Stadt als Bühne

Ein Rundgang durch das Welttheater Salzburg

Mozarts Geburtsstadt hat mehr zu bieten als den „Jedermann“: Unterwegs in einer Stadt, die wie eine Bühne wirkt.

Eine Stadt als Bühne“ oder „Großes Welttheater“, die Slogans, mit denen 100 Jahre Salzburger Festspiele gefeiert werden, treffen. Dieser Eindruck entsteht, vom Hauptbahnhof kommend, gleich im Mirabellgarten, wo Einhörner und Löwen als steinerne Statisten die Szenerie dominieren. Mächtig und majestätisch scheinen sie an diesem kühlen Augustmorgen, den der „Salzburger Schnürlregen“ dominiert, die einzigen „Lebewesen“ in der Parkanlage. Doch nein, stimmt nicht, merke ich, als ich im „Zwergerlgarten“ lande: skurrile kleine Gestalten im Kreis angeordnet, teils mit den traditionellen Attributen von Gartenzwergen, aber doch eher an die brummig-knorrigen Zwerge aus der Tolkien-Verfilmung „Der Hobbit“ erinnernd als an die lieblichen des Disney-Schneewittchens.

Durch Pfützen wate ich weiter, irgendwo soll es hier ja tatsächlich auch eine Freiluftbühne geben? Vorerst aber lenkt mich ein Heckenlabyrinth von der Suche ab. Faszination „Irrgarten“! Plötzlich öffnet sich in der Mitte der präzise gearbeiteten Heckenmauern ein kleiner Platz – die gesuchte Bühne! Eine einfache Steinplatte, gegenüber den (Garten)Bankreihen des Zuschauerraumes, aber deutlich höhergelegen: Theater reduziert auf seine baulichen Wesensmerkmale. Vielleicht wird die Gartenbühne auch für Konzerte der weltbekannten Salzburger Musikuniversität „Mozarteum“, die direkt gegenüber liegt, genutzt? Das charmante Freilichttheater kommentiert eine Steintafel mit Georg Trakls (1887-1914) melancholisch-romantischem Gedicht „Naturtheater“. Salzburg ist Bühne auf vielerlei Ebenen und in vielen Dimensionen.

Neben den Festspielen gibt es reizvolle Alternativen

Am Ende des Mirabellgartens geht es in diesem Sinne weiter: im hinteren Teil des Landestheaters wird das in den USA legendäre, hierzulande aber nur als Tourismusmagnet relevante Broadway-Musical „Sound of music“ über die Salzburger Trapp-Familiy als Marionettentheater gegeben! Das Salzburger Landestheater, an dem ich nun entlangschlendere, ehrt den Dramatiker Thomas Bernhard (1931-1989) mit einer Tafel seiner Uraufführungen während der Salzburger Festspiele: „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ (1972), „Die Macht der Gewohnheit“ (1974), „Am Ziel“ (1981), „Der Theatermacher“ (1985) und „Ritter, Dene, Voss“. Das nahegelegene „Café Bazar“ ist zwar zur Festspielzeit, die bis Ende August die Stadt prägt, voll, dennoch immer einen Besuch wert.

Apropos Festspielzeit, einen besonderen Reiz haben natürlich auch die weniger bekannten „alternativen“ Theaterangebote, wie das liebenswürdige „Salzburger Straßentheater“, das an verschiedenen Orten (bei Schönwetter) Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“ darbietet. Der Zuschauerraum entsteht aus Picknickdecken oder Campingstühlen. „Theater to go“ gewissermaßen – gab es aber auch schon vor der Pandemie …

„Wird das Gedränge zu anstrengend,
ist nach links durch malerische Höfe und Durchgänge
immer eine Fluchtmöglichkeit gegeben“

 

