsequenzen dieser Entscheidung, sollten tatsächlich für Marie-Louise und Albrecht zu Castell eine Horizontserweiterung ihres Glaubens bedeuten, denn in Königstein erlebten sie erstmals eine Gemeinschaft von Christen aller Bekenntnisse, deren Absicht es war, die von Jesus Christus erbetene Einheit zu bezeugen, zu leben, gleichzeitig aber ihr konfessionelles Bekenntnis zu bewahren.

Da für alle Teilnehmer dieser ökumenischen Tagungen der Glaube an die Realpräsenz Christi in der Kommunion eine Selbstverständlichkeit war, erhielten sie vom Bischof ihres Bistums (Limburg) die besondere Erlaubnis, an der Eucharistie teilzunehmen. So durfte also auch Fürst Albrecht zu Castell, im festen Glauben an die reale Vergegenwärtigung Christi, die Kommunion empfangen. Diese Erfahrung ließ ihn ganz konkret „ein Stück Weite des Reiches Gottes“ erleben und gewann sein Herz für die Einheit der ganzen Kirche Christi, ein großes Ziel seines damaligen und heutigen Glaubenslebens. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema erhielt durch die spätere Heirat von vier seiner Kinder mit Katholiken zusätzliches Gewicht.

In Anlehnung an die Königsteiner Tagungen wurde unter dem Vorsitz des Fürstenpaares in den späten sechziger Jahren das „Lebenszentrum für die Einheit der Christen“ auf Schloss Craheim gegründet. Es sollte in erster Linie ein eigenes Seelsorge- und Schulungsheim werden, in dem „Leiter dort Hilfe und Stärkung für die Arbeit in ihren Gemeinden finden sollten. Das war uns sehr wichtig“. 25 Jahre nach dessen Geburtstunde sollte Craheim ähnlich wie den Marburger Kreis eine schwere Krise heimsuchen. Alle Gründungsmitglieder hatten sich abgekapselt – alle bis auf das Fürstenpaar Castell, die in dieser Krisenzeit als Schirmherren ganz alleine dastanden.

Obwohl die ursprünglichen Probleme bis heute nicht vollständig gelöst werden konnten, ist Craheim mit seinem reichen Angebot an Ehe- und Heilungsseminaren, therapeutischer Seelsorge und Fasten-Tagungen, ein sehr fruchtbarer Ort. Für den Fürsten Albrecht zu Castell ist Schloss Craheim jedenfalls ein Ort, an dem er „große, wenn nicht die größten Glückserlebnisse“ und zugleich „tiefsten Demütigungen“ erlebt hatte.

Neben diesen Bemühungen um die Einheit der Kirche Christi müssen in Verbindung dazu auch die Versöhnungsversuche des Fürsten Castell besondere Erwähnung finden: Nach den vielen religiösen Gemeinschaften und Projekten, für die sich das Fürstenpaar neben ihrer Schirmherrschaft über Craheim engagiert hatte, nahm Albrecht zu Castell im Jahr 1995 an einer Reise in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz teil. Die Besichtigung der Gaskammern muss in ihm nicht nur eine tiefe Scham und Reue, sondern einen besonders tiefen, anhaltenden Drang erweckt haben, insbesondere Juden um persönliche Vergebung für die Wunden zu bitten, die ihnen von Deutschen während des zweiten Weltkrieges hinzugefügt wurden und unter denen sie noch heute zu leiden haben.

Mehrmals unternahm das fürstliche Paar auf eigene Initiative Reisen nach Israel, um auf offener Straße ganz persönliche und individuelle Versöhnung mit Juden zu erfahren, die sogar soweit ging, dass sie enge Freundschaften schlossen und sich seit jeher mit der messianisch-jüdischen Gemeinschaft stark verbunden fühlen, einer wachsenden Bewegung von Juden, die in Jesus Christus ihren Messias erkannt haben, gleichzeitig aber an ihrer jüdischen Identität festhalten wollen. Bevor Fürsten Castell sich aber voller Tatkraft und Energie für dieses idealistische Ziel im Rahmen einer Organisation namens „Toward Jersualem Council II“ einsetzen konnte wurde er in den siebziger Jahren von der Landessynode der evangelisch-lutherischen Landeskirche zum Prädikanten ernannt und musste nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Kirchenleitung einige enttäuschende Erfahrungen machen: die Demokratisierung, Bürokratisierung und somit weitestgehende Säkularisierung der evangelischen Kirche, die Verabschiedung des Theologinnengesetzes sowie das fehlende Schuldbekenntnis für ihrer Haltung im dritten Reich und der damit verbundenen halbherzigen Versöhnungsbereitschaft mit den Juden.

Diese Punkte zählten zu den ausschlaggebenden Gründen warum Albrecht zu Castell nach zwei Amtsperioden beschloss, aus der evangelischen Landessynode auszusteigen. In einem Brief an den Casteller Dekan Willi Schmidt betont er, dass seine Entscheidung, nicht mehr zur Wahl zu stehen, in keiner Weise Nicht-Mehr-Mitarbeiten-Wollen bedeutete. Nach Meinung der Autorin sei aber „eine gewissen Resignation nicht zu bestreiten“, denn ab diesem Zeitpunkt beschloss Albrecht zu Castell, seine ganze Kraft und Hoffnung auf die messianisch-jüdische Bewegung zu richten. Es erfordert tiefe Demut sowie in manchen Fällen sicherlich auch eine bis zur Selbstverleugnung gehende Nächstenliebe, um den ersten Schritt zu machen: um einen unbekannten Juden für eine Tat, die man nicht selbst begangen hat, persönlich und aufrichtig um Vergebung zu bitten. Daher verdient diese Tätigkeit größte Anerkennung und Hochachtung.

Die zahlreichen, schlagartigen Wendepunkte im geistlichen Leben des Fürstenpaares auf eine sehr schlüssige und übersichtliche Art und Weise zusammenzufassen, ist der Autorin Marie-Sophie Lobkowicz erfolgreich gelungen. Allerdings wird wohl dem einen oder anderen nicht-praktizierend christlichen Leser nur ein sehr oberflächliches Verständnis für den tieferen Sinn hinter diesen Wendepunkten vermittelt. Daher könnte „Auf geführtem Weg“ in erster Linie als Glaubensbericht bezeichnet werden – weniger als Glaubenszeugnis. Das Buch wird so manchen katholischen Leser zum Nachdenken anspornen, denn bei genauerer Betrachtung handelt es über das aufrichtige Ringen um tiefere Wahrheit in Jesus Christus.

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