Nun geht es über die heuer wild und wasserreich dahinströmende Salzach hinein ins dramatische Epizentrum! Zwischen dem Hotspot „Getreidegasse“ und dem „Altem Markt“, wo das Café Tomaselli mit seinem unvergleichlichen „gerührten Eiskaffee“ und den am Tablett angebotenen Mehlspeisversuchungen lockt, entscheide ich mich für die Getreidegasse. Während der Lockdownwochen war sie tatsächlich leer, jetzt, im sommerlichen Aufatmen, wird sie wieder munter von Touristen bevölkert, die natürlich vor allem das Geburtshaus des Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) auf dem Programm haben. Wird das Gedränge zu anstrengend, ist nach links durch malerische Höfe und Durchgänge immer eine Fluchtmöglichkeit gegeben: durch die Roittner-Passage mit ihren prachtvollen Arkaden geht es hindurch zum Universitätsplatz, wo die Buchhandlung Höllriegl und das Zipfer-Bierhaus mich fesseln. Später biege ich in die „Wiener Philharmoniker Gasse“ ab, Salzburg ist ja auch *die* Sommerbühne für das weltberühmte Wiener Orchester: die Festspiele sind nicht denkbar ohne die Philharmoniker und ihre begehrten Konzerte. In der Franziskanergasse stehen die Container der Fernsehstationen, Salzburg ist im Sommer tatsächlich Weltheater! Und doch bleibt alles irgendwie sympathisch zugänglich: seitlich am Toscaninihof vor dem Mönchsberg stehen die großen Seitentore der Festspielstätten offen und geben beeindruckende Einblicke in die Bühnenkonstruktion.

Durch die beiden Höfe des Erzstiftes St. Peter gelangt man auf den historischen Petersfriedhof: Unterschiedliche Szenerien des Totengedenkens führen ebenso wie die Katakomben im Mönchsberg in eine andere Dimension. Ich verlasse den Schauplatz des Todes, auch hier wieder Zeilen Georg Trakls im Herzen: der Salzburger Pharmazeut und Dichter liebte den Petersfriedhof besonders, wovon das Gedicht neben dem Ausgang Zeugnis gibt: (….) „Der Himmel lächelt still herab/In diesen traumverschlossenen Garten/, wo stille Pilger seiner warten,/Es wacht das Kreuz auf jedem Grab.“ Unweit vom Friedhofstor geht es rechts hinauf auf den Nonnberg mit seiner traditionsreichen Benediktinerinnenabei; ein Abstecher, der sich auch wegen des großartigen Panoramas, das sich dort bietet, lohnt!

Dom und Domplatz als einzigartiger Aufführungsort

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Zurück ins Zentrum. Salzburg ist eine Stadt der Plätze, rund um den barocken Dom gehen die großzügigen Flächen von Domplatz, Residenzplatz, Mozartplatz und Kapitelplatz ineinander über. Die Statuen, Monumente oder Brunnen bilden die Kulissen für das Stehgreifgeschehen wechselnder touristischer und einheimischer Protagonisten. Der Kapitelplatz hinter dem Dom, dominiert von der „Sphära“, einer riesigen Goldkugel, ist jetzt Teil der Festspielarchitektur. War er während der Lockdowns erschütternd unbevölkert und nur durchhallt vom tröstlich-feinen Gitarrenspiel des immergleichen Musikers, so weisen ihn nun eine Riesenleinwand und unzählige Sesselreihen als zentralen Schauplatz der Festspiele aus. Etwas verborgen durch die „Kapitelschwämme“ (einer ehemaligen Pferdetränke) und hinter mächtigen Bäumen, liegt die neue Salzburger Dombuchhandlung: rund um den Gegenstand Buch wurde eine Bühne für Begegnungen geschaffen. Ein echter Geheimtipp, eine Oase im Trubel, die auch durch die Cafébar und das sympathische Ambiente punktet.

Als die Sonne den vermeintlichen Regentag verwandelt, geht's abschließend zum Domplatz, wo – wie jedes Jahr seit 1911 – vor der Fassade des Doms Hugo von Hofmannsthals „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ den vielbesprochenen Höhepunkt der Salzburger Festspiele bildet. Es ist übrigens immer einen Versuch wert, sich spontan um Stehkarten anzustellen. Dass der Regisseur Max Reinhart im damaligen Fürstbischof Dr. Ignaz Rieder einen Unterstützer seines Konzepts fand, die „Stadt zur Bühne“ zu machen, war eine glückhafte Fügung: Dom und Domplatz bilden einen einzigartigen, sich ideal in die Landschaft- und Stadtarchitektur fügenden Aufführungsort. Dennoch, die geheime Größe des „Jedermann“ liegt woanders: Hofmannsthals geniales Drama um ein Sterben, das da vor einer Kirche aufgeführt wird, ist nämlich – ungeachtet der jeweiligen Inszenierung – eine Ableitung des größten Dramas der Menschheitsgeschichte. Und dieses wird im Kirchenraum hinter der Bühne, dem Salzburger Dom, Tag für Tag in der Eucharistie vergegenwärtigt.

